Fall 2: Herr und Frau P.: Auch nachbarschaftliche Hilfe braucht manchmal Distanz schaffende Formen (Bericht Gemeinwesenarbeiterin des Forschungsprojekts)

Der Fall von Ehepaar P. wird von der Gemeinwesenarbeiterin des Forschungsprojekts in das Team eingebracht. Vorausgegangen ist ein Gespräch mit Ehepaar P., das aufgezeichnet und transkribiert wurde.

Herr und Frau P. sind 78 und 81 Jahre alt. Sie leben seit den 1950er Jahren im Quartier und bei der Wohnbaugenossenschaft. Sie fühlen sich hier wohl und definieren sich als „gut integriert“. Sie kennen nach eigenen Aussagen „die Älteren hier fast alle, auch wenn immer mehr neue Menschen zuziehen, die man nicht kennt oder die man nur ab und zu einmal draußen sieht“ (Frau P.). Das zunehmende Alter bringt beiden Eheleuten manche Beschwernis. Sie glauben jedoch, dass sie sich ausreichend gegenseitig helfen können, und „wenn es einmal nicht mehr ganz langt, kommt sicher unsere Tochter aus W.“ (Frau P.). Die Frage, ob sie sich von Nachbarn unterstützen lassen wollen, beantwortet Herr P. kategorisch mit „Nein“ und beide betonen unisono, dass kostenlose Hilfe sie nur abhängig mache und abhängig wollten sie auf keinen Fall sein. Wenn es klar sei, dass diese Hilfe bezahlt werden könne und diese Hilfe einen angemessenen Preis hätte, sei das etwas anderes. Das weitere Gespräch machte deutlich, dass es um Distanz ging, die man sich durch Bezahlung einer Leistung sichern wolle.

Diese Erfahrung wurde dem Team vorgelegt und die Leiterin der Organisierten Nachbarschaftshilfe wurde gefragt, welche Möglichkeiten, das Ehepaar P. zu unterstützen, sie sehe. Die Einsatzleiterin trug vor, dass sie nicht tätig werden könne, wenn von dem Ehepaar nicht der erste Schritt ausginge. Anders als die Gemeinwesenarbeit, die ein zugehendes Konzept verfolge, sei sie Vertreterin eines Dienstes, der auf einen Auftrag zu warten habe. Die Motivierung der Probanden zur Annahme von freiwilliger nachbarschaftlicher Hilfe könne nicht Aufgabe eines fachlichen Dienstes sein, auch nicht der Organisierten Nachbarschaftshilfe. Ausschließlich wenn der Wunsch geäußert werde, dass eine personell benannte nachbarschaftliche Hilfe in einen Hilfemix im Sinne des Fallmanagements eingebaut werden solle, sei diese eine Aufgabe des ambulanten Dienstes.

Alle fachlichen Teammitglieder betonten, dass das Gespräch mit dem Ehepaar P. zeige, dass nicht alle Älteren kostenlose Hilfe von Nachbarn akzeptieren können. Die Akzeptanz kostenloser Hilfen setze oft lange persönliche Verbundenheit voraus. Sehr häufig sei es so, dass diejenigen, die Hilfe bekommen sollen, diese nur dann annehmen können, wenn sie diese bezahlen dürfen und/oder wenn sie in einem offiziellen Rahmen stattfindet. Insofern schien es in der Entwicklung plausibel, zu überlegen, ob nicht Menschen, die bereit sind, in der Nachbarschaft zu helfen, diese Hilfe im Rahmen der „Organisierten Nachbarschaftshilfe“ leisten können. Dies setze voraus, dass die dortige Einsatzleiterin sowohl bezahlte als auch nicht bezahlte Einsätze und Mitarbeiter in ihrem Dienst „beschäftigt“. Hier stelle sich jedoch auch wieder die Frage, wer eine solche Einsatzleitung bezahle, die kostenlose Einsätze mit organisiere.

 
< Zurück   INHALT   Weiter >