Fall 3: Herr und Frau R.: Wer keine Nachbarschaft will, kann auch nicht nachbarschaftsunterstützt gepflegt werden (Bericht Mitarbeiter Wohnanlage„Lebensräume für Jung und Alt“)

Herr und Frau R. (beide 90 Jahre alt) lebten früher in P. im eigenen Doppelhaus. Von dort zogen sie in die heimgebundene Wohnanlage, um näher bei ihren Kindern und besser betreut zu sein. Der Umzug wurde von den Kindern gewünscht und vorbereitet. Der Ehemann ist an Parkinson und einer vaskulären Enzephalopathie erkrankt. Die Versorgung übernimmt derzeit noch ausschließlich die Ehefrau. Beide sind nach eigener Aussage nicht bereit, externe Versorgung anzunehmen. Auf Wunsch des Arztes bereite allerdings der Sozialdienst des Heims jetzt die Tabletten für den Ehemann für die Wocheneinnahme vor.

Gespräche mit der Ehefrau, dem Sohn, dem Hausarzt, der Gemeinwesenarbeiterin der Wohnanlage sowie dem Heimleiter erbrachten, so der Bericht der Gemeinwesenarbeiterin, folgende Punkte: Auch in der früheren Stadt haben die Eheleute R. Hilfe von außen abgelehnt. Insbesondere äußerten sie sich negativ über nachbarschaftliche Hilfen. Zunehmend hätten die Kinder die Versorgungssituation kritisiert und dies habe zu dem Umzug geführt. Die Kinder hätten es lieber gesehen, wenn die Eltern in das Haus von Bekannten des Sohnes in das Erdgeschoss gezogen und dort einen ambulanten Dienst und die Unterstützung der Bekannten in Anspruch genommen hätten. Dies aber lehnten die Eltern ab. Ebenso wenig nutzen sie die in der Betreuungspauschale der Wohnanlage enthaltenen Gelegenheiten, Menschen im betreuten Wohnen oder im Heim kennenzulernen und sich mit ihnen anzufreunden. Sie fühlen sich als funktionierende „geschlossene“ Einheit und wollen selbstständig bleiben. Diesen Selbstständigkeitsdrang hätten sie auch früher schon gehabt.

Im Fall der Familie R. haben alle Befragten bestätigt, dass das Ehepaar im Blick auf eine nachbarschaftsgestützte Hilfe nicht offen sei und diese daher auch nicht zu realisieren sei, da es in diesem Fall keine lebensgeschichtlichen Bindungen an andere Menschen gebe und die Partner sich vollkommen auf sich selbst bezögen. Die Bereitschaft, sich angesichts einer solchen Haltung auf nachbarschaftliche Beziehungen einzulassen, ließe sich wohl auch durch die zugehende Gemeinwesenarbeit nicht schaffen.

Fall 4: Frau B: Trotz guter Nachbarschaft gibt es Grenzen der Versorgung, auch wenn private nachbarschaftliche Hilfe und Hilfe durch professionelle Pflege systematisch verbunden werden (Bericht des Gemeinwesenarbeiters des Altenhilfeträgers)

Frau B. (85 Jahre alt) pflegte ihren Ehemann fünf Jahre lang nach einem Schlaganfall und einer Beinamputation. Zuletzt wurde sie durch ihre Tochter unterstützt. Frau B. ist körperlich (Gelenke, Rücken) stark angeschlagen. Sie kann sich zum Zeitpunkt des Berichts nur noch im Rollstuhl fortbewegen. In der generationenübergreifenden (weitgehend barrierefreien) Wohnanlage, in der sie seit zwei Jahren lebt, ist sie gut integriert. Jedoch braucht sie zunehmend die Hilfe eines ambulanten Pflegedienstes. Es war dennoch nicht sie, sondern es waren ihre fünf Kinder, die sich entschieden, sie in die Obhut eines Heims zu geben, damit sie dort rund um die Uhr versorgt wird. In den Interviews, die mit Frau B. sowie mit zweien ihrer Kinder und der Gemeinwesenarbeiterin in der generationenübergreifenden Wohnanlage sowie mit der Pflegekraft des ehemals genutzten ambulanten Dienstes geführt wurden, wird nicht deutlich, dass irgendjemand versucht hat, im Fall von Frau B. das in der generationenübergreifenden Wohnanlage gepflegte bürgerschaftliche Engagement effektiv mit den bei ihr tätigen professionellen Diensten zu verknüpfen. Die Kinder machten jedoch im Gespräch deutlich, dass sie sich selbst infolge ihrer familiären und beruflichen Pflichten nicht in der Lage sahen, ihrer Mutter mehr als bisher Unterstützung zukommen zu lassen. Sie sahen zudem auch besondere Probleme darin, Unterstützung nachbarschaftlicher Art in Anspruch zu nehmen, „wo sie doch selbst Kinder hat und diese eine Versorgung nicht gewährleisten können“.

Der Gemeinwesenarbeiter des Altenhilfeträgers betonte, dass es seiner Erfahrung nach wohl einfacher sei, einen Mix aus privater, auch ehrenamtlicher Pflege und professioneller Pflege zu arrangieren, wenn keine Kinder da seien, die „Probleme mit ihrem eigenen schlechten Gewissen haben“.

Danach gefragt, wer sich denn im vorliegenden Fall für einen Pflegemix hätte einsetzen müssen und können, meint die Gemeinwesenarbeiterin des Forschungsteams: „Können hätten es sowohl ich als auch der ambulante Pflegedienst. Gemacht habe ich es. Aber es war in dem Fall nicht zu vermitteln.

 
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