Planerische Folgerungen zum Thema „Versorgungsmix“

Erkenntnisse aus den Fallanalysen

Die Fälle lassen erkennen, dass tendenziell ein erfolgreicher Hilfemix meist nur dann möglich ist, wenn die Menschen schon beim Eintritt der Pflegebedürftigkeit gut in die Nachbarschaft eingebunden sind und wenn sie und ihre Angehörigen einer solchen Lösung gegenüber offen sind. Ferner wenn eine lösungsorientierte, was auch heißt, den Fall sachlich reflektierende Person sich das soziale Umfeld der zu begleitenden älteren Person anschaut und (mit den Betroffenen beziehungsweise Angehörigen zusammen) für den Hilfebedarf Perspektiven entwickelt. Diese Hilfeplanung sollte:

• die Selbsthilfefähigkeit der betreffenden Menschen;

• mögliche Hilfen durch familiäre und ehrenamtliche Strukturen;

• die Notwendigkeit einer nachhaltigen Absicherung dieser „privaten“ Hilfen und ihrer Wirksamkeit durch eine begleitende Fachkraft;

• die Notwendigkeit der Ergänzung und Stabilisierung dieser Hilfen durch professionelle Hilfeangebote dort, wo diese für die Versorgung notwendig sind, klären.

Dabei zeigten unsere Fälle, dass nicht jede Fachkraft in der Lage ist, eine Hilfestruktur im Sinne eines „Hilfemixes“, der freiwillige unbezahlte Hilfe mit semiprofessioneller und professioneller bezahlter Hilfe verbindet, zu planen. Weder die Vertreter der professionellen Pflege noch die Einsatzleitung der Organisierten Nachbarschaftshilfe sahen sich in unserem Quartier dazu in der Lage. In den erfolgreich gelösten Fällen war stattdessen eher die Gemeinwesenarbeiterin erfolgreich, insbesondere dann, wenn sie im Wohnumfeld der Älteren von Hauspaten unterstützt wurde.

Fallbezogene Nacharbeit mit den Fachkräften der Altenhilfe

In den Fallbesprechungen sowie im Rahmen von anschließenden Gesprächen zum Thema „Personalmix“ mit den beiden Partnern Altenhilfe und Wohnungsgenossenschaft ergaben sich folgende Schwachstellen:

Die Organisierte Nachbarschaftshilfe, die im Quartier Galgenhalde teilweise Hand in Hand mit dem Pflegedienst, teilweise auch alleine tätig ist, könnte durchaus eher dem Prinzip der nachbarschaftlichen Versorgung entsprechen, als sie es derzeit tut. Voraussetzung ist, dass es ihr gelingt, ihre bezahlten HelferInnen tatsächlich aus der Nachbarschaft (also aus der Galgenhalde) zu rekrutieren. Interessant wäre auch, freiwillig tätige Nachbarn, die bislang schon im Geschehen ohne Kosten tätig waren, fachlich zu begleiten. Letzteres aber wird im vorliegenden Fall von der Organisierten Nachbarschaftshilfe, die sich in der Mitte zwischen (bezahltem) „Ehrenamt“, hauswirtschaftlicher Professionalität zuordnet, grundsätzlich abgelehnt.

Vor dem Hintergrund der primär professionellen Haltung im ambulanten Pflegedienst und bei der Organisierten Nachbarschaftshilfe wird die Gemeinwesenarbeit als Dienstleister für die Hilfeplanung (den Hilfemix) interessant, weil sie am ehesten ihre Aufgabe aus dem Verständnis bezieht, dass Selbsthilfe und Gegenseitigkeit die eigentlichen Grundlagen des Sozialen sind und dass erst, wenn sie nicht bestehen beziehungsweise auch nicht herstellbar sind, die professionelle bezahlte Arbeit eingesetzt werden sollte. In den Gesprächen wurde überlegt, die Stelle der Quartiersarbeiterin um diesen Aspekt, Menschen zu gegenseitiger Hilfe im Einzelfall zusammenzubringen und solche Hilfeleistungen zu fördern beziehungsweise zu erweitern. Dabei wurde deutlich, dass eine entsprechende Erweiterung des Stellenumfangs eine Aufstockung der Stelle um nahezu 100 % bedeuten würde. Diese zu finanzieren, sehen sich die Partner Altenhilfe und Wohnungsgenossenschaft derzeit nicht in der Lage.

Fraglich bleibt zudem, ob es der quartiersorientierten Sozialarbeit gelänge, die Abwehrhaltungen bei den Profis im ambulanten Pflegedienst wie auch bei der Organisierten Nachbarschaftshilfe und die aus Angst gespeiste Abwehr mancher Angehörigen zu überwinden. Diese Frage bleibt auch dann noch relevant, wenn es gelingt, im Rahmen der Pflegereform eine Finanzierung der Gemeinwesenarbeit aus Mitteln der Pflegeversicherung zu erreichen.

Die pflegerischen und hauswirtschaftlichen Kräfte der ambulanten Dienste des Altenhilfeträgers tun sich äußerst schwer mit der Anforderung, Dienstleistungsaufträge von Angehörigen zu hinterfragen im Blick auf die Ziele, zuerst Hilfe innerhalb der Nachbarschaft zu erhalten und erst dann durch professionelle Hilfe zu stützen. Stattdessen wird vorrangig, trotz der vielen Bekenntnisse, dass persönliche Hilfen Vorrang haben, ein professioneller Dienstleistungsauftrag erwartet und angenommen. Zudem wird im Sinne einer stark an die Fachlichkeit gebundene Qualitätsdefinition ausschließlich oder vorrangig nicht professionell organisierten nachbarschaftlichen Hilfen die ausreichende Qualität abgesprochen und auf die Notwendigkeit verwiesen, das Hilfeversprechen ordnungsgemäß, das heißt professionell, absichern zu müssen.

Prof. Dr. Sigrid Kallfaß Hochschullehrerin Sozialplanung und Gemeinwesenarbeit. Leiterin des Steinbeis-Innovationszentrums (SIZ) Sozialplanung, Qualifizierung und Innovation der Steinbeis-Stiftung Stuttgart. Standort: Meersburg.

Katarina Schulz Diplomsozialarbeiterin Hochschule Ravensburg-Weingarten. Arbeitsschwerpunkte: Gemeinwesenarbeit und Tagespflege, Bodenseekreis.

 
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