Das biopsychosoziale Modell

Das biopsychosoziale Modell wird als ein ganzheitlicher Theorieansatz angesehen, der sowohl biomedizinische Aspekte als auch psychosoziale Faktoren berücksichtigt. Mit diesem Ansatz soll die Körper-/Leibdichotomie in der Medizin überwunden werden. Die Medizin ist durch eine starke biomedizinische Sicht weise geprägt. Faktoren auf der psychischen und sozialen Ebene werden kaum oder gar nicht erfasst, da diese außerhalb des medizinischen Handlungsspielraums verortet sind. Jedoch spielen psychische und soziale Variablen eine entscheidende Rolle bei der Verursachung, Entstehung und Heilung von Krankheiten. Das biopsychosoziale Modell wurde als ein theoretisches Konzept eingeführt, um psychische, soziale und biomedizinische Faktoren zu integrieren und ihre Wechselwirkungen untereinander zu untersuchen, ohne dabei naturwissenschaftliche Aspekte zu vernachlässigen. Die interdisziplinären Faktoren werden zusammengeführt und führen zu einem besseren Verständnis und Forschungsergebnis von Gesundheit und Krankheit. Die Notwendigkeit einer neuen Betrachtung ergibt sich aus dem zu einseitigen Blick der Medizin auf den Körper. Lange Zeit sah die Medizin die Funktion des Körpers äquivalent mit einer Maschine an. Der Vergleich ist historisch belegt:

,,(…) den Körper mit Hilfe technischer Modelle zu beschreiben, ist jedoch nicht erst der Biomedizin vorbehalten. Bereits seit Beginn der Neuzeit dienten verschiedene technische Modelle zur Versinnbildlichung des menschlichen Körpers: zunächst die mechanische und später die funktionale Maschine. Und mit dem jeweiligen technischen Modell öffneten sich für die medizinische Therapie jeweils andere Möglichkeiten: so ermöglichte das Modell der mechanischen Maschine, wie es der analytischen Medizin zugrunde lag, theoretisch die Entwicklung der reperativen Chirurgie und der Prothesentechnik und das Modell der funktionalen Maschine bildete in der physiologisch-experimentellen Medizin den theoretischen Hintergrund für das Organkonzept“ (Manzei 2003, S.87).

Die Entstehung von Krankheiten wurde aus einer reinen physiologischen Perspektive betrachtet. Der Körper wurde als Maschine versinnbildlicht und eröffnete der Medizin dadurch einen Handlungsrahmen. Unstimmigkeiten, die zu einer Abweichung des „Normalzustandes“ führen, wurden als Defekte angesehen, die durch geeignete medizinische Behandlungsmethoden behoben werden können. Die Problematik ergibt sich, indem „der gravierende Nachteil dieses Erklärungsmodells [ist] die Tatsache, dass Maschinen weder fühlen noch etwas erleben können, und die Unmöglichkeit, psychische und soziale Einwirkungen auf den Organismus eines Menschen zu erklären oder auch nur für möglich zu halten“ (Uexküll 2011, S. 5). Der menschliche Körper wird dichotomisch betrachtet, indem Körper und Leib voneinander separiert wurden. Der Korpus wird auf eine rein funktionalistische Sichtweise reduziert, der nur durch biochemische Mechanismen zu erklären ist. Durch diese Annahme „(...) entstand die Vorstellung, dass psychische oder sozial ausgelöste Störungen weder >>wirkliche<< Krankheiten seien noch zu >>wirklichen<< Krankheiten führen könnten. Störungen auf psychischer und sozialer Grundlage würden neben den >>wirklichen<< Krankheiten, die in der Inneren Medizin und den anderen somatischen Fächern gelehrt werden, bestenfalls eine Sondergruppe von Beschwerdebildern darstellen, für deren Behandlung wieder eine neue Spezialdisziplin zuständig sei“ (ebd., S. 4). Soziale und psychische Faktoren wurden bis dahin bei der Krankheitsentstehung ausgeschlossen. Der Psychiater Georg Engel befand dieses Sichtweise als zu einseitig und entwickelte dahingehend die Theorie des biopsychosozialen Modells. In diesem Modell sollte die Aufspaltung der Körper/Leibdichotomie aufgelöst werden und eine Integration von psychischen und sozialen Faktoren stattfinden. Dadurch sollte eine ganzheitliche Erklärung der Entstehung von Gesundheit und Krankheit ermöglicht werden. Der Körper wird im biopsychosozialen Modell nicht als ein geschlossenes, sondern als ein offenes System betrachtet, das mit seiner Umwelt interagiert und im Austausch steht. Somit stellt sich die Frage, „an welchen Punkten der Äthiopathogenese oder des Heilungsprozesses haben psycho-soziale Faktoren einen wie großen Einfluss – sind solche eventuell vernachlässigbar oder aber prozessteuernd? Und in welchen Phasen des Krankheitsverlaufs zeigen psycho-soziale Variablen auf welche Weise ihre Wirkung“ (Egger 2005, S. 4). Dies soll zunächst in der theoretischen Grundlage des biopsychosozialen Modells verdeutlicht werden.

 
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