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4.1 Individualisierte Medizin

Die Individualisierte Medizin gilt als eine der vielversprechenden Innovationen innerhalb der Medizin und verspricht für den Patienten einen hohen Nutzen. In diesem Themenblock gilt es zu klären, was die Individualisierte Medizin ist, wie sie Erkenntnis generiert und welche Implikationen mit ihr verbunden sind. Hierfür waren die Literaturrecherche und die gewonnen Daten aus den Interviews die zentralen Quellen. Die Individualisierte Medizin ist noch ein sehr junges Konzept und unterliegt noch keiner eindeutigen Definition. Allerdings hat der TABBericht von 2008 eine erste umfassendere Definition und Typologie entworfen. Die Individualisierte Medizin zielt auf eine bedarfsgerechte Patientenversorgung ab. „Seit einigen Jahren werden wissenschaftlich-technologische Entwicklungen vorangetrieben, die zu einer >>Individualisierung<<, d.h. einer besseren Maßschneiderung von Gesundheitsleistungen auf die spezifischen Gegebenheiten beim einzelnen Patienten beitragen könnten“ (TAB 2008, S. 35).

Da die Individualisierte Medizin meist auf die Pharmakogenetik (d.h. auf die Genetik des Patienten abgestimmte Medikamentenvergabe) reduziert wird, hat der TAB-Bericht aus dem Jahr 2008 drei Treiber definiert, die das Arbeitsfeld der Individualisierten Medizin beschreiben. Unter Individualisierter Medizin wird eine mögliche zukünftige Gesundheitsversorgung verstanden, die sich aus dem synergetischen Zusammenwirken der drei Treiber „Medizinischer und gesellschaftlicher Bedarf“, „Wissenschaftlich-technische Entwicklungen in den Lebenswissenschaften“ und „Patientenorientierung“ zusammensetzt (vgl. ebd., S.7). Der Treiber „Medizinischer und gesellschaftlicher Bedarf“ bezieht die Betrachtung von sozialen und psychischen Faktoren mit ein. Die Krankheit wird nicht nur auf biologische Parameter bezogen, sondern in einem Gesamtzusammenhang gesehen, wie es das biopsychosoziale Modell vorsieht. „Zu den Faktoren, die die Entstehung und den Verlauf von Krankheiten beeinflussen, zählen verschiedene Umweltfaktoren- und Einflüsse, Lebensführung und Lebensstil, Ernährung, genetische Faktoren und Unterschiede in der Genexpression undregulation, psychische Faktoren sowie der Sozialstatus mit dem damit verbundenen sozialen Umfeld und den sozial geprägten Kompetenzen. Auch Alter, Geschlecht und Rasse sind relevant“ (ebd., S. 39). Diese Faktoren repräsentieren im Grunde genommen, die geforderten geschlechtsdifferentiellen Bedingungen im Hinblick auf die Biogenetik und die psychischen/sozialen Faktoren. Ähnlich wie die Individualisierte Medizin, postuliert das biopsychosoziale Modell: „Neben biologischen Risikofaktoren sind andere ebenfalls geschlechtsspezifisch verteilte und erworbene Faktoren zu berücksichtigen. Dazu gehören beispielsweise die Folgen riskanter oder übermäßiger Sportaktivitäten, Mangel an Bewegung, einseitige Ernährung, Rauchen, Alkoholkonsum und aggressive Verhaltensstile“ (Hurrelmann 2002, S. 92). Der Lebensstil findet eine explizite Berücksichtigung in der Genese von Erkrankungen.

Aufgrund der Neuartigkeit und Vielfältigkeit dieses Konzeptes und des Interpretationsspielraums, fällt die Frage, was nun die Individualisierte Medizin ist, sowie die Bewertungen hinsichtlich der Chancen und Risiken im interdisziplinären Vergleich sehr unterschiedlich aus. Ein gemeinsam geteilter Begriff sind die Biomarker, welche jeder der Befragten mit der Individualisierten Medizin assoziiert. Somit handelt es sich grundsätzlich um ein molekularbiologisches Verständnis. Biomarker sind biologische Merkmale, z.B. ein Gen oder eine Zelle. Prinzipiell sind es Produkte von einem Organismus, welche einen Rückschluss auf pathologische Zustände zulassen. Biomarker haben unter anderem auch das Ziel, Krankheitsrisiken von Personen bzw. Subgruppen vorherzusagen. Die Individualisierte Medizin wird seitens eines Mediziners im wörtlichen Sinne verstanden und als der Idealtypus von medizinischer Diagnostik und Therapie definiert.

„Eigentlich ist die Individualisierte Medizin ein urärztliches Anliegen, sie wollen dem Patienten helfen, wenn Sie dem Patienten helfen wollen, müssen Sie auf seine individuellen Bedürfnisse und Probleme eingehen, d.h. Sie werden nicht immer das gleiche Problem bei jedem Patienten mit der gleichen Methodik identifizieren können bzw. auch behandeln können. Die evidenzbasierte Medizin der letzten Jahre hat etwas dazu geführt, dass wir, wenn Sie sich große randomisierte, kontrollierte Studien anschauen, die Leute eigentlich sehr, sehr uniform betrachten(…). Aber eigentlich, wenn Sie zurückgehen, von dieser sehr uniformen Studienbeschreibung, in ihre tägliche Praxis, haben sie eigentlich ein ganz anderes Bild. Sie haben da noch Begleiterkrankungen, jeder hat seine eigene individuelle genetische Ausstattung, hat seine Bedürfnisse, seine Ziele, die er mit einer Therapie verbindet und das sollte man versuchen besser zu adressieren. Das ist im Prinzip genau das, was die Individualisierte Medizin ausmacht. Sie versuchen die individuellen Besonderheiten einer Erkrankung zu identifizieren und dann für diese individuellen Probleme Strategien zu entwickeln, die auch für den Patienten langfristig anwendbar sind und vielversprechend, erfolgreich sind“ (4MD).

Fraglich bleibt, was niedergelassene Ärztinnen oder Ärzte außerhalb des universitären Kontexts unter der Individualisierten Medizin verstehen und welchen Nutzen sie sich hiervon versprechen. So wird auch von einem Hype der Individualisierten Medizin gesprochen, welcher zukünftig den diagnostischen Leistungskatalog ausdehnen wird und sich ebenso als ein Instrument der Akquise von Forschungsgeldern etablieren wird.

 
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