Dimension Geschlecht im Kontext der (Individualisierten) Medizin

Es wurde bereits erwähnt, dass Diabetes nicht nur eine rein biologische Tatsache ist, welche ihre absolute Ursache im Körper bzw. im Genom des Menschen hat, sondern unter anderem bedingt wird durch bestimmte Verhaltensmuster von Bewegung, Ernährung, Körperwahrnehmung und Prävention. Allerdings sind diese spezifischen Verhaltensmuster keine individuellen Phänomene, sondern sie weisen soziale Regelmäßigkeiten auf. Neben dem Setting-Ansatz, ist das Geschlecht bezüglich Diabetes näher zu betrachten. Denn das Geschlecht bestimmt maßgeblich den Gesundheitszustand sowie das gesundheitsrelevante Verhalten und auch den Zugang zum gesundheitlichen Versorgungssystem. Doch zunächst werden wir uns mit dem Geschlechterverständnis in der Medizin beschäftigen.

So ist es in den Sozial- und Geisteswissenschaften gängig, mit „(…) dem Begriff >>Sex<< die biologische Ausstattung [zu bezeichnen] (…), mit dem Begriff >>Gender<< dagegen die soziale Ausgestaltung der Geschlechterdifferenz [zu nennen]“ (Blecker 1996, S.16). Die biologischen Unterschiede im Geschlecht scheinen eine naturwissenschaftliche Tatsache zu sein. Feministisch ausgelegte Autoren wie Judith Butler sehen diese Differenzierung anders. Sie argumentiert, dass die Differenzierung erfunden wurde, um die Formel „Biologie ist Schicksal“ zu beanstanden. In diesem Kontext muss berücksichtigt werden, inwieweit die Butler´sche Dekonstruktion zu interpretieren ist und ihr nachgegangen werden kann. Denn empirische Beweise für die geschlechtsspezifische Prävalenz von Krankheiten sowie Inanspruchnahme von Präventionsmaßnahmen sind geschlechtsabhängig und gegeben. Es sollte die Frage gestellt werden, welchen Beitrag eine „Dekonstruktion des Geschlechtes“ im medizinischen Bereich hinsichtlich Prävention, Kuration, Pflege und Rehabilitation leistet. Sicherlich sind geschlechtsspezifische Rollen ein Produkt gesellschaftlicher Konstruktion. Und gerade deshalb sollte diese Erkenntnis stärker nutzbar gemacht werden in der medizinischen Versorgung. Denn ein „Geschlechtsunterschied“ ist trotz „Dekonstruktionsdebatte“ da.

„Die Prägsamkeit oder das Geprägtwerden, wie so ein Stempel, durch psychische und soziale Faktoren ist durchaus möglich. Es löst aber die biologische Grundlage nicht auf. Es spezifiziert sie, es formt sie und ich denke, die biologische Grundlage ist immer etwas. In dem Sinne, wenn man jetzt Konstant sagt, wäre es zu stark, aber sozusagen die Basis, auf der irgendetwas überhaupt aufgeprägt werden kann und das Geschlecht als solches, da bin auch ich zu sehr Biologin, ich hab Biologie studiert. Das man sozusagen die Naturgegebenheit als solches in Luft auflöst und zu sagen alles ist da drin. Ich denke schon, dass es viele Phasen in dieser Geschlechtsentwicklung oder in dieser zur Entwicklung hin zum weiblichen oder zum männlichen Menschen gibt, das bestimmte Prägungen nach sich zieht und deshalb sozusagen wie quasibiologisch gedeutet wird, das würde ich durchaus zugestehen“ (1ME).

„Ich denke, das ist sicherlich ein Mischmasch aus beiden, ja natürlich ist das ursprüngliche Männer-Frauenbild, wie es vor hundert Jahren war, gottseidank nicht mehr so. Aber ich glaube dieses abzulegen wird noch weitere hundert Jahre oder zweihundert Jahre brauchen. Da bin ich fest davon überzeugt. Es gibt einfach Rollenbilder, in die wir hineingeboren werden und die wir dann auch bewusst und unbewusst annehmen und ein Teil Biologie wird halt auch einfach mit dahinter stecken. Das mit Sicherheit auch. Sonst hätten sich diese Rollenbilder vielleicht auch nicht so entwickelt, muss man sagen“ (4MD).

Dieses Geschlechterverständnis geht davon aus, dass die Biologie des Menschen die Grundlage für sämtliche Entwicklungsprozesse ist. Demnach wird Gender biologisch beeinflusst. So ist das Geschlecht ein Mischungsverhältnis aus Sex und Gender und keine separate Komponenten. Im folgenden Interviewabschnitt zeigt sich, dass die Sex-/Gender-Differenzierung keinen Einzug in der Medizin gefunden hat.

„Und da habe ich gesagt, bevor wir nicht Sex und Gender kennen, geht das nicht. Also Vorsicht. Ich trete jetzt hinter diese Barriere zurück, die ich so vor mir aufgebaut hatte und muss sagen: Das gilt nicht überall“ (3MG).

In der folgenden Interviewpassage wird begründet, weshalb sich die medizinische Sichtweise auf das biologische Geschlecht Sex reduziert.

„Ich glaube, die Medizin hat keine Idee von Gender, also wenn die Geschlecht denken, dann denken sie an Sex, also das, was uns hormonmäßig oder körperlich unterscheidet. Ich glaube auch, dass es deshalb so blind ist auf dem Auge, weil es eine patriarchal organisierte Wissenschaft ist. Also, d.h., wenn man wirklich Genderfragen in der Medizin thematisieren würde, müsste man auch viele Organisationsroutinen und viele Forschungsroutinen vom Kopf auf die Füße stellen. Das wäre eine riesige Herausforderung da selbstreflexiv zu werden. Und deshalb ist es auch einfacher, auf Parameter im Bereich der Hormone und der Biologie zu gucken. Aber das ist bei der Medizin extrem, aber das ist auch bei anderen so, dass es leichter auf so was verkürzt wird“ (2P).

Jedoch sind sich die Mediziner durchaus über geschlechtsrelevante Unterschiede in der Medizin bewusst. Denn biologische Geschlechtsunterschiede sind gegeben. Zudem lässt sich im Subtext eine grundsätzliche Frage bezüglich des Wertes vom Begriff Gender in der Medizin herausdeuten.

„In der Tumortherapie z.B. ist das anders. Da, wo Biomarker entdeckt werden, die dann eventuell, wenn sie dann noch untersucht worden sind auf die Geschlechter hin, können sehr segensreich sein, weil dann Medikamente eben eingesetzt werden, wenn es passt oder eben nicht. Denn jedes Medikament in dieser Therapiegruppe hat ja enorme Nebenwirkungen. Und wenn man dann den Kranken oder die Kranke nicht belasten muss mit einem Medikament, das ihr sowieso nichts bringt, für sie nicht taugt, dann beschützt man sie oder ihn. Deswegen muss ich sagen, dass es da sicherlich angebracht ist“ (3MG).

Darüber hinaus ist die Aufnahme des Wissens über Genderfragen im medizinischen Curriculum notwendig, um eine Genderwissensbasis zu fördern. Dieser Schritt ist nicht frei von Komplikationen.

„Nein und was uns natürlich noch ganz fehlt, ist, dass die Aufnahme dieses Wissens zwingend in das Curriculum ist. Darum geht es ja. Wobei das auch unheimlich schwierig ist. Denn gelehrt wird ja von vielen. Wenn man an einer Universität wissenschaftlicher Assistent wird, haben wir die Verpflichtung, in der Woche zu lehren. Wenn ich jetzt in meinem Studium über diese Unterschiede wenig gehört habe und vielleicht nur einzelne Spots aus meinem Fach kenne, wie soll ich das alles lehren? Und das ist meine Gegenfrage auch an z.B. Prof. X gewesen. Sie sagt, wir bauen jetzt so einen Lehrgang aus, so einen Studiengang nennt sich das ja, einen eigenen Studiengang aus, der sich damit befasst, dass das in die Lehre aufgenommen wird und zwingend dann auch in der Prüfung erscheint. Erst dann geht das ja alles. Dann habe ich diese dekorierende Frage gestellt: „Und was macht ihr mit den Lehrenden?“ Ja, wir müssten uns nun alle wieder auf die Schulbank setzten. Ja, wir müssten eben, das, was wir jetzt in dem Wahlfach machen, da müssten eben alle verpflichtend hinkommen. Letztlich müssen wir diese Vorlesung für die einzelnen Dozierenden anbieten“ (3MG).

Hinsichtlich der Individualisierten Medizin, die neben den biologischen Faktoren bemüht ist, geschlechtsspezifisch verteilte und erworbene Faktoren zu berücksichtigen, lässt sich im kommenden Interviewabschnitt zeigen, dass Geschlecht nur scheinbar implementiert wird, und zwar nur Sex und nicht Gender.

„Also wenn, dann ist es Sex und kein Gender, was da berücksichtigt wird. Also um das auf den Punkt zu bringen. Und ein bisschen, denk ich, hat die Individualisierte Medizin auch so einen Hype, weil es genau darum geht, ein bisschen Gender zu vermeiden. Also, das ist eine billige Art, vermeintlich genauer hinzugucken, ohne zu sozial zu werden“ (2P).

Zuweilen befindet sich die Individualisierte Medizin noch in der Entwicklungsphase. So wird auf die Biologie gerade ein größeres Augenmerk gelegt als auf geschlechtsspezifische bzw. genderspezifische Aspekte.

„Ja, natürlich, man kann ja nicht alles. Also diese genetischen Sachen sind ja schon so kompliziert, teuer und schwierig, dass man sicher froh ist, wenn man erst mal auf dieser Piste weiter kommt. Und gleichzeitig ist es ja so, dass diese Genderfragen, also diese psycho, soziale, kulturelle Rolle, in der wir uns alle befinden, Sie und ich und die und die, die sind ja gerade sich am verwandeln. Also, also ich würde sagen, das ist so komplex, dass man die Frage gar nicht so, wissen Sie, so einpolig sehen kann. Also die ist zu laserartig. Das ist nämlich gestern in dieser Vorlesung auch herausgekommen. Das ist ein multifaktorielles Zusammenspiel. Die sind jetzt auf dieser genetischen Spur. Das ist ja eine Spur, die auch ganz neu ist oder relativ neu. Die ist schon so schwierig und die ist schon so kompliziert, dass man die anderen Dinge dann drum herum, wenn die sich mit ergeben könnten, dann wäre das schön“ (3MG).

Bei der Sex-/Gender Debatte ist anzumerken, dass die androzentristische Sichtweise teilweise aufgebrochen wurde. „Die Einführung von Gender in die feministische Theoriedebatte in den 1970er Jahren soll als erstes Stadium der Wandlung betrachtet werden. Das Ziel war hier, die soziale Dimension der Geschlechterkategorien hervorzuheben und gegen biologische Interpretationen zu setzen, die Frauen stets als >>Abweichung<< und als defizitär klassifizieren“ (Kuhlmann/Kolip 2005, S. 52f). Das bedeutet, dass erst durch die Frauenbewegung in den 1970/80 er Jahren, das Eingeschlechtsmodell dekonstruiert wurde. Bis dahin galt der Körper des Mannes in der biomedizinische Sichtweise als Norm, die auf die Frau übertragen wurde. Im folgenden Interviewabschnitt wird deutlich, dass diese Dekonstruktion noch nicht alle Bereiche in der Medizin erfasst hat.

„Ja, kann sein, ja. Kleinere Männer, also sie [die Frauen] waren jedenfalls hinter dieser wichtigen Person nicht zu sehen. Und das war natürlich das Grundlegende. Aber das ist ja aufgebrochen. Und nachdem wir es endlich aufgebrochen haben, ist es jetzt eben so, dass man trotzdem Schwierigkeiten hat und diese Schwierigkeiten sind auch nicht ganz von der Hand zu weisen. Das muss man erst mal zugeben. Trotzdem kann man nicht einfach sagen: „Freiheit der Wissenschaft – wir forschen nur an Männern“. Und vielleicht später dann mal, wenn sich etwas herausgestellt hat, erforschen wir dann noch die Frauen. Das kenne ich. Diese Sätze sind nicht von mir. Die habe ich nicht erfunden, jetzt gerade eben, sondern die werden mir immer gestellt.

Denn mein Impetus in der Ethikkommission zu sein, war immer Gender und Sex. Sonst wäre ich da gar nicht reingegangen, also so im Hinterkopf. Und das hat auch dazu geführt, dass unser Formular sich vollständig verändert hat, in dem Bereich. Da wird jetzt ganz genau gefragt und da muss begründet werden, warum man das eine Geschlecht nur nimmt. Das braucht man in der Gynäkologie natürlich nicht. Das hat sich vertieft. Es gibt derweil ja viel Literatur zu den Unterschieden“ (3MG).

In Bezug auf die Butler´sche Dekonstruktionstheorie kann festgehalten werden, dass diese Ansicht auch im Kontext der Individualisierten Medizin immer noch als visionär angesehen werden kann. Denn sowohl im medizinischen als auch im gesellschaftlichen Bereich sind enge Rollenverständnisse vorhanden, welche an das biologische Geschlecht Sex gekoppelt sind. Darüber hinaus zeigt sich, dass Geschlecht als „Strukturkategorie“ fungiert und bedeutet, dass Geschlechterverhältnisse heute ein wesentlicher Bestandteil von gesellschaftlicher Ordnung sind und Geschlecht kein individuelles Merkmal ist, sondern auch gekennzeichnet ist durch Vorstellungen über Geschlecht in Organisationen, gesellschaftlichen Verhältnissen und Regelsystemen.

„Das ist visionär. Und wenn wir ohne Visionen wären, dann wären wir ohne Fragen. Also Visionär zu sein, ist immer gut. Es wird ja gerade unserer Politik vorgeworfen, keine Visionen zu haben. In der Medizin und in Ihrem Gebiet gibt es sie. Aber wissen Sie, wenn wir wieder zurückkehren, sind ja noch ganz andere Dinge nötig. Wir haben ja nach wie vor, also in unserem Land sieht man das auch, immer noch sehr enge Rollenverständnisse. Sie müssen jetzt die Industrie zwingen und es kommt jetzt auch aus der Industrie selber. Die haben nämlich gemerkt, die Frauen können sehr gut wirtschaften. Und manchmal sind sie knallhart und ja und eben nicht auf sich bezogen eventuell. Wir wollen hoffen, dass sie wenigstens 30 Prozent an Führungskräften haben. Stellen Sie sich mal vor, wir sind immer noch bei 12 Prozent oder so. An den Universitäten sind wir immer noch unter 10 Prozent, also jedenfalls an den medizinischen, da ist es noch viel schlechter. Geisteswissenschaften sind sie, glaub ich, bei 12-15 Prozent oder so. Also wir haben ja noch verfestigte Strukturen. Deswegen habe ich Ihnen gesagt, das ist eine Vision. Und wenn der Geschlechterkampf, der geht ja erst gerade los. Denn die Männer wehren sich jetzt. Der Numerus Clausus in der Medizin soll aufgehoben werden. Der muss auch aufgehoben werden, sonst sind die Männer weg vom Fenster. Das könnte wie ein Rebound-Effekt aussehen. Erst hat man uns unterdrückt und jetzt unterdrücken wir die Anderen ein bisschen. Mensch ist Mensch. Ja, auch wenn sie Östrogen im Blut haben. Also deswegen Vision. Diesen Genderaspekt, der ist noch nicht wirklich aufgebrochen“ (3MG).

Daran anknüpfend, wird in der folgenden Interviewpassage deutlich, dass eine Dekonstruktion von einigen gar nicht erwünscht ist. Zumal davon ausgegangen wird, dass es immer Unterschiede geben wird. In Gesellschaften wie Schweden, bei denen eine weitgehende Gleichberechtigung auch in der Arbeitswelt vorhanden ist, gibt es geschlechtsabhängige Unterschiede.

„Ich glaube ja nicht, dass Geschlechterkategorien irgendwie, ja also aufgelöst werden können. Also, ich fände das gar nicht wünschenswert. Also wenn man die Unterschiede und die damit verbundenen Geschichten nivelliert. Man muss genau hingucken und das ist immer ein zeittypisches Phänomen. Also welche Gruppe von Männern hat man gerade vor sich und welche Gruppen von Frauen? Natürlich geht es um Gleichberechtigung, gleiche Behandlungschancen und keine Diskriminierung. Und bei Forschungsfragen, um das ernst zu nehmen, dass es unterschiedliche Lebenswelten und so was gibt. Aber das ist jetzt keine Frage von werden wir dann irgendwann weiche Männer werden oder so was. Das spielt nicht mehr so eine Rolle, ob ich ein Mann oder eine Frau bin? Also ich glaube, es spielt immer eine Rolle, selbst in einer Gesellschaft, die wie Schweden, die weitgehend Gleichberechtigung auch in der Arbeitswelt und so was hat. Also es wird trotzdem Unterschiede geben. Die Unterschiede bleiben und diese sind vielleicht auch für beide Geschlechter interessant, die beizubehalten. Und das wird man in der Medizin nicht nivellieren. Also es wird vielleicht immer einfacher sein, bestimmte Sachen irgendwie an Frauen heranzutragen als Männer“ (2P).

Der Unterschied, welcher auch durch die Sozialisation bedingt ist, zeigt sich schon beim gesundheitsrelevanten Verhalten. So werden der Zugang und das gesundheitsrelevante Verhalten in den folgenden Interviewpassagen hervorgehoben.

„Ja, also mach ich das regelmäßig, mach ich das nicht, mach ich es nur, wenn ich merke, ich muss es jetzt machen? Und da gibt es auf jeden Fall einen Geschlechterunterschied, also wie behandlungstreu die Menschen eben sind. Frauen können es irgendwie leichter in ihren Alltag integrieren als Männer. Und damit muss man sich eben beschäftigen. Also muss man da ein bisschen Technik rein bringen, dass sie über Piepser daran erinnert werden oder spielerisch, oder schickt man denen SMSe

‚mach jetzt'. Also man könnte sich vieles Vorstellen. Und das ist alles jenseits von den Möglichkeiten von Individualisierter Medizin. Das könnte man im Rahmen von strukturierten Behandlungsprogrammen mal andenken“ (2P).

„Auf der anderen Seite ist es ja so, heute werden ja die Präventionsmöglichkeiten, die jetzt schon kostenlos angeboten werden, gar nicht verfolgt. Der Prozentsatz von Männern, die zu den Präventionsgeschichten gehen, ist sauklein“ (3MP).

Es wird deutlich, dass der Sozialisation und den Geschlechterrollen eine große Gewichtung zugesprochen wird. Da geschlechtsspezifische Rollen ein Produkt gesellschaftlicher Konstruktionen sind, sollte gerade deshalb diese Erkenntnis stärker nutzbar gemacht werden in der medizinischen Versorgung. So wird auf der sozialen Ebene durch die Gesellschaft definiert, was als typisch männlich und weiblich gilt. Mann und Frau werden als zwei polarisierende Dimensionen dargestellt, dies wird als Zweigeschlechtlichkeit bezeichnet (vgl. Siegrist/Möller-Leimkühler 2003, S. 132). Dadurch ergibt sich eine Dichotomisierung in Bezug auf wünschenswerte Persönlichkeitseigenschaften, Verhaltensweisen und Fähigkeiten. So ist das männliche Rollenstereotyp „(…) aggressiv, aktiv, rational, ehrgeizig, zielorientiert, durchsetzungsfähig, unabhängig, selbstsicher, abenteuerlustig (…) und entscheidungsfreudig“ (ebd. S. 132). Die Frau hat die gegenteiligen Attribute wie „(…) passiv, angepaßt, nachgiebig, vorsichtig, ängstlich, harmonisierend, abhängig, emotional (…)[und] wenig selbstsicher“ (ebd.). Diese Rollenstereotypen gelten gleichermaßen als ein Bewertungsmaßstab (vgl. ebd.). Werden geschlechtsspezifische Rollenerwartungen verletzt, indem ein Mann sich sehr vorsichtig oder emotional verhält, gilt dieser schnell als unmännlich.

„Also ich glaube, dass sie [die Frauen] in der gesellschaftlichen Arbeitsteilung irgendwie eher lernen, sich zu kümmern. Oder dass tatsächlich die Fürsorge für sich und für andere, für die nicht so fremd ist, wie das so bei den klassischen Männerrollen ist. Also das ist das eine und das andere ist, dass die eben im medizinischen Kontexten lange Zeit auf der Behandelten Seite standen. Also vielleicht sind sie auch besser dran gewöhnt. Keine Ahnung. Also wenn ich es jetzt böse sagen würde. Also ich glaube, es passt besser zu der Frauenrolle, sich darum zu kümmern und ich glaube, eher unter Männern findet man Einverständnis darüber: „Hast du deine Tabletten heute geschluckt oder nicht?“. Also es gilt eher als männlicher, wenn ich jetzt nicht alles mache, was der Arzt macht. Und bei Frauen würde das eher hinterfragt, also auch in sozialen Kontexten. Und bei Männern kann ich sagen, wie risikobewusst ich bin. Also was der Arzt mir jetzt gesagt hat, dann trotzdem irgendwie denken oder jetzt das nicht nehmen oder mal drauf ankommen lassen. Da könnte man unter Männern gut abfeiern. Aber Frauen würden eher gucken“ (2P).

Dadurch stellt sich die Frage, inwieweit die Geschlechterstereotypen verwendet werden können. Im Subtext schwingt auch eine Kritik an der dekonstruktivistischen Sichtweise mit. Denn ein Extrem wäre, das Geschlecht komplett auszublenden, wie es in den gängigen Präventionskonzepten der Fall scheint. Das andere Extrem ist es, sich komplett auf stereotypische Sichtweisen zu konzentrieren. Es wird für einen Mittelweg appelliert.

„Also das wird ja jetzt versucht, an Stereotypen und an Selbstwahrnehmung anzuknüpfen. Aber natürlich bestärkt man das. Also es ist kein unerfolgreicher Weg. Man erreicht damit mehr Männer als jetzt. Aber natürlich verändert man damit nicht Geschlechterverhältnisse und auch nicht die Männer. Dann machen die vielleicht Darmkrebs-Prävention, weil sie eben als mutiger Mann von der Krebsgesellschaft dafür geworben worden sind oder weil ihre Partnerinnen dafür instrumentalisiert worden sind, das zu Hause zu thematisieren. Aber damit verändert man nichts. Also, ich glaube, da fehlt einfach noch der Mittelweg, Geschlecht nicht völlig auszublenden, um zu sagen, dass es egal ist, ob es ein Mann oder eine Frau ist. Ich habe eine Gesundheitsbotschaft, lebe so und so, einfacher Tipp. Und das ist die Mehrzahl, wie die Prävention gerade gestrickt ist. Und das andere Extrem wäre dann tatsächlich, in die Stereotypen zu gehen und das zu machen. Und dazwischen wird es viele Wege geben, um auch zu gucken, wie man es besser machen kann“ (2P).

Trotz dieser Erkenntnisse wird der Diabetesprävention vorgeworfen noch immer geschlechtsinsensibel zu sein.

„Ja, da wäre z. B. die Frage. Ulla Walter hat das mal gemacht für ältere Menschen, die für so ein AOK-Programm „Gesund älter werden“ mit den Themen Bewegung und Ernährung. Und für Männer ist das Thema Mobilität gewesen und Ernährung gar kein Thema. Und für Frauen, also wie komm ich wohin und was kann ich machen. Frauen verstehen da schon was anderes unter dem Bewegungsthema. Also man müsste da schon gucken, kommuniziere ich mit einem älteren Mann oder mit einer älteren Frau, also dann in so einem Programm. Und das müsste man eigentlich auch für Diabtesprogramme alles machen. Die Disease-Management-Programme machen es ja beispielsweise auch nicht, die sind völlig ‚ungegendert' und die ganzen Ernährungsprogramme der Kassen auch“ (2P).

Die Bereitschaft zum präventiven Verhalten ist bei Frauen stärker ausgeprägt als bei Männern, so nehmen Frauen häufiger an Vorsorgeuntersuchungen und Früherkennungsprogrammen teil (vgl. Kolip/Koppelin 2002, S. 493). Zudem wird bemängelt, dass sich Präventionsprogramme lediglich an weiblichen Bewertungsmaßstäben orientieren und dadurch nur auf die weibliche Zielgruppe zugeschnitten sind. Um diesen Gender-Bias zu vermeiden, müssten Strategien des Gender Mainstreamings funktionieren.

„Das wäre z. B. schon die Frage. Also zu sagen, welche Sprache benutze ich oder welche Themen thematisiere ich? Und die Themen, die momentan oben auf der Liste sind, sind keine Themen, die Männer wirklich interessieren. Also Bewegung vielleicht noch, aber Ernährung ist schon hinter dem Stichwort schwierig zu thematisieren. Deshalb muss man tatsächlich gucken, wie man das macht. Und das geht eigentlich da nur, da kann ich mich nur wiederholen, über einen frühzeitigen Einbezug der Zielgruppen. Also das habe ich in Greifswald auch versucht zu sagen. Die meisten Programme erreichen die Zielgruppe erst, wenn sie sie in Anspruch nehmen sollen. Man müsste eben viel früher kommunizieren: „Brauchst du überhaupt ein Programm?“ „Und wenn ich ein Programm mache, wie erreiche ich dich?“ „Wann muss es sein?“ „Welche Uhrzeit?“ „Was soll es beinhalten?“ Also dass man da auch mehr in Kontakt kommt und das ist, glaube ich, auch eine Frage von Marketing und Einbezug, den man mit den Zielgruppen lernen kann“ (2P).

Jedoch wird im Zusammenhang mit der Diabetes Behandlung die Determinante Geschlecht an sich als ein Faktor von vielen angesehen.

„Also aus meiner Erfahrung, haben die Programme die meisten Erfolgschancen, die jetzt nicht am „Grünen Tisch“ entwickelt worden sind, sondern mit den Zielgruppen. Das ist eben der Unterschied zwischen Gesundheitsförderung und Prävention, dass ich nicht mit einem Thema an jemand ran komme. Diesem 55-jährigen Arbeitslosen mit Übergewicht, der gerne Chips vorm Fernseher isst, den ich schon mal zitiert habe, wäre tatsächlich die Frage, ob das Übergewicht sein Problem ist oder der schlecht eingestellte Diabetes. Oder sind es in seiner persönlichen Problemhierarchie ganz andere. Und häufig sind das ebenso wohlmeinende Geschichten, vielleicht gesundheitspolitisch unterlegt, weil es viel Geld kostet in diese Behandlung zu investieren, also zu sagen: „Das ist jetzt das Problem.“ Aber wir machen ja Programme in Schulen. Da muss man erst mal gucken. Wie sind die aufgestellt? Was erleben sie selber als Problem? Und da kann man vielleicht auch Sachen, die man von außen wahrnimmt, mit in solche Programme packen. Aber jetzt eben zu sagen, dass wir jetzt ein Programm für diese Gruppe brauchen, wäre schon der falsche Weg. Also ich würde tatsächlich dann auch sehr spezifisch hinzugucken. Also jetzt nicht ein Programm für männliche Diabetiker machen. Sondern zu gucken, wie kann man mit 50-60 jährigen arbeitslosen Diabetikern reden? Wie komm ich an die ran? Oder wie komm ich an 50-60 jährige verheiratete Diabetiker mit niedrigem Bildungsabschluss ran? Also das ist nochmal was anderes, man müsste es sehr genau mit den Zielgruppen machen. Also die Idee, dass nur der Diabetes und das Geschlecht sie verbindet, ist viel zu wenig. Also die sind ja trotzdem sehr unterschiedlich aufgestellt“ (2P).

In diesem Abschnitt des Ergebnisteils lassen sich die Variablen Prävention, Geschlecht, Diabetes mellitus und Individualisierte Medizin vergleichen. Im Zuge der Analyse der Interviews lässt sich aussagen, dass Gesundheitsförderung als Oberkategorie und demnach als Querschnittsaufgabe betrachtet werden kann. Die Vereinigung von verhaltens- und verhältnisorientierten Präventionsmaßnahmen ist zur erfolgreichen Förderung der Gesundheit sinnvoll. Es geht darum, Alltage, durch eine Entwicklung zu einem „gesundheitsfördernden Setting“, zu gestalten. So ist hinsichtlich der Diabetes Prävention nach Hauner et al. (2005) anzumerken, dass die Präventionsprgramme zwei Ansätze verfolgen sollten, zum einen die zielgruppenspezifische Verhinderung des Typ-2-Diabetes und metabolischen Syndroms und zum anderen die Förderung eines gesundheitsförderlichen Lebensstils auf Bevölkerungsebene. Ersteres geht einher mit der Verhaltensänderung. In diesem Kontext könnte die Prävention von der angestrebten Stratifizierung innerhalb der Individualisierten Medizin profitieren. Es zeigte sich aber, nach der Einschätzung der Experten, dass sich die Individualisierte Medizin noch in der Anfangsphase befindet. Dies wird vor allem an den nicht eingehalten Ansprüchen der Individualisierten Medizin selbst deutlich. So fokussiert sie sich derzeit stark an biologischen Faktoren und blendet soziale Faktoren, wie Gender aus.

Hinsichtlich des Geschlechts, welches in den Sozial- und Geisteswissenschaften in Sex, dem biologischen Geschlecht und Gender, dem sozialen Geschlecht differenziert wird, lässt sich festhalten, dass das androzentristische Weltbild in der Medizin aufgebrochen wurde und geschlechtsspezifische Unterschiede vorhanden sind. Dies wird beispielsweise in der Tumortherapie deutlich. Jedoch steckt das Geschlecht als „Strukturkategorie“ immer noch stark in gefestigten Strukturen sowohl in gesellschaftlichen als auch in medizinischen Bereichen. Deshalb ist es nötig, diese geschlechtsspezifischen Unterschiede in der Inanspruchnahme der Präventionsprogramme und der medizinischen Versorgung nutzbar zu machen. Neben der ungleich verteilten Inanspruchnahme der Präventionsprogramme, sind eben diese Programme höchst frauenspezifisch. Um diesen Gender-Bias zu vermeiden, sind Gender-Mainstreaming-Strategien nötig. Hat sich der Diabetes erst einmal eingestellt, so ist die Gesundheitsdeterminante Geschlecht als eine von vielen zu betrachten. In diesem Zusammenhang wird nach mehr Faktoren in der Lebenswelt gefragt und auf den Setting-Ansatz verwiesen. So wird auch von Hauner et al. (2005) im zweiten Punkt bei Diabetes-Programmen, nämlich der Förderung eines gesundheitsförderlichen Lebensstils auf Bevölkerungsebene, implizit auf Strategien der Gesundheitsförderung, im Speziellen auf die des Setting-Ansatzes verwiesen.

Dadurch kommen neben den verhaltensauch verhältnisorientierte Maßnahmen zum Zuge. Denn die Förderung des gesundheitsförderlichen Lebensstils soll nicht diabetesspezifisch sein. Es wurden in diesem Zusammenhang Maßnahmen genannt, wie betrieblich organisierte Gemeinschaftsverpflegung oder Reglementierung der Inhaltsstoffe von Lebensmitteln in den Supermärkten. Auch Fragen bezüglich der Partizipation in Netzwerken wurden aufgeworfen. Hier wird die Wichtigkeit der Schlüsselelemente des Setting-Ansatzes, Life Skills, Empowerment, Partizipation und Strukturentwicklung deutlich. Um präventiv gegen den Diabetes gewappnet zu sein, müssen diese Schlüsselelement greifen. So wurde bei den Disease-Management-Programmen zum Typ-2-Diabetes bemängelt, dass sie zum einen Chroniker „nötigen“, ohne die Vermittlung von Life Skills durch Empowerment Strategien zu fördern. Darüber hinaus wird zum anderen auch die Strukturentwicklung bei diesen Programmen bemängelt, obwohl Experten davon ausgehen, dass die Schlüsselelemente des Setting-Ansatzes einander bedingen und als komplementäre Bausteine fungieren.

 
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