Die gleichzeitige Behandlung von Depression und dem Langzeitblutzuckerwert bei Typ-2-Diabetes-Patienten

Besteht der Verdacht auf die Erkrankung Typ-2-Diabetes, muss auf der Ebene der Sekundärprävention angesetzt werden. Hier wird durch gezielte Diagnoseverfahren die Krankheit erkannt. Dann gilt es zu verhindern, dass sich weitere Erkrankungen wie Hypertonie oder Herzkreislauferkrankungen entwickeln können. Um den Diabetes zu behandeln, muss der Langzeitblutzuckerwert durch das Insulin stabilisiert werden. Eine relevante Frage für uns war, welche psychischen und sozialen Faktoren bei der Behandlung des Typ-2-Diabetes eine Rolle spielen. Eines unserer Ergebnisse ist, dass Typ-2-Diabetes-Patienten häufig mit einer Depression belastet sind. Die Ärzte konnten jedoch einen Behandlungserfolg erzielen, indem sie gleichzeitig den Langzeitblutzuckerwert hba1c und die Depression behandelten. Dazu haben wir einen Experten, der den Zusammenhang von Diabetes und Depression untersucht, befragt.

Der Typ-2-Diabetes äußert sich in körperlichen und in psychischen Symptomen. Die Erkrankung bestimmt den Tagesablauf und den Lebensrhythmus des Patienten. Ein Diabetiker muss penibel auf die Nahrungsmittelauswahl achten. Ist zudem die Aufnahme von Insulin nötig, kommt es häufig zur Gewichtszunahme. Somit muss sich der Erkrankte ständig mit seiner Nahrungsaufnahme auseinandersetzten, was wiederum zu Essstörungen führen kann.

„Dann haben wir ein anderes Problem, dass es halt auch oft so ist, dass mit der Insulinbehandlung oft auch so eine Gewichtszunahme einhergeht. Das bedeutet dann gerade bei jungen Frauen jetzt mit Typ-2-Diabetes, je nachdem in welchem Alter die dann halt sind, aber gerade so in der Adoleszenz ist dann natürlich oft: „Oh Gott Gewichtszunahme.“ Und dann gibt es auch so ein Phänomen, dieses Insulinpurching, also dass man z.B. versucht, Insulininjektionen auszulassen, um dann sozusagen eine Hyperglykämie zu erreichen und dann halt mehr Kalorien zu verbrennen. Das hat natürlich große Auswirkungen auf den Langzeit hba1c und natürlich auf die akuten Blutzuckerwerte“ (3P).

Dieses Insulinpurching führt dazu, dass die Insulinaufnahme vernachlässigt wird, was zu einer Verschlechterung des Langzeitblutzuckerwertes führt. Wie von unserem Experten beschrieben, fühlen sich vor allem junge Frauen unter Druck gesetzt. Auch die Prävalenz für Depression sah der Experte bei Frauen als erhöht an. Das könnte darauf zurückgeführt werden, dass hier ein Gender-Bias vorliegt. Depression wird als eine „Frauenkrankheit“ gesehen, während Männer sich keine „Schwäche“ eingestehen möchten und eine Depression eher verleugnen, was vor allem geschlechtsspezifischen Gesundheitsverhalten zugesprochen wird:

„Studien konnten wiederholt zeigen, dass depressionsbetroffene Männer weniger Symptome im Allgemeinen und seltener depressionsspezifische Merkmale schildern als Frauen“ (BKK 03/2011, S .184). Dies belegen auch die Zahlen des Robert Koch Instituts:

„Für Deutschland zeichnet der Bundes-Gesundheitssurvey von 1998 (BGS98) ein detailliertes Bild. Bei der Befragung ergab sich, dass 7,8 Prozent der Frauen und 4,8 Prozent der Männer zwischen 18 und 65 Jahren in den vorangegangenen vier Wochen unter einer Depression gelitten hatten. Den Daten zufolge, sind Frauen deutlich häufiger betroffen als Männer. Betrachtet man einen Zeitraum von zwölf Monaten, durchleben 15 Prozent der Frauen und 8,1 Prozent der Männer irgendwann innerhalb eines Jahres eine depressive Phase“ (Gesundheitsberichterstattung Robert Koch Institut 2006, S. 30).

Somit tritt eine Depression bei Frauen häufiger als bei Männern auf.

„Beim Typ-2-Diabetes, denke ich, ist es so, dass die Prävalenz natürlich erhöht ist für eine Depression. Die ist bei Frauen generell ein bisschen höher, die Prävalenz für Depression ist aber auch in der Gesamtbevölkerung bei Frauen höher als bei Männern. Also von daher lässt sich da schwer sagen, ob das jetzt ein diabetesspezifischer Aspekt ist, also ob Frauen mehr Schwierigkeiten haben mit ihrem Diabetes klarzukommen und deswegen auch häufiger eine Depression entwickeln oder ob es einfach auch was mit dem generellen erhöhten Depressionsrisiko für Frauen zu tun hat“ (3P).

Durch eigene Erfahrungen in der Praxis konnte der Experte darauf hinweisen.

„Also von daher ist es relativ schwierig zu sehen, also bei den Patienten, mit denen ich jetzt gesprochen habe, denke ich, war es oft so, dass bei den Männern z.B. so eine Belastung erst auf Nachfragen hin geäußert wurde. Also wenn man fragt: ‚Wie geht es Ihnen denn? Wie war denn so die Stimmung in den letzten vier Wochen? Waren Sie da niedergeschlagen?' Dann kommt erst mal ein Nein. Und ob Sie irgendwie Aktivitäten vernachlässigt haben? Nein. Und wenn man dann aber halt nachfragt, dann hat man so was wie Schlafstörungen und dann halt auch so was wie Libidoverlust, solche Sachen. Aber das sind natürlich auch Sachen wie Appetitverlust oder übermäßigen Appetit. Also dann sind da schon so kleine Depressionskriterien. Die kommen dann oft auf Nachfragen“ (3P).

Bei Männern muss somit spezifischer nachgefragt werden, das wird auch in der Gender Mainstreaming-Strategie gefordert. Hierbei soll auf spezifische Unterschiede gezielt eingegangen werden. Trotzdem erweist sich die Einbeziehung von psychischen und sozialen Faktoren in die tägliche Behandlung von Typ-2Diabetes-Patienten als schwierig. Diese Thematik soll im nächsten Kapitel behandelt werden.

 
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