Fallauswahl

Die gewählte Fragestellung bezieht sich auf die gesellschaftliche Problematik der Zunahme sozialer Ungleichheit im nationalstaatlichen Kontext. Konkreter geht es um die Frage der Möglichkeiten und Grenzen sozial-reformistischer Ansätze. Dabei soll nicht die globale Ebene internationaler Organisationen, sondern die nationalstaatliche Ebene im Zentrum der Betrachtung stehen. Dafür werden möglichst verschiedenartige und dennoch vergleichbare Länder für Fallstudien gesucht, um der These der Zentralität der gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse nachgehen zu können. Gleichzeitig soll es sich dabei um Staaten handeln, in denen reale politische Handlungsspielräume angenommen werden können, sodass sich vor Ort anzutreffende Kräfteverhältnisse auch auf die nationale Politik auswirken können. Außerdem sollen die untersuchten Staaten aktuell (also zu Beginn des 21. Jahrhunderts) über sozial-reformistische Regierungen verfügen.

Daher wird nach semi-peripheren Staaten Ausschau gehalten, die sich nach Wallerstein (1979, S. 48ff.) als Bindeglieder zwischen den kapitalistischen Zentren und den Peripherien definieren. Sie produzieren teilweise Industriegüter für den Binnenmarkt und schwächere Nachbarländer, exportieren jedoch trotzdem Primärgüter an Industrieländer und bleiben im Vergleich zu letzteren in einer peripheren Stellung. Im internationalen Beziehungsgeflecht legitimieren diese Staaten zwar einerseits die Stellung der Zentrumsländer, andererseits bieten sich besonders in der Semi-Peripherie Potenziale für progressive politische Veränderungen. Damit bieten sich interessante Anschlussmöglichkeiten an Debatten um die Etablierung eines neuen sozialen Paradigmas (Gore 2000; Noël 2006; OECD 2011). Die Argumentation Wallersteins ist zwar im Hinblick auf das Konzept der „Mittelschicht-Staaten“ problematisch, das von den internen Klassenverhältnissen abstrahiert und stattdessen Staaten selbst in Klassen einteilt (Radice 2009). Die Debatte um die Semi-Peripherie (Worth und Moore 2009) ist dennoch für diese Arbeit hochgradig relevant. Die größeren Handlungsspielräume der semiperipheren Staaten wird mit der Durchsetzung alternativer (revolutionärer) Gesellschaftsentwürfe in Verbindung gebracht (Worth 2009). Auch wenn Worth (2009: 21f.) davon ausgeht, dass diese revolutionäre Tendenz nach dem Zusammenbruch des Realsozialismus und der einsetzenden Globalisierung abgeschwächt wurde, sind es dennoch in erster Linie semi-periphere Staaten, anhand derer das Aufkommen eines „latenten Südkonsens“ (Gore 2000) diagnostiziert wurde, der als Alternative zum neoliberalen „Washington Consensus“ gilt.

Diesbezüglich besteht innerhalb des zuvor erarbeiteten Rahmens die Möglichkeit, mittels einer intensiven Einzelfallstudie neue Erkenntnisse zu gewinnen. Um jedoch Variationen in Makro-Phänomenen – wie z.B. den Einfluss gesellschaftlicher Kräfteverhältnisse auf Ungleichheit und gleichheitsorientierte Politik – zu verstehen, empfiehlt sich der Vergleich verschiedener Fälle (Rueschemeyer 2003, S. 332). Die ausgewählten Fälle sollten gemäß den Kriterien komparativer Geschichtsforschung ausreichend Ähnlichkeiten aufweisen, um sinnvoll miteinander verglichen werden zu können (Mahoney und Rueschemeyer 2003, S. 8) und gleichzeitig auch ausreichend Unterschiede aufweisen.

Die beiden Staaten der G20, die das höchste Ausmaß an sozialer Ungleichheit aufweisen, sind Brasilien und Südafrika. Ihre Sozialstrukturen zeigen in Bezug auf die Analysekategorien class, race und gender große Ähnlichkeiten; die historischen Entstehungsbedingungen der Ungleichheit sind jedoch höchst unterschiedlich. Während Brasilien erst 1888 die Sklaverei abschaffte, deren Erbe bis heute die sozialen Beziehungen prägt, herrschte in Südafrika bis 1994 das offen rassistische Apartheid-Regime. Beide Länder entwickelten sich zu ähnlichen Zeitpunkten – Ende der 1980er (Brasilien) bzw. Anfang der 1990er Jahre (Südafrika) – zu liberalen Demokratien. Sie werden gegenwärtig von sozial-reformistisch orientierten Parteien regiert, die mit unterschiedlichen Schwerpunkten gleichheitsorientierte Politik betreiben. Die jeweiligen Parteien an der Macht sind aus radikalen Basisbewegungen mit starker Bindung an Gewerkschaften hervorgegangen. Trotz der geografischen Distanz und der Lage auf zwei verschiedenen Kontinenten weisen die beiden Länder also ausreichende Ähnlichkeiten auf. Der verschiedenartige Hintergrund rechtfertigt ihre Auswahl für eine vergleichende Fallstudie vor dem Hintergrund des Verstehens aktueller reformistischer Politik in der globalen Semi-Peripherie.

 
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