Ungleichheiten zwischen verschiedenen Staaten

Die Debatte um Rassismus zeigt die Bedeutung einer Form von Ungleichheiten, die lange Zeit nur wenig reflektiert wurden: Ungleichheiten zwischen Staaten nahmen im 20. Jahrhundert stark zu. Milanovics (2011, S. 109ff.) Berechnungen zu Folge, waren 2002 Ungleichheiten zwischen Staaten für 80% der globalen Einkommensungleichheit verantwortlich, während es um 1870 bloß 40% gewesen wären. Staatsbürgerschaft wurde daher laut Milanovic (ebd.) ab etwa 1900 wichtiger als Klassenzugehörigkeit (vgl. auch: Marshall 1950). Das kann als Grundlage des Nationalismus gesehen werden, der oft Verbindungen mit dem Rassismus aufweist.

Wichtige entwicklungspolitischen Diskussionen beziehen sich auf Ungleichheiten zwischen Staaten: DependenztheoretikerInnen (vgl. Senghaas 1974, 1979b) thematisierten seit den 1950er Jahren strukturelle Ungleichheiten im Weltmarktzusammenhang als Trennung zwischen Zentrum und Peripherien und betonen dabei internationale Ausbeutung, die hinter dem Prozess der Peripherisierung der Staaten stehe: Ihnen zufolge fungierten die Länder der „3. Welt“ bloß als „Satelliten“ der Zentren (Industrieländer). Die Einbindung in den Weltmarkt erfolgte in peripherer – und von den Zentrumsökonomien abhängiger – Position, die durch Imperialismus und neo-imperialistische Praktiken hervorgerufen wurde. [1] Daraus entsteht eine Industriestruktur, in der industriell gefertigte Güter (mit hoher Wertschöpfung) aus den Zentrumsökonomien importiert werden müssen. Die daran anschließende politische Forderung war ein Abkoppeln vom Weltmarkt und die Erlangung von autonomer staatlicher Handlungsfähigkeit (Senghaas 1979a). Gleichzeitig thematisierten DependenztheoretikerInnen soziale Ungleichheit als Entwicklungshindernis. Fehlende Umverteilung führe dazu, dass breite Teile der Bevölkerung der Peripherie nicht an der kapitalistischen Entwicklung teilhaben konnten. Ihr Ausschluss verhinderte wiederum die Generalisierung des Massenkonsums, wodurch letztendlich ökonomische Entwicklung nach dem Vorbild der Zentren unmöglich würde. Diese Debatten haben große Bedeutung für Brasilien und sind Grundlage für eine progressive Form des Nationalismus, während für Südafrika die zuvor genannten Diskussionen über Rassismus wichtiger erscheinen.

  • [1] Unterentwicklung“ benannte dabei den Gegensatz zum früher unentwickelten Kapitalismus Europas (vgl. Frank 1969). In Dependenz- und der daran anknüpfenden Weltsystemtheorie wurden globale Ungleichheiten seit jeher in diesem Kontext diskutiert, wobei vor allem ein Mangel an nationaler Souveränität kritisiert wurde. Die Albert O. Hirschman entlehnten Begriffe von Zentrum und Peripherie dienten der Thematisierung ungleicher Entwicklungs- und Abhängigkeitsprozesse. Später wurden sie um den Begriff der „Semi-Peripherie“ erweitert: „Neben der Oberschicht von Staaten des Zentrums und der Unterschicht von peripheren Staaten gibt es eine Mittelschicht von Staaten der Semiperipherie“, wie Wallerstein (1979, S. 51) anmerkte. Grundlegende Unterschiede in Bezug auf periphere Gesellschaftsformationen wurden von DependenztheoretikerInnen dahingehend gefasst, dass sie nicht davon ausgingen, dass die europäische Entwicklung das zu erreichende Ideal darstellt und qua Nachahmung periphere Länder aus ihrer „Unterentwicklung“ gelangen könnten – wie dies von VertreterInnen der Modernisierungstheorie propagiert wurde (Kolland 2004). Der Unterschied zu den vormals kapitalistisch „unentwickelten“ europäischen Staaten bestehe daher in der Situation der „Unterentwicklung“.
 
< Zurück   INHALT   Weiter >