Multiple Ungleichheiten und ihre Artikulation

Das Zusammenspiel ungleichheitsrelevanter Kategorien wurde von den 1970ern bis in die 1990er im Rahmen der Debatte um „triple oppression“ (vgl.: Meulenbelt 1988) diskutiert. In den letzten Jahren rückte stattdessen der Begriff der „Intersektionalität“ in den Mittelpunkt der Diskussionen (Bond 2003a; Burman 2003; Butterfield 2003; Davis 2008; Klinger und Knapp 2008; Klinger et al. 2007; McCall 2005; Yuval-Davis 2006). Aus der feministischen Debatte kommend, wurde ursprünglich die Eignung von „Gender“ als zentrale Analysekategorie in Frage gestellt. Anfänglich von der US-amerikanischen Juristin Kimberle Crenshaw (1989) auf das Zusammenwirken von „Rasse“ und „Gender“ bezogen, wurde später auch das Zusammenwirken mit „Klasse“ und anderen Achsen sozialer Ungleichheit mitberücksichtigt. Mittlerweile schon für die zu breite Anwendung als „catchall phrase“ (Phoenix und Pattynama 2006, S. 187) oder „buzzword“ (Davis 2008) kritisiert, fungiert Intersektionalität einerseits als aktueller Begriff, um ältere Debatten um das Zusammenspiel unterschiedlicher Formen von Herrschaft und Unterdrückung zu thematisieren (vgl. z.B. Bonacich 1999; Eisenstein 1999; Haraway 1982; hooks 1981); andererseits wird unter der Rubrik auch auf Identity Politics (Bernstein 2005) und das Zusammenspiel von Sexismus, Rassismus und Hetero-Normativität eingegangen (Jackson 2006). Es existieren also unterschiedliche Zugänge zum Thema, die sich insbesondere in Bezug auf ihren theoretischen Referenzrahmen und bezüglich der Reichweite der Analyse unterscheiden.

Das mit „Intersektionalität“ bezeichnete Kreuzen von verschiedenen Achsen der Ungleichheit bzw. Identitäten verweist auf komplexe soziale Phänomene, die McCall (2005) zusammenfasst: Den ersten Zugängen „intrakategorialer Komplexität“ ging es um das Verständnis der Situation afro-amerikanischer Frauen, die weder mit Klassennoch mit „Rassen“oder feministischen Theorien voll erfasst werden konnte. Mittels thick descriptions in Einzelfallstudien wird versucht, spezifische vormals unsichtbare soziale Gruppen an den intersections auszumachen – z.B. afro-amerikanische Haushälterinnen – und dann deren spezifische Alltagserfahrungen näher zu beschreiben. Post-moderne bzw. post-strukturalistische „antikategoriale Komplexität“ ist ein Zugang, der im Anschluss an Foucault und Derrida analytische Kategorien zu dekonstruieren versucht. Die diskursive Konstruktion von Identitäten wird hier in Bezug zu „othering“ (die Abgrenzung der eigenen Identität von der der „Anderen“) gesetzt und in weiterer Folge für Exklusion und Ungleichheit verantwortlich gemacht.

Bei diesen beiden Zugänge zu Intersektionalität kommt dem Konzept der „radikalen Kontingenz“ (Laclau und Mouffe 2001; vgl. Scherrer 1995, S. 462) zentraler Stellenwert zu. Alle Beziehungen zwischen Identität, Interesse und Position können demnach nicht aus „objektiven“ Bezugsgrößen logisch gefolgert werden, sondern müssen offen gedacht werden. Daraus ergibt sich ein offenes System ungleichheitsrelevanter Kategorien, das kritisiert wird, strukturelle Momente der Unterdrückung de-thematisieren (Klinger 2008a; vgl. auch: Hill Collins 1995; McCall 2005). Daher plädiert McCall für die Erfassung der Intersektionalitäten in einem Zugang von „interkategorialer Komplexität“, bei dem die Beziehungen zwischen konstituierten sozialen Gruppen im Mittelpunkt stehen. Da der Fokus auf die strukturellen Beziehungen gelegt wird, ist hier die Kategorisierung unvermeidlich. Cornelia Klinger (2003, 2008a, 2008b) verortet sich ebenso wie McCall im Feld kritisch-realistisch inspirierter „interkategorialen Komplexität“. Sie betont die generierenden Mechanismen in Bezug auf die Strukturprinzipien – die Organisation der Arbeit, der Körper und von Fremdheit –, die durch den Zugang der „interlocking systems of oppression“ (Hill Collins 1995; vgl. auch: Andersen und Hill Collins 2003) wieder in den Fokus der Analyse kämen. Klassenspezifische Ungleichheit bezieht sie auf den Kapitalismus, geschlechtsspezifische Ungleichheit auf das Patriarchat. „Rasse“ bzw. Ethnizität werde von Kolonialismus bzw. Imperialismus (Klinger 2008a, S. 44).

 
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