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2.3 Kausale Mechanismen sozialer Ungleichheit

Debatten um die unterschiedlichen Kategorien sozialer Ungleichheit rückten oft Fragen um die Anerkennung von Differenz in den Vordergrund (z.B. Young 1990; Honneth 1994) – die Annahme einer homogenen Gruppenzugehörigkeit berufe sich implizit auf kulturelle Normen von „weißen“ Männern und führe zum Ausschluss subalterner Gruppen – der „Anderen“ – aus der Gesellschaft. Zygmunt Bauman (2001) kritisierte, dass die neue Betonung von Differenz sehr oft Ungleichheiten maskiere, weil die Forderung nach Anerkennung von Differenzen zur Legitimierung von sozialer Ungleichheit diene (das rechtskonservative Argument gegen „Gleichmacherei“). Nancy Fraser griff diese Kritik auf und verband im Rahmen einer Diskussion mit Axel Honneth dessen Konzept von Anerkennung mit den traditionell diskutierten Themen der Ungleichheitsforschung (Fraser 2003). Ihr zufolge zielen die Auseinandersetzungen im Rahmen der Identitätspolitik(en) auf Anerkennung (recognition) ab, während ökonomischer Benachteiligung vor allem mit Hilfe einer Politik der Umverteilung (redistribution) beigekommen werden könne. Die ökonomische Umverteilung hat ihr zu Folge Klassencharakter, die kulturelle Anerkennung der Differenz hingegen Statuscharakter. Später fügt sie der zweidimensionalen Konzeption sozialer Gerechtigkeit als Anerkennung und Umverteilung noch eine dritte Dimension – die der Repräsentation – hinzu (Fraser 2005, 2007). Damit thematisiert sie Fragen, die im Zusammenhang mit Demokratie und Mitbestimmung stehen – insbesondere die Frage der räumlichen Reichweite politischer Entscheidungen. Somit kann sie neben Debatten um „Globalisierung“ bzw. „Scale“ auch an die von Sen als zentral angesehene globale Tendenz Richtung liberaldemokratischer Transformation (Sen 1999a) wie auch an die post-koloniale Debatte um Repräsentation (vgl. Spivak 2008) anschließen. Das daraus resultierende „3-R Konzept“ Frasers dient im Anschluss als Orientierunghilfe bezüglich kausaler Mechanismen der Produktion und Bekämpfung sozialer Ungleichheit.

2.3.1 Exklusion und Repräsentation

Unter Repräsentation wird verstanden, inwiefern unterschiedliche soziale Gruppen ihre Interessen gesellschaftlich geltend machen können. Das betrifft einerseits das zuvor beschriebene Feld von Ungleichheiten zwischen Staaten und die damit verbundenen unterschiedlichen politischen Handlungsspielräume nationaler Politik (Fraser 2005). Andererseits ist damit aber auch ein Thema verbunden, das besonders für (semi-)periphere Staaten bedeutsam ist: die Exklusion (bzw. Marginalisierung) größerer sozialer Gruppen aus dem politischen und sozialen gesellschaftlichen Geschehen (vgl. Kronauer 2002). Dieser Ausschluss aus dem gesellschaftlichen Leben ist zentrales Merkmal von Exklusion, die z.B. in Lateinamerika schon seit Jahrhunderten systematisch existiert und Bevölkerungsmehrheiten betrifft (Fleury 1998), die in einer Art „subalterner Staatsbürgerschaft“ leben (Souza 2008). Die jahrhundertelange Toleranz des Phänomens beschreibt Souza (ebd.) als „Naturalisierung der Ungleichheit“.

Die Thematisierung sozialer Exklusion geht einher mit dem Begriff „underclass“ bzw. dem der „Überflüssigen“. Mit der „Unterklasse“ sind in erster Linie chronisch arbeitslose Menschen gemeint, die in weiterer Folge auch aus anderen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens fallen – und in diesem Sinne „überflüssig“ für die Gesellschaft werden. Diese Menschen konzentrieren sich räumlich auf bestimmte Viertel, wodurch in weiterer Folge die Exklusionsprozesse reproduziert werden (Wilson 1997, 2006). [1] Ein weiteres Problem dieser Menschen stellt dann auch Gewalt dar, die in den Ghettos verstärkt auftritt (Peterson und Krivo 2005). Gleichzeitig wird in der Literatur auch die „Selbst-Exklusion“ der „Eliten“ diskutiert (Gabbert 2007, S. 119ff.), die sich gegenüber den anderen Gruppen abgrenzen – mittels Habitus (Bourdieu 1982; vgl. den folgenden Abschnitt) und/oder auch räumlich über „gated communities“ (Hamnett 2001).

In der von Quijano angestoßenen Debatte um Marginalität bzw. den „marginalen Pol“ wurde deutlicher die Verbindung zum kapitalistischen Weltsystem und den Abhängigkeitsstrukturen in peripheren Gesellschaften gezogen als in den zuvor dargestellten (vgl. Imbusch 2008), deren VertreterInnen weitgehend von Ausgeschlossenen ausgehen, bei denen man “nichts finde, was auszubeuten oder zu unterdrücken wäre“ (Luhmann 1996, S. 227, zitiert nach: Kreckel 2008, S. 56). Den Begriff der „Überflüssigen“ leitet Quijano (1974, S. 327ff.) im Gegensatz zu aktuellen Zugängen von Marx' Konzept der „relativen Überbevölkerung“ her, grenzt ihn jedoch vom Begriff der „industriellen Reservearmee“ ab (vgl. dazu: Marx 1986, S. 657ff.). Letzterer Begriff suggeriert Quijano zu Folge eine vorübergehend arbeitslose Bevölkerung, die über ausreichend Qualifikation verfügt, um am Arbeitsmarkt für Konkurrenz zu sorgen und somit das Lohnniveau der übrigen Arbeitskräfte weiter nach unten drückt. Die Marginalisierten Lateinamerikas hingegen verfügen nicht über die geforderten Qualifikationen, um im dominanten Wirtschaftssektor arbeiten zu können und können somit als „Überflüssige“ auch nicht mit den Arbeitskräften dieses Sektors konkurrieren. Dennoch trägt ihre Arbeitskraft entscheidend zur Reproduktion des dominanten Sektors bei, der durch die niedrigen Reproduktionskosten konkurrenzfähiger wird. Die „Überflüssigen“ werden daher überausgebeutete und nicht aus dem Ausbeutungsprozess ausgeschlossen. Die Heterogenität der peripheren Gesellschaftsformationen stellt für Quijano und andere ein dauerhaftes Merkmal ihrer Entwicklung dar. Daher wird in der dependenztheoretischen Debatte von „struktureller Heterogenität“ (Córdova 1973; Pinto 1970) gesprochen.

Der Gegegenpol der Exklusion – Inklusion – ist ein verbreiteter Mechanismus einer auf Gleichheit abzielenden Politik, da er Teil des modernen Nationalstaats ist und BürgerInnen mit Rechten auf öffentliche Leistungen ausstattet (Therborn 2006, S. 15). Einerseits ist dafür die zuvor thematisierte Debatte um staatliche Handlungsspielräume im internationalen Staatensystem und „Entwicklungsstaat“ bzw. Sozialdemokratie relevant. Andererseits geht es auch um die Entwicklung innerhalb von Staaten. Der Begriff der „StaatsbürgerInnenschaft“ bzw. Citizenship (engl.), Ciudadania (span.) oder Cidadania (port.) erlangte große Bedeutung im Demokratisierungsprozess Lateinamerikas (Alvarez et al. 1998, 2004; Goodhart 2006). Ähnlich wie bei Spivaks „Can the Subaltern Speak?“ (Spivak 2008) steht auch hier die Frage der Repräsentation der Subalternen im Mittelpunkt. Als StaatsbürgerInnen stehen allen Mitgliedern der Gesellschaft Rechte zu, sowohl am gesellschaftlichen Reichtum gleichberechtigt teilzuhaben wie auch das Gemeinwesen demokratisch mitzugestalten. Historisch beziehen sich die entsprechenden Forderungen insbesondere auf die Erfahrungen der europäischen Wohlfahrtsstaaten während des Fordismus. Für diese Phase diagnostizierte der einflussreiche Soziologe T.H. Marshall (1950) das Aufkommen von „social citizenship“. Durch die Gewährung von politischen und sozialen Rechten würden Klassenunterschiede langsam verschwinden und an deren Stelle gleiche StaatsbürgerInnen einander gegenübertreten. Die Zugehörigkeit zu bestimmten Nationalstaaten würde somit die Klassenzugehörigkeit als wichtigstes kollektives Merkmal, das die soziale Hierarchie dominiert, ablösen. Der starke Fokus auf die Nation als identitär einendes Element kann einerseits kontraproduktiv im Hinblick auf die mögliche Förderung von Formen rassistischer Diskriminierung sein. Andererseits bezieht sich die Berufung auf gleiche Rechte auf die anschließend näher zu beschreibenden Forderungen nach Demokratisierung und Umverteilung und wendet sich insbesondere gegen die Degradierung von Menschen zu „BürgerInnen zweiter Klasse“ oder „Underclass“.

Demokratie und Repräsentation werden somit in dieser Arbeit nicht als rein formal-institutionelle Regierungsformen verstanden, sondern als Prozesse der Repräsentation bzw. Exklusion der verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen. In Anlehnung an Machiavellis (1990) Prinzip des „teile und herrsche“ ist es immer wieder auch ein wichtiger Teil der Strategien der Herrschenden, die Beherrschten in verschiedene Gruppen zu unterteilen, um somit deren kollektiven Widerstand zu verhindern.

  • [1] Mit der Betonung der räumlichen Einflüsse auf Exklusion hebt sich Wilson von konservativen Vertretern in der „Underclass“-Debatte wie z.B. Murray (1994) ab, die von pathologischen Phänomenen ausgehen und zu gesellschaftlichem moralischen Verfall führen würden und staatlich von „Wohlfahrts-Abhängigkeit“ genährt würden (kritisch dazu vgl.: Alcock 2006, S. 27ff.; Goldberg 2000, S. 166ff.).
 
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