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3.3.2 Hegemonie und passive Revolution bei Gramsci

Gramsci (1991ff.) erfasst gesellschaftliche Konflikte als Auseinandersetzung um Hegemonie innerhalb von „integralem Staat“ und „integraler Ökonomie“ (Jessop 1992). Staat und Ökonomie werden in diesem Zusammenhang als gesellschaftliche Verhältnisse betrachtet. Daher sind sie eingebettet in zivilgesellschaftliche Zusammenhänge. Innerhalb dieses Rahmens versuchen unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen, ihre Ziele in gesellschaftlichen Machtkämpfen durchzusetzen und Hegemonie zu erringen. Hegemonie wird dabei als ein „sehr außergewöhnlicher, historisch spezifischer und vorübergehender ‚Augenblick' im Leben einer Gesellschaft“ (Hall 1989a, S. 71) betrachtet, in dem „ein solcher Grad an Einheit erreicht [wird], der es einer Gesellschaft ermöglicht, unter Führung einer bestimmten Formation oder Konstellation gesellschaftlicher Kräfte eine neue historische Epoche zu beginnen“ (ebd.).

In diesen Auseinandersetzungen wird um gesellschaftliche Herrschaft gerungen, die zwei verschiedene Formen aufweist: „Konsens“ und „Zwang“ (Gramsci 1991ff., S. 782; 914ff.). Neben der Ordnung, die der Staat durch Zwang durchsetzt (wie z.B. dem Erlass von Gesetzen oder direkter Repression) ist daher die Herrschaft über Konsens mindestens ebenso wichtig. [1] Damit sind einerseits kulturelle Normen und Werte gemeint, wobei den Einflüssen von nicht-staatlichen Akteuren der Zivilgesellschaft[2] eine bedeutende Rolle zukommt. Diese Normen und Werte sedimentieren sich dann im Alltagsverstand und werden meist unhinterfragt reproduziert. Der gramscianische Hegemoniebegriff beinhaltet jedoch nicht nur kulturelle Faktoren, denn „hegemony cannot be reduced to issues of value consensus or winning the battle for hearts and minds“ (Jessop 1990, S. 217). Hegemonie kann nur bestehen, wenn Herrschaft auch mit materiellen Zugeständnissen der Herrschenden an die Beherrschten verbunden ist (Becker 2002, S. 128; Gramsci 1971, S. 161; vgl. auch: Leubolt 2006, S. 18f., 2008, S. 11f.). In diesem Sinne ist Gramscis Hegemoniebegriff umfassend. Es handelt sich nicht bloß um konsensuale (bzw. diskursive) Herrschaft wie einige Interpretationen der oft zitierte Formel „Staat = politische Gesellschaft + Zivilgesellschaft, das heißt Hegemonie, gepanzert mit Zwang“ (Gramsci 1991ff., S. 783) suggerieren. Gramsci bezeichnet nämlich an anderer Stelle die „Ausübung von Hegemonie“ als „Kombination aus Zwang und Konsens“ (Gramsci 1991ff., S. 1610). Gramsci betont jedoch gleichzeitig die Wichtigkeit kultureller (Konsens-) Faktoren für das Erreichen von Hegemonie:

„Das methodologische Kriterium, auf welches die eigene Untersuchung gegründet werden muss, ist folgendes: dass sich die Suprematie einer gesellschaftlichen Gruppe auf zweierlei Weise äußert, als ‚Herrschaft' und als ‚intellektuelle und moralische Führung'. Eine gesellschaftliche Gruppe ist herrschend gegenüber den gegnerischen Gruppen, die sie ‚auszuschalten' oder auch mit Waffengewalt zu unterwerfen trachtet, und sie ist führend gegenüber den verwandten und verbündetet Gruppen. Eine gesellschaftliche Gruppe kann und muss sogar führend sein, bevor sie die Regierungsmacht erobert (das ist eine der Hauptbedingungen für die Eroberung der Macht; danach, wenn sie die Macht ausübt und auch fest in Händen hält, wird sie herrschend, muss aber auch weiterhin ‚führend' sein.).“ (Gramsci 1991ff., S. 1947)

In diesem Sinne ist Hegemonie ein besonders gefestigter Grad von Machtausübung, der nicht in jedem Fall existieren muss, sondern als „Fundsache“ (Lipietz) betrachtet werden kann. Als Konzept für nicht-hegemoniale Herrschaft führt Gramsci (1971, S. 106ff., 1991ff., S. 961, 1090, 1734, 1778) die „passive Revolution“ ein, die er in seiner Analyse des italienischen Risorgimento entwickelte und dann auf Phänomene wie den italienischen Faschismus oder den USamerikanischen Fordismus anwandte (Sassoon 1982). Bei der Analyse der verhinderten bürgerlichen Revolution Italiens (nach französischem Vorbild) (des Risorgimento) nahm Gramsci die Ereignisse in den Blick, die Lampedusa später in seinem Buch zum Thema genial auf den Punkt brachte: „Wenn wir wollen, dass alles so bleibt wie es ist, dann ist nötig, daß alles sich verändert“ (Lampedusa 1968, S. 30), erfährt der Fürst von Palma hier von seinem Neffen Tancredi, der damit sein Engagement für die bürgerliche Revolution Garibaldis rechtfertigt. Die wichtigste Voraussetzung für die passive Revolution ist demnach eine Situation hegemonialer Schwäche:

„Es kann sich um einen Mangel an Hegemonie der herrschenden Klasse auf wirtschaftlichem oder sozialem Gebiet handeln (deshalb ihr Ruf nach dem Staat, um sich als Klasse zu konstituieren); es kann sich um eine kapitalistische Antwort auf eine Hegemoniekrise – oder eine Krise des Gesamtstaats – handeln, die sich von der revolutionären Zusammenbruchskrise des Staates grundsätzlich unterscheidet; oder der Staat bemächtigt sich einer sozialen und politischen Revolution, die sich z.B. von der Basis zur Spitze verschiebt. In all diesen Fällen schließt der passive Charakter des ‚Alles dem Staat' aus, daß eine Klasse zur hegemonialen und herrschenden Klasse wird. Sie bleibt korporatistisch und verteidigt ihre eigenen Interessen im bestehenden politischen Rahmen, ohne ihre eigene ökonomische und Klassenbasis durch einen Prozeß hegemonialer Vereinigung der verschiedenen revolutionären Subjekte zu überschreiten.“ (Buci-Glucksmann und Therborn 1982, S. 131)

Die passive Revolution ist also gewissermaßen der Gegenpart von Hegemonie, wobei die Grenzen dieser beiden Konzepte fließend sind. Grundlegendes Merkmal des Auftretens der passiven Revolution ist die starke Rolle des Staates, die gleichzeitig zur Schwächung der zivilgesellschaftlichen Basis und somit des Staatsprojektes führt. Es kommt zu Veränderungen im Block an der Macht, aber in Form einer konservativen Modernisierung und nicht in Form revolutionärer Transformation. Der Block an der Macht sieht sich zur Unterstützung einer „Revolution von oben“ gezwungen. In dieser Hinsicht ist Sozialpolitik nicht prinzipiell als passive Revolution zu deuten, es ist aber wahrscheinlich, dass sozialpolitische Maßnahmen als „Kitt“ eingesetzt werden, um passive Revolutionen zumindest teilweise konsensual bzw. auch klientelistisch abzusichern. Kennzeichen der „passiven Revolution“ ist, dass soziale Rechte nur für politisch besonders artikulationsfähige Gruppen gewährt werden, die z.B. durch strategisch wichtige Positionen, durch Streiks oder alternative gesellschaftliche Vorstellungen, dem Block an der Macht „gefährlich“ werden könnten (vgl. Leubolt und Tittor 2008, S. 117). Die Passive Revolution als „bürgerlicher Stellungskrieg“ (Buci-Glucksmann und Therborn 1982, S. 132) ist besonders aufgrund der HegemonieSchwäche in peripheren Gesellschaftsformationen häufiger anzutreffen als im Zentrum, besonders in Phasen von aufholender Industrialisierung (Morton 2007).

  • [1] Konsens und Zwang können dabei jedoch niemals getrennt voneinander betrachtet werden. Beispielsweise werden Gesetze zwar mittels staatlicher Gewalt exerziert – die Angst vor staatlicher Gewalt oder auch gesellschaftliche Moralvorstellungen und Normen bewirken dann schließlich bei handelnden Menschen das Einhalten oder Nicht-Einhalten der Gesetze (vgl. Foucault 1994).
  • [2] Zivilgesellschaft wird bei Gramsci als sozialer Raum verstanden. Alle Akteure, die nicht Teil des Staates sind, also die „gemeinhin ‚privat' genannten Organismen“ (Gramsci 1991ff., S. 1502), werden der Zivilgesellschaft zugerechnet. Demnach ist diese das Feld, in dem sich künftige Entwicklungswege durch Auseinandersetzungen über den Alltagsverstand entscheiden.
 
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