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3.6.1 Konjunktur, Krisen und Critical Junctures

“Konjunktur” fungiert als wichtiges konzeptionelles Bindungsglied. Sie wird definiert als “more than the 'present situation' disembedded from its multiple pasts and its potential futures: it is a specific, overdetermined condensation of intersecting processes that presents a path-dependent set of path-shaping opportunities. Crises of various kinds are especially important here” (Moulaert und Jessop 2006, S. 7). Jessop (2007a, S. 85ff.) erarbeitet im Zuge einer Studie von Marx'

„18. Brumaire“ (Marx 1965 bzw. MEW 8) – laut de Souza (2002, S. 9) der Prototyp einer Konjunkturanalyse – die grundlegenden Elemente einer politischen Konjunkturanalyse: (1) Die politische Bühne als sichtbare aber trotzdem „imaginäre“ Welt der Alltagspolitik mit ihren Akteuren, (2) die sozialen Inhalte der Politik im Sinn eines „hinter die Bühne Blickens“, um die in das Spiel von politischen Parteien verwobenen gesellschaftlichen Kämpfe zu Tage zu fördern, (3) die Auswirkungen dieser Kämpfe auf die institutionelle Architektur des Staates und (4) die Auswirkungen der lokalen, nationalen und internationalen Ökonomie im Sinne einer multi-skalaren Betrachtung. Der Begriff der Konjunktur wird also in diesem Zusammenhang nicht synonym mit der Beschreibung der ökonomischen Situation benutzt, sondern als „der Moment der Offenheit der Geschichte, eingebettet in den sozialen Beton, der den Fluss der Zeit determiniert. Diese Offenheit ist nicht zu jedem Zeitpunkt gleich, wiewohl Menschen und Organisationen zu jedem Zeitpunkt bedeutsame Entscheidungen treffen“ (Novy 2007, S. 59). Die im ASID-approach propagierte Konjunkturanalyse setzt auf ein ähnliches Element wie historische InstutitionalistInnen mit ihrer critical juncture: die Krise als möglichen Wendepunkt gesellschaftlicher Entwicklung.

Um die Gefahr des ökonomischen Determinismus zu vermeiden, können unter Rückgriff auf die Krisentheorie Poulantzas' (1973) (1) ökonomische von (2) politischen und (3) ideologischen Krisen unterschieden werden. Die ökonomische Krise als „jene Situation, in denen die Kapitalakkumulation ins Stocken gerät“ (Sablowski 2006, S. 259) tritt in dieser Lesart nicht notwendig mit politischen Krisen ein, „in denen der bestehende Modus der politischen Herrschaft in Frage gestellt wird“ (ebd.: 260). Politische Krisen treten hingegen meist im Gefolge von ideologischen Krisen auf, die als „Krise der herrschenden Ideologie in einer gesellschaftlichen Formation verstanden werden, d.h. eine Krise der Ideologie der herrschenden Klasse in dieser Formation“ (Poulantzas 1973, S. 76). Ideologie ist „in den Bräuchen und Lebensweisen einer Gesellschaftsformation verkörpert“ (Sablowski 2006: 263) und dient – wie im vorhergehenden Kapitel in Anschluss an Gramsci erarbeitet – der wichtigen konsensualen Absicherung von Herrschaft. Diese direkte Verknüpfung von Herrschaft und Ideologie (als „Konsens, gepanzert mit Zwang“; vgl.: Gramsci 1991ff., S. 783) führt dazu, dass im Anschluss an Poulantzas von einer notwendigen Verknüpfung ausgegangen werden kann, wie Sablowski (2006, S. 263) ausführt. Für den Faschisierungsprozess diagnostizierte Poulantzas (1973) auch, dass der ökonomischen Krise erst nach einiger Zeit politische und ideologische Krisen nachfolgten. Beim Zusammentreffen dieser Krisen kann in Anlehnung an Gramsci von „Hegemoniekrisen“ bzw. „organischen Krisen“ gesprochen werden (vgl.: Sablowski 2006, S. 261f.). [1] „Organische Krisen“ markieren oftmals gesellschaftliche Bruchpunkte, die in vielen historisch-institutionalistischen Arbeiten als „Critical Junctures“ bezeichnet werden (vgl. z.B.: Capoccia und Kelemen 2007).

Das Konzept der Critical Junctures erlaubt jedoch überdies auch, potenzielle Momente des Umbruchs zu diagnostizieren, zu dem es dann aber dennoch nicht kommt (Scherrer 1999). In gewisser Weise kommen in solchen Momenten gesellschaftliche Praxen „in Reibung“, die bis dahin nebeneinander existieren konnten. Die (zwar immer widersprüchlichen, aber) scheinbar funktionierenden gesellschaftlichen Abläufe werden gestört. Die politische Reaktion auf diese „Reibungen“ kann einerseits eine stetige oder auch eine radikale Form der Veränderung sein. Andererseits kann es jedoch auch zu einem „muddling through“ ohne nennenswerte Veränderungen kommen. Zu solchen Zeitpunkten potenzieller gesellschaftlicher Veränderung ist die Frage nach dem „warum?“ der eingeschlagenen Richtung von besonderem Interesse. Dieser Frage wird in dieser Arbeit der oben definierten Elemente der Konjunkturanalyse – im institutionalistisch-diskursiven Framework des ASID-approach begegnet. Critical Juncture dient dabei als Konzept, das es ermöglicht, feingliedrigere Analysen im Hinblick auf Potenziale für gesellschaftliche Veränderungen durchzuführen, als es die meisten Krisenanalysen zulassen würden.

Im Hinblick auf die hier angestrebte Konjunkturanalyse des semi-peripheren Reformismus in Brasilien und Südafrika trägt das zur dafür notwendigen Periodisierung bei. Wie im vorhergehenden Kapitel erörtert, wird mit der Periodisierung die untersuchte Konjunktur zeitlich und räumlich verortet. Räumlich wird das Wechselspiel internationaler und nationaler Einflüsse für Brasilien und Südafrika thematisiert. Dabei wird einerseits die Periodisierung der Regulationstheorie berücksichtigt, die aber andererseits durch die explizite Einbeziehung diskursiver Faktoren (z.B. der ideologischen Auswirkungen des Endes des „kalten Krieges“) ergänzt wird. In zeitlicher Hinsicht unterscheidet sich Periodisierung von einer strikt chronologischen historischen Darstellung dahin gehend, dass die Reihenfolge der als relevant ausgemachten Geschehnisse nicht zwingend dem exakten historischen Verlauf folgen muss. Die manchmal verzögerte Wirkung von Ereignissen kann zur Überkreuzungen und Überlappungen von Perioden führen. Daher können historische Wendepunkte verzögert Ereignisse einleiten (Jessop 2007a, S. 88f.).

Die im Rahmen einer Konjunkturanalyse durchgeführte Periodisierung soll hier dazu dienen, den als relevant betrachteten zeitlichen Horizont sauber zu operationalisieren, da „eine Vielfalt von Vorstellungen über den relevanten Zeitraum und über die zentralen Ereignisse, die den jeweiligen Pfad vorgeben“ (Scherrer 2001, S. 6) besteht. Die für diese Arbeit relevanten zeitlichen Horizonte beziehen sich auf die krisenhafte globale neoliberale Konjunktur vor der Weltwirtschaftskrise Ende 2008 und die in diesem Rahmen erfolgenden reformistischen Bestrebungen in Brasilien und Südafrika. Die jeweiligen Prozesse der Demokratisierung (ab Mitte der 1980er Jahre) werden als Momente der jeweils letzten „organischen Krisen“ und somit als wichtigster gesellschaftlicher Bruchpunkt der jüngeren Geschichte betrachtet, an denen sich die empirische historische Analyse orientiert. Somit wird die Zeitspanne zwischen dem Ende der 1980er Jahre und 2008 in der Analyse fokussiert. In dieser Zeit werden dann weitere Critical Junctures identifiziert, und nach den daraus resultierenden Handlungsoptionen gefragt werden.

  • [1] Die „organische Krise“ ist der in der Regulationstheorie als zentralem gesellschaftlichen Bruchpunkt definierten „großen Krise“ (vgl. die Ausführungen im vorhergehenden Kapitel) sehr ähnlich, bezieht jedoch stärker nicht-ökonomische Faktoren mit ein.
 
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