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5.3 Ethnisch differenzierter und rassistisch konnotierter Kapitalismus

Goldfunde im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts veränderten die Situation, da nun britisches Kapital in Goldminen zu investieren begann und in diesem Zuge neues Land im Landesinneren beanspruchte. Daher kam es zu Konflikten mit den burischen Republiken, die letztendlich im „Burenkrieg“ münden sollten. Der britische Sieg führte zur endgültigen Verdrängung der landwirtschaftlich dominierten Produktionsweise durch „racial capitalism“: In den Minen wurden zahlreiche neue Arbeitskräfte benötigt. Ab den frühen 1890er Jahren führte eine Offensive von „weißen“ Landbesitzern, Handelshäusern und dem Bergbaukapital zu neuen Gesetzen, die auf die Proletarisierung der afrikanischen Bauern abzielte.

Tabelle 39: Entlohnung afrikanischer Arbeitskräfte, % der „Weißen“, Südafrika, 1911-1990

Bergbau

Produktion und Bauwirtschaft

1911

8,6%

-

1930/31

8,8%

19,7%

1940/41

8,3%

18,6%

1944/45

8,6%

24,0%

1950/51

7,4%

21,5%

1955/56

7,0%

18,5%

1960/61

5,9%

18,6%

1970/71

4,8%

16,7%

1975/76

12,0%

20,7%

1980

17,0%

21,0%

1985

19,0%

22,0%

1990

-

29,5%

Quelle: Terreblanche 2002, S. 262

In dieser Phase wurde das „Migrant Labour System“ geprägt: Über staatliche Einschränkung des Landzugangs, kombiniert mit der Einführung neuer Steuern (die es notwendig machten, Geld zu verdienen) und restriktiven Migrationsbestimmungen, wurden männliche afrikanische Arbeitskräfte gezwungen, zu den Minen zu migrieren. Ihre Frauen mussten verweilen und die Subsistenzproduktion ohne männliche Mithilfe verrichten. Diese Steigerung der Ausbeutung weiblicher Arbeitskraft ermöglichte die Auszahlung von Löhnen unter Subsistenzniveau einer Familie. Dieses System prägte die südafrikanischen Arbeitsbeziehungen nachhaltig (Terreblanche 2002, S. 239ff.; Wolpe 1980a) wie die spätere Entwicklung des Lohnniveaus afrikanischer Arbeitskräfte zeigt (vgl. Tab. 39). Britische Pläne, nach dem „Burenkrieg“ die Migration aus dem Heimatland zu forcieren, um die Mehrheit unter den „Weißen“ stellen zu können, schlugen fehl. Mit wenigen Ausnahmen in der Kapprovinz war das Wahlrecht auf „Weiße“ beschränkt, unter denen die burische Bevölkerung etwa 60% ausmachte. Um die Kolonialherrschaft dennoch politisch abzusichern, gingen die britischen Kolonialherren erst einen politischen Pakt mit burischen Vertretern der „landwirtschaftlichen Aristokratie“ ein (Louw 2004, S. 21ff.).

Die Proletarisierung und Urbanisierung der burischen Bevölkerung ging nicht nur mit dem Verlust deren feudaler Lebensweise, sondern auch mit Verarmung einher. Die burische Unzufriedenheit gipfelte 1922 in der „Rand-Revolte“, die unter dem Banner „workers unite for a white South Africa“ gleichzeitig gegen britische Vorherrschaft und Tendenzen afrikanischen gesellschaftlichen Aufstiegs kämpfte und nur mit Militärgewalt niedergeschlagen werden konnte. Danach wurde Arbeitslosigkeit und Armut unter „Weißen“ als Gefahrenpotenzial für den Staat (als „poor white problem“) erkannt. Ein neuer Pakt wurde mit nationalistischen Vertretern (unter Hertzog, der bis 1939 Präsident war) und der Labour Party geschmiedet, die 1924 siegreich aus der Wahl hervorgingen. In dieser Zeit wurde das System des Racial Capitalism durch keynesianische staatsinterventionistische Politik gestärkt. Afrikaner waren weiterhin als billige Arbeitskräfte vorgesehen, die mit burischen Arbeitern konkurrierten. Gegen diesen Druck wurden über Staatsbetriebe (z.B. Eisenbahn) Beschäftigungsmöglichkeiten für burische Arbeiter geschaffen, während durch Anstellung in der Bürokratie und in Schulen eine burische Mittelschicht zu entstehen begann. Es wurden Gesetze zur „Rassentrennung“ (Pass Laws) in den entstehenden Städten erlassen, um Zusammenleben und dadurch entstehende Solidarisierung von afrikanischen und burischen Arbeitern zu verhindern (Louw 2004, S. 21ff.).

Van der Merwe (1997) zeigt in seiner historischen Analyse die Auswirkungen des „Rassenbündnisses“ auf die südafrikanische Sozialpolitik. [1] Neben zentral-europäischen Bismarck'schen Einflüssen war vor allem die liberale britische Poor Laws-Tradition wichtig für ein Sozialsystem, das von Anfang an rassistisch geprägt war. Ein starker Fokus auf Armutsbekämpfung wie auch die ungleiche Behandlung der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen wurden zu konstitutiven Bestandteilen des südafrikanischen Sozialsystems (vgl. Kruger 1992; van der Berg 1994). Um das „poor white problem“ effektiv bekämpfen zu können, wurde ein vergleichsweise progressives Steuersystem etabliert, das relativ generöse Sozialausgaben zu Gunsten der „Weißen“ ermöglichte (Seekings und Nattrass 2005, S. 75ff.). Das wichtigste sozialpolitische Programm war die Altersrente, die durch den Old Age Pensions Act of 1928 im Parlament verabschiedet wurde (Pelham 2007). Anspruchsberechtigt waren allein „Weiße“ und „Farbige“ (Männer ab einem Alter von 65, Frauen ab 60 Jahren), sofern die erforderliche Bedarfsprüfung ergab, dass sie nicht über die notwendigen Mittel verfügten, sich selbst zu versorgen. [2] Bis 1944 hatten „Schwarze“ kein Anrecht auf diese Sozialleistung. Ähnlich wurde auch bei anderen sozialpolitischen Programmen verfahren, die ebenso wie die Beschäftigungspolitik auf „weiße“ Haushalte mit gut bezahltem männlichen Familienernährer ausgerichtet war (Seekings und Nattrass 2005, S. 75ff.):

“Thus the state promoted the model of a household headed by a male breadwinner among white citizens and the model of a familial, peasant-based household among its African subjects.” (Seekings und Nattrass 2005, S. 83)

RegulationstheoretikerInnen (z.B. Gelb 1991) diagnostizieren im Hinblick auf diese Reformen das Aufkommen eines „rassistischen Fordismus“ (racial Fordism): Im Gegensatz zu den US-amerikanischen und europäischen Konterparts betraf die gesellschaftliche Inklusion eine Minderheit. Damit war die Basis für Massenkonsum nicht gegeben. Da die dominante Industrie exportorientiert war, musste der nationale Markt aber auch nur eingeschränkt entwickelt werden. Die Vertiefung des rassistischen Paktes hatte für die „weiße“ Minderheit aber ähnliche Konsequenzen wie der Fordismus in Europa oder den USA.

1939 gefährdete Südafrikas Beteiligung am 2. Weltkrieg (an der Seite Großbritanniens) den politischen Pakt. Weil die Mehrheit der burischen Bevölkerung Deutschland unterstützte, verließen Hertzogs Nationalisten die Regierung. Wirtschaftlich führte die Forcierung der Kriegsindustrie zu einem Boom und zu Arbeitskräfteknappheit. Daher wurden die Pass Laws gelockert und AfrikanerInnen migrierten in die Städte (106.000 von 125.000 neuen Arbeitskräfte waren

„schwarz“; vgl. Louw 2004, S. 25). Durch diese Welle der Migration waren erstmals mehr AfrikanerInnen als „Weiße“ in den Städten, die teilweise in Arbeitsbereichen für besser Ausgebildete Fuß fassen konnten und daher vom burischen Proletariat als Konkurrenz wahrgenommen wurden.

Abbildung 48: Ungleichheitsregime, Südafrika, bis 1948

Quelle: Eigene Darstellung

Sozialpolitische Reformen begleiteten diesen Trend: In dieser Phase begann die Regierung, soziale Rechte auf die gesamte südafrikanische Bevölkerung auszudehnen. Wie die Höhe der Renten zeigt, gab es zwar weiterhin gravierende Unterschiede, die nun aber tendenziell abnahmen: 1948 bekamen „Farbige“ und „InderInnen“ 50% und „Schwarze“ 25% des Betrags der „Weißen“ ausbezahlt. Zwischen 1935 und 1945 verringerte sich der ausbezahlte Betrag (in ReallohnTermini) an die „Weißen“, während AfrikanerInnen ab 1944 anspruchsberechtigt wurden. [3]Abbildung 48 skizziert das südafrikanische Ungleichheitsregime bis zur Einführung von Apartheid 1948.

Auf internationaler Ebene begann sich nach dem Ende des 2. Weltkriegs ein neuer Diskurs zu etablieren: Die USA und Großbritannien unterzeichneten die Atlantic Charter, die auf unabhängige post-koloniale Staaten mit liberalen politischen Systemen setzte. Damit war das südafrikanische Wahlrecht aufgrund der rassistischen Diskriminierung diskreditiert. Unter der burischen Bevölkerung wurden dadurch Ängste vor sozialem Abstieg geschürt und eine relativ neue Partei konnte sich etablieren: Ab den 1930er Jahren opponierte eine anfänglich kleine Gruppe radikaler burischer Intellektueller gegen britischen Imperialismus und gründete die National Party (NP). Ihr Hauptaugenmerk galt vordergründig der Stärkung der burischen Bevölkerung: Kulturellen und wirtschaftlichen Aspekten wie der Verwendung der burischen Sprache (Afrikaans) im Wirtschaftsleben (z.B. über Kampagnen des Einkaufens nur in Afrikaans) wurde gleichermaßen Aufmerksamkeit geschenkt wie der sozialen Lage (Louw 2004, S. 24ff.). Burische ökonomische Netzwerke entstanden unter dem Banner des „Volkskapitalisme“ (O'Meara 1983). Die Ideologie des radikalisierten burischen Nationalismus (Apartheid) definierte sie als eine der ethnischen Gruppen („Stämme“; „tribes“), die (ebenso wie die anderen afrikanischen „Stämme“) ein Recht auf Selbstbestimmung habe, das durch den britischen Imperialismus gefährdet sei (Louw 2004, S. 27ff.). Basierend auf christlichem Nationalismus, ging es laut Louw darum, „to halt the way capitalist urbanization eroded cultural differences by homogenizing different ethnic groups and assimilating them into a unified South African (Anglodominated) culture. […] For Afrikaner nationalists, their cultural survival took precedence over profits.“ (Louw 2004, S. 36)

Somit grenzte sich die NP vom liberalen Kapitalismus britischer Prägung ab. Die christliche Ideologie führte zur Dämonisierung des „gottlosen“ Kommunismus, aber auch zur Abgrenzung vom Faschismus[4]. Im Zuge der 1940er Jahre konnte sich die NP die politische Unterstützung der burischen Bevölkerung sichern: Das Kleinbürgertum, das (zahlenmäßig große) Proletariat und das (kleine) Kapital sprangen früher auf als die Farmer des Nordens, die durch Versprechungen von Restriktionen gegen das Abwerben ihrer Arbeiter durch britisches Kapital gewonnen wurden (Louw 2004, S. 37ff.).

  • [1] Der folgende Absatz zur Sozialpolitik bezieht teilweise einen unveröffentlichten Beitrag mit ein, der gemeinsam mit Claudia Hofmann verfasst wurde.
  • [2] Die ländliche Lebensweise der überwiegenden Mehrheit der AfrikanerInnen diente als Argumentationsgrundlage für deren Ausschluss aus sozialpolitischen Programmen, da die familiäre soziale Versorgung als dazu gehörend vorausgesetzt wurde.
  • [3] Da die Sozialrenten der Tradition der Poor Laws folgten, wurden sie nur an „Bedürftige“ (Männer über 65 Jahre und Frauen über 60 Jahre) ausbezahlt, die nicht über die notwendigen Mittel verfügten, sich selbst zu versorgen. Die rassistischen Ausschlüsse wurden offiziell damit begründet, dass die rurale Lebensweise der afrikanischen Bevölkerung mit familiärer Versorgung einherging und somit keine staatlichen Mittel nötig wären.
  • [4] Louw (2004, S. 37) führt aus, dass es während der 1940er Jahre inner-burisch-nationalistische politische Auseinandersetzungen zwischen der NP und der nationalsozialistischen Ossewabrandwag (OB) gab, die die NP für sich entscheiden konnte.
 
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