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5.6 Entwicklung und Veränderungen der südafrikanischen Sozialstruktur

Statistiken im Hinblick auf Armut und Ungleichheit werden in Südafrika kontrovers diskutiert. Im Gegensatz zu Brasilien wird nicht vorbehaltlos auf die Statistiken des staatlichen Statistik-Amtes (Statitstics South Africa; vgl. statssa.gov.za) zurückgegriffen. Selbst innerhalb der Regierung gab es immer wieder Kontroversen zur Validität der Daten – insbesondere Mitte der 2000er Jahre, als die Statistiken die Zunahme von Armut und Ungleichheit seit dem Ende der Apartheid anzeigten, stellte selbst der amtierende Präsident Mbeki die Validität der staatlich erhobenen Daten in Frage (Berger 2009). Auch unter SozialwissenschafterInnen werden Validität und Datenauswahl kontrovers diskutiert wie z.B. die Debatte zwischen Meth (2007, 2008) und van der Berg u.a. (van der Berg et al. 2007b; van der Berg et al. 2008) zeigt. Aufgrund dieser Kontroversen[1] wird in dieser Arbeit darauf verzichtet, ebenso viele Statistiken wie zum brasilianischen Beispiel darzustellen.

Im Anschluss wird stattdessen versucht, die zentralen Trends, die in der Fachliteratur (z.B. Bhorat und Kanbur 2006; Seekings und Nattrass 2005) benannt werden, nachzuzeichnen: Seit Ende der 1970er Jahre zeichnet sich eine Veränderung des Arbeitsmarktes ab: Die technologische Entwicklung führte dazu, dass in den ökonomisch wichtigsten Sektoren (MEC, Landwirtschaft) weitaus weniger Arbeitskräfte mit niedrigem Ausbildungsniveau benötigt wurden, während Knappheit an Arbeitskräften mit höherem Ausbildungsniveau entstand. Die rassistische Arbeitsteilung des Apartheid-Regimes wurde daher schon während der 1970er Jahre aufgeweicht. Sozialstrukturell hatte das zur Folge, dass wenige „Schwarze“ sozialen Aufstieg in die (meist unteren) Mittelschichten erlebten, während viele (hauptsächlich „schwarze“) ArbeiterInnen mit geringem Ausbildungsniveau ihre Arbeitsplätze verloren (Webster 2005; Webster und Omar 2003; Webster und von Holdt 2005).

Neben den zuvor diskutierten Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt (vgl. Tab. 41) spiegeln sich diese Entwicklungen auch in der Einkommensstruktur wider. 1993, zum Ende der Apartheid, konzentrierten sich 47,7% des Einkommens beim reichsten Dezil, während nur 0,5% auf das ärmste Dezil fielen (vgl. Tab. 42).

Tabelle 42: Einkommensverteilung und -höhe nach Dezilen, Südafrika, 1993

Dezil

Anteil

Einkommensspanne (Rand pro Monat)

Durchschnittseinkommen (Rand pro Monat)

1

0,5%

0-199

92

2

1,5%

200-369

293

3

2,2%

371-499

433

4

3,0%

500-679

590

5

4,0%

680-899

788

6

5,4%

900-1.199

1.050

7

7,2%

1.200-1.699

1.415

8

10,6%

1.700-2.599

2.074

9

17,8%

2.600-4.699

3.491

10

47,7%

> 4.700

9.341

Durchschnitt

1.957

Quelle: Seekings und Nattrass 2005, S. 191

1993 zeigten sich die Auswirkungen der rassistischen Politik noch deutlich in der Sozialstruktur. Tabelle 43 zeigt die Einkommensverteilung nach „Rassen“ und veranschaulicht die überproportionale Präsenz von AfrikanerInnen in den unteren Einkommensdezilen, während im obersten Dezil die „Weißen“ dominieren. Gleichzeitig verdeutlichen die 11% AfrikanerInnen im reichsten Dezil die zuvor erwähnten Prozesse sozialen Aufstiegs von AfrikanerInnen, die Ende der 1970er Jahre begannen.

Tabelle 43: Einkommensverteilung nach Dezilen und ‚Rassen', Südafrika, 1993

„Rasse“

Gesamtanteil (%)

Dezile (in %)

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

AfrikanerInnen

75

95

97

93,5

94

89

87

80

66

37

11

„Coloured“

8

3

1,5

4

5

7

7

11

14

18

5

InderInnen

3

0

0,5

0,5

0,5

1

2

3

5

7

8

„Weiße“

15

2

1

2

0,5

3

3

6

14

37

77

Quelle: Seekings und Nattrass 2005, S. 199

Spätere Publikationen des Statistik-Amtes (SSA 2002, 2008a) bezogen sich meist auf Einkommensquintile. Sie beschreiben eine Situation sinkender Einkommen und steigender Ungleichheiten ab 1995. Die – unter Vorbehalt zu verwendenden – Daten weisen außerdem auf den sinkenden Einfluss rassistischer Diskriminierung auf die Einkommensverteilung hin. Das ging jedoch mit steigenden Einkommensungleichheiten innerhalb der verschiedenen „Rassen“ einher – Seekings und Nattrass beschreiben daher die Entwicklung der Ungleichheiten nach dem Ende der Apartheid als eine Verschiebung „from race to class“ (Nattrass und Seekings 2001; Seekings und Nattrass 2005). Diese Daten-basierte Beobachtung wird auch in den Eindrücken der Bevölkerung widergespiegelt, wie aktuelle Befragungen zu den wichtigsten trennenden Faktoren der südafrikanischen Bevölkerung zeigen (vgl. Tab. 44)

Tabelle 44: Meinungsumfrage wichtigste trennende Faktoren, Südafrika, 20032011

2003

2004

2005

2006

2007

2008

2009

2010

2011

Politische Parteien

22%

28%

18%

19%

12%

22%

23%

25%

22%

Einkommensungleichheit

30%

24%

31%

30%

31%

29%

27%

25%

32%

Krankheit od. HIV/AIDS

14%

16%

21%

18%

21%

17%

19%

16%

14%

Religion

7%

7%

6%

7%

7%

7%

7%

7%

7%

„Rasse“

20%

20%

17%

20%

21%

19%

19%

21%

20%

Sprache

6%

5%

6%

6%

7%

6%

6%

6%

6%

Quelle: Lefko-Everett et al. 2011, S. 31

In der Sozialstruktur zeigte sich die Verschiebung „from race to class“ v.a. während der 2000er Jahre – der Datenvergleich zwischen 1995 und 2000 (SSA 2002, S. 48) offenbarte kaum Unterschiede in der Einkommensverteilung innerhalb von „Rassen“ (vgl. insb. Tab. 47).

Die Daten in Tabelle 45 für das Jahr 1995 wurden auf Werte für das Jahr 2000 inflationiert, um vergleichbar zu sein. Tabelle 47 mit den Daten für das Jahr 2000 zeigt, dass die Realeinkommen gegenüber 1995 gesunken sind und dass der Einkommensanteil der ärmsten drei Dezile geringfügig sank, während der Anteil der Dezile 7-9 ein wenig zunahm. Diese Daten weisen auf ein bescheidenes Wachstum von Mittelschichten hin, während Armut geringfügig zunahm.

Der Vergleich der Jahre 1995 und 2000 (SSA 2002) bezieht auch die Kategorien „Rasse“ und Geschlecht mit in die Analyse der Zusammensetzung der Einkommensquintile ein, jedoch in etwas anderer Darstellungsform als bei Seekings und Nattrass (vgl. Tab. 43).

Tabelle 45: Einkommensverteilung und -höhe nach Dezilen bzw. Quintilen, Südafrika, 1995 (inflationiert auf 2000)

Dezil

Einkommensanteil

Einkommensspanne (R/Monat; Quintil)

1

0,47%

< 2.400

2

1,40%

3

2,28%

2.400-4.710

4

3,10%

5

4,13%

4.711-9.638

6

5,47%

7

7,39%

9.639-23.498

8

10,81%

9

18,13%

> 23.499

10

46,82%

Durchschnitt

12.135

Quelle: SSA 2002, S. 27, 29, 47; eigene Berechnung

Tabelle 46: Einkommensverteilung und -höhe nach Dezilen bzw. Quintilen, Südafrika, 2000

Dezil

Anteil

Einkommensspanne (R/Monat; Quintil)

1

0,42%

< 2.176

2

1,21%

3

1,85%

2.176-4.032

4

2,60%

5

3,64%

4.033-7.515

6

5,29%

7

7,96%

7.516-18.727

8

12,16%

9

19,72%

> 18.728

10

45,15%

Durchschnitt

11.755

Quelle: SSA 2002, S. 27, 29, 47; eigene Berechnung

Tabelle 47 zeigt, dass von Frauen angeführte Haushalte in den Jahren 1995 und 2000 durchwegs häufiger in ärmeren Einkommensdezilen zu finden waren als von Männern angeführte Haushalte. Gleiches gilt auch für afrikanische Haushalte, die als einzige Gruppe im ersten (und ärmsten) Quintil überrepräsentiert sind. Zusätzlich verschlechterte sich ihre soziale Situation zwischen 1995 und 2000, während sich die Situation der „weißen“ Haushalte im gleichen Zeitraum verbesserte.

Tabelle 47: Haushaltseinkommen, nach Geschlecht und „Rasse“ des Haushaltsvorstandes, in Quintilen, Südafrika, 1995 und 2000

„Rasse“

Quintile, 1995, in %

Quintile, 2000, in %

1

2

3

4

5

1

2

3

4

5

AfrikanerInnen

29

24

22

17

8

33

27

22

13

5

Afrikaner

25

24

23

18

10

27

24

26

16

7

Afrikanerinnen

36

25

20

14

5

41

30

17

9

3

Coloured

16

22

24

25

13

15

23

25

22

15

Coloured“ 6

15

20

23

26

16

13

21

24

24

18

Coloured“ �

18

28

24

22

8

19

24

28

21

8

InderInnen

3

3

15

34

45

3

7

16

33

41

Inder

2

2

14

34

48

2

5

12

34

47

Inderinnen

8

13

23

33

23

5

16

33

30

16

„Weiße“

2

5

10

23

60

1

3

8

22

66

„Weiße“ 6

2

3

8

21

66

1

1

6

20

72

„Weiße“ �

5

13

23

32

27

2

8

18

31

41

Quelle: SSA 2002, S. 40, 42

Aktuellere Daten (SSA 2008a) [2]weisen auf eine sanfte Umkehr des eben benannten Trends im Hinblick auf AfrikanerInnen hin, während „Weiße“ nun noch stärker im obersten Quintil vertreten sind als zuvor (vgl. Tab. 48).

Tabelle 48: Haushaltseinkommen, nach „Rasse“ des Haushaltsvorstandes, in Quintilen, Südafrika, 2005/06

„Rasse“

Quintile, in %

1

2

3

4

5

AfrikanerInnen

24,8

24,2

23,0

19,5

8,6

Coloured

9,2

13,8

20,2

29,3

27,5

InderInnen

4,2

8,1

13,6

28,2

46,0

„Weiße“

1,2

1,0

3,6

15,4

78,8

Quelle: SSA 2008a

Die eben dargestellten Veränderungen gingen einher mit einer Steigerung der (gemessenen) Einkommensungleichheit wie die Daten aus Tabelle 49 nahelegen. Während sich 2005 der Anteil des ärmsten Dezils von 0, 42% im Jahr 2000 auf 0,2% 2005/06 halbierte, vergrößerte sich der Anteil des reichsten Dezils im selben Zeitraum von 45,15% auf 51%.

Tabelle 49: Einkommensverteilung und -höhe nach Dezilen, Südafrika, 2005/06

Dezil

Anteil

Durchschnittseinkommen (R/Jahr)

1

0,2%

4.314

2

1,2%

9.592

3

2,2%

13.300

4

2,9%

17.630

5

3,5%

22.981

6

4,7%

30.534

7

6,4%

43.589

8

10,3%

69.540

9

17,8%

128.846

10

51,0%

405.646

Durchschnitt

74.588

Quelle: SSA 2008b, S. 31, 33

Den Berechnungen des Statistik-Amtes zu Folge vergrößerte sich der Gini-Koeffizient von 0,56 im Jahr 1995 über 0,57 im Jahr 2000 bis auf 0,72 im Zeitraum 2005/06. Auch innerhalb der verschiedenen „Rassen“ vergrößerte sich – gemäß dieser Berechnungen – die Einkommensungleichheit (vgl. Tab. 50).

Tabelle 50: Gini-Koeffizient, nach „Rasse“, Südafrika, 1995-2006

Haushalt

Gini 1995

Gini 2000

Gini 2005/06

Alle

0,56

0,57

0,72

AfrikanerInnen

0,50

0,49

0,63

„Coloured“

0,46

0,48

0,59

InderInnen

0,43

0,41

0,57

„Weiße“

0,44

0,45

0,56

Quellen: SSA 2002, S. 48, 2008b, S. 35

Mit diesem Gini-Koeffizient rangiert Südafrika international unter den ungleichsten Ländern. Brasiliens Gini ist mit 0,56 im Jahr 2006 niedriger und befindet sich im Gegensatz zu Südafrikas Gini im Fallen. Die Kontroversen um die Datenqualität sind vor diesem Hintergrund verständlich – insbesondere, weil die ANC-geführten Post-Apartheid-Regierungen mit dem Slogan „A better life for all“ die Besserstellung der AfrikanerInnen versprachen. Die Staatstätigkeit führt aber – auch gemäß den offiziellen Daten (SSA 2008b) – trotzdem zu einem Rückgang von Armut. Darauf wird im folgenden Abschnitt eingegangen.

Aktuelle Armutsstatistiken beziehen sowohl objektive (SSA 2012b) als auch subjektive Faktoren (SSA 2012a) mit ein (zu den Konzepten vgl. Greig et al. 2007, S. 18f.).

Tabelle 51: Objektive und subjektive Armut, Südafrika, 2008/09

Armutsgrenze

Individuen

Haushalte

Objektive Armut

Ernährungsarmut (< R 305/ Person/ Monat)

26,3%

16,2%

Untere Armutsgrenze (< R 416/ Person/ Monat)

38,9%

26,0%

Obere Armutsgrenze (< R 577/ Person/ Monat)

52,3%

38,0%

Subjektive Armut

Selbstwahrnehmung

39,5%

37,7%

Einkommensevaluation

58,6%

56,7%

Quelle: SSA 2012a, S. 21

Diesen Erhebungen zu Folge waren 2008/09 26,3% aller Individuen bzw. 16,2% aller Haushalte von akuter Armut betroffen – d.h., sie hatten nicht genug Einkommen, um für Nahrung zu sorgen. Armutsgrenzen, die auch den Bedarf an weiteren Gütern wie z.B. Kleidungsstücken mit einberechnen, weisen 38,9% (untere Armutsgrenze) bzw. 52,3% (obere Armutsgrenze) aller SüdafrikanerInnen als arm auf. 39,5% bezeichneten sich in diesem Zeitraum als „arm“ oder

„sehr arm“ (Selbstwahrnehmungsfrage). Diese Selbstwahrnehmung erhöhte sich jedoch beträchtlich, wenn direkt nach einem Vergleich des eigenen Einkommens zu einem Einkommen gefragt wurde, das nötig wäre, um über die Runden zu kommen (Einkommensevaluation): 58,6% aller SüdafrikanerInnen gaben an, „weniger“ oder „viel weniger“ zu verdienen als dieses Einkommen (vgl. Tab. 51).

Während es für die subjektiv empfundene Armut noch keine Vergleichsgrößen aus der Vergangenheit gibt, existieren diese für die objektiven Armutsindikatoren seit dem Jahr 2000 (vgl. Tab. 52).

Tabelle 52: Objektive Armutsindikatoren, Südafrika, 2000-2009

Armutsgrenze

2000

2005/06

2008/09

Ernährungsarmut

28,5%

21,7%

26,3%

Untere Armutsgrenze

43,5%

36,7%

38,9%

Obere Armutsgrenze

57,0%

51,9%

52,3%

Quelle: SSA 2012b, S. 7

Trotz Problemen der Vergleichbarkeit der Daten suggerieren diese Daten im Gegensatz zu den Statistiken der Einkommensverteilung eine tendenzielle Abnahme von Ernährungsarmut und damit in Bezug stehenden objektiven Armutsindikatoren (SSA 2012b, S. 1). Im etwas besser vergleichbaren Zeitraum zwischen 2006 und 2009 haben sich diese Indikatoren jedoch wieder verschlechtert. [3] Die Auswirkungen der globalen Finanzkrise von 2007ff. gelten als ein wichtiger Faktor (vgl. SSA 2012b, S. 1). Im folgenden Abschnitt wird versucht, mit Hilfe einer Analyse des Ungleichheitsregimes und der Kräfteverhältnisse weitere Einflussfaktoren auf die Entwicklung von Ungleichheit und Armut zu analysieren.

Zuvor wird die Arbeitslosigkeit behandelt, die heute als eines der zentralen sozialen Probleme gilt, das in erster Linie die ärmeren Bevölkerungsgruppen betrifft (Barchiesi 2005; Frye 2006, 2007; Seekings und Nattrass 2005, S. 165ff.). Zusätzlich wird durch die hohe Arbeitslosigkeit Druck auf die Beschäftigten ausgeübt, niedrigere Löhne zu akzeptieren (Webster 2011). Die Daten zur Arbeitslosigkeit lassen aufgrund der Messmethode besonderen Ermessensspielraum zu. Die offizielle Rate bezieht z.B. nur Personen mit ein, die zum Zeitpunkt der Befragung im letzten Monat aktiv nach Arbeit suchten, während „discouraged work seekers“ nicht als arbeitslos gelten. Daher existiert neben der offiziellen Rate noch eine weitere – erweiterte – Version (vgl. Abb. 52).

Abbildung 52: Arbeitslosigkeit, Südafrika, in Prozent, 2001-2012

Quelle: StatsSA, zit. nach: Pons-Vignon und Paola i.E. (‚enges Konzept': unten; erweitert: oben)

Abbildung 52 zeigt die Entwicklung der Arbeitslosigkeit. Nach dem „engsten Konzept“ zeigt sie einen kontinuierlichen Anstieg bis auf 29,3% im Jahr 2003. Danach sank die Arbeitslosigkeit bis auf 23,1% im Jahr 2008, um danach wieder zu steigen. Schon die offiziellen Arbeitslosigkeitsraten sind weitaus höher als in Brasilien, stellen die Realität aber nur ungenügend dar, da sie nur aktiv Arbeitssuchende erfassen. Das erweiterte Konzept, das auch nicht mehr aktiv Suchende erfasst, zeigt einen Anstieg auf 37,2% im Jahr 2003 auf. Diesen realistischeren Statistiken zu Folge waren daher im Jahr 2003 fast vierzig Prozent aller SüdafrikanerInnen ohne Erwerbsarbeit. Frauen sind häufiger von Arbeitslosigkeit betroffen als Männer, AfrikanerInnen häufiger als „Weiße“. Ausbildung wirkt sich besonders stark aus: Personen mit tertiärem Bildungsabschluss sind weitaus seltener arbeitslos als Personen mit primärem oder sekundärem Abschluss (Seekings und Nattrass 2005; vgl. auch: World Bank 2012).

Arbeitslosigkeit gilt als wichtiger Einflussfaktor für Armut. Ein weiterer wichtiger Bereich, der mit Armut und Ungleichheit in Bezug gesetzt wird, dreht sich um Verbrechen und Gewalt (vgl. Demombynes und Özler 2006; Pillay 2008b). Südafrika gilt als eines der Länder mit den weltweit höchsten Raten von Gewaltverbrechen (wie Morden und Vergewaltigungen). Das hohe Ausmaß an Gewalt während der Umbruchsphase in den 1980er Jahren und Anfang der 1990er gilt als wichtiger Faktor. Die vordergründig Frauen betreffende sexuelle Gewalt (vgl. Vetten 2007; Wittmann 2010) wirkt sich auch auf einen anderen zentralen Bereich nicht-einkommensbasierter Ungleichheiten aus: Südafrika ist eines der Länder mit den höchsten HIV- und AIDS-Raten weltweit (2009 betraf es 13,6% der Frauen zwischen 15 und 24 Jahren und 4,5% der Männer gleichen Alters; vgl. UNDP 2011, S. 160). Vordergründig davon betroffen sind AfrikanerInnen. Die Auswirkungen des Migrant Labour System auf die Sexualmoral gelten als ein wichtiger ausschlaggebender Faktor für die überdurchschnittlich hohen HIV- und AIDS-Raten (vgl. Marais 2011, S. 267ff.), die zu einer Reduktion der Lebenserwartung führten und sich daher auch negativ auf den Human Development Index Südafrikas auswirken (UNDP 2011).

  • [1] Die unterschiedlichen Statistiken weichen teilweise beträchtlich voneinander ab, sodass es Ende der 2000er Jahre noch keinen Konsens darüber gab, ob Armut und Ungleichheit nach Apartheid ab-, oder zunahmen. Hier zeigt sich ein deutlicher Unterschied zur Situation in Brasilien, wo die staatlich erhobenen Daten weitaus weniger angezweifelt werden.
  • [2] Zum Zeitpunkt des Verfassens dieser Zeilen (Januar 2013) war die Publikation „Income and Expenditure Survey 2010/11“ noch nicht veröffentlicht. Daher waren die Daten des „Income and expenditure of households 2005/06“ die aktuellsten verfügbaren Daten zur Einkommensungleichheit des südafrikanischen Statistik-Amtes.
  • [3] Damit zeigt sich ein eklatanter Unterschied zu Brasilien, wo auch 2009 eine weitere Reduktion von Armut und extremer Armut registriert wurde.
 
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