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1.2 Defizite bei der Erforschung des Werther-Effekts

1.2.1 Begriffsverständnis von Suizidalität

Wie bereits einleitend angeklungen, bilden die fünf zentralen Defizite bei der bisherigen Erforschung des Werther-Effekts, die Reinemann und Scherr (2011) unter dem Label „Werther-Defekt“ zusammengetragen haben, den Ausgangspunkt der vorliegenden Studie. [1] Diese Defizite führten dazu, dass sich die suizidologische und kommunikationswissenschaftliche Forschung zum Werther-Effekt über längere Zeit theoretisch und methodisch nicht weiterentwickelt hat. Stack und Bowman (2012, S. 250) gehen beispielsweise davon aus, dass über 90% der publizierten Forschungsarbeiten zu Suiziden externe Faktoren, wie beispielsweise Medien, bei der Erforschung von Suizidalität ausblenden und stattdessen auf interne Einflussgrößen fokussieren. In der Medienberichterstattung werden dagegen wichtige individualpsychologische Erklärungen für Suizidalität nur spärlich widerspiegelt, stattdessen wird häufig nach externen Ursachen gefragt. Eine Verschränkung beider Perspektiven erscheint daher heute überfällig.

Das erste Forschungsdefizit bezieht sich auf das zugrunde liegende konzeptionelle und begriffliche Verständnis von Suiziden: Die bisherige Forschung zum Werther-Effekt betrachtete über weite Strecken in erster Linie vollendete Suizide. Diese werden in den Todesursachenstatistiken der meisten Ländern erfasst[2] und können (mit datenschutzrechtlichen Einschränkungen hinsichtlich des Aggregationsniveaus) in anonymisierter Form zur Beantwortung wissenschaftlicher Fragen herangezogen werden. Bis auf die datenschutzrechtlichen Beschränkungen der jeweiligen Länder stehen sonst keine ethischen Bedenken im Weg. So gering die Hürden also bei der Durchführung von Aggregatdatenanalysen zum Werther-Effekt sind, so weitreichend sind deren erkenntnistheoretische Folgen für das Forschungsfeld. Die Forschung zum Werther-Effekt untersuchte bis zuletzt die Auswirkungen von Mediendarstellungen realer (Gould et al., 2014; Niederkrotenthaler, Fu et al., 2012; Pirkis & Blood, 2001a, 2010b; Romer et al., 2006; Stack, 2005) oder fiktiver Suizide (Phillips, 1982; Pirkis & Blood, 2001b; Schmidtke & Häfner, 1986; Stack, 2009) auf die Anzahl der (amtlich erfassten) Suizide eines definierten Gebietes. Die enge Fokussierung auf tatsächliche Suizide ist insofern problematisch, als sie dem vielschichtigen Verständnis von Suizidalität nicht gerecht wird, das heute in der Suizidologie vertreten wird (vgl. Kapitel 2.1). So umfasst Suizidalität verschiedene suizidale Verhaltensweisen, die sich jeweils durch eine unterschiedlich ausgeprägte Intention zu sterben voneinander abgrenzen lassen. Dazu zählen neben Suiziden auch Suizidgedanken, -pläne oder -versuche. Da Medienwirkungen nur für einen Teil der Suizidalität, nämlich tatsächliche Suizide, schwerpunktmäßig untersucht wurden, besteht noch immer dringender Forschungsbedarf und die Gefahr, dass bisher identifizierte Medienwirkungen unterschätzt wurden. Es ist bekannt, dass Medien auf verschiedene Bereiche einwirken können (z. B. auf die körperliche Ebene, auf Einstellungen, Wissen, Werte, Emotionen, auf die öffentliche Meinung, soziales Kapital und soziales Verhalten; vgl. Kepplinger, 2008), sowohl nach einmaligem als auch nach mehrfachem Kontakt mit einer Medienbotschaft. Die Stärke der Medienwirkungen ist in der Regel schwach oder moderat und in der Summe schwächer als der Effekt einer medizinischen Intervention (rMedien = .09, rMedizin = .27; Perse, 2008). Andererseits erreichen und beeinflussen die Medien potenziell eine Vielzahl an Personen. Aus ethischen Gründen wird in kommunikationswissenschaftlichen Arbeiten häufig nicht tatsächliches Verhalten untersucht, sondern hypothetisches oder intendiertes Verhalten, Meinungen, Einstellungen oder Wahrnehmungen. Auch aufgrund dieser Annäherungen an die Realität sind geringere Effektstärken grundsätzlich zu erwarten. Wenn diese Annäherungen an existierende Medienwirkungen dann, wie im Fall von Suiziden, nur an einem Teil des Phänomens Suizidalität untersucht wurden, ist es plausibel anzunehmen, dass die zugrunde liegende Medienwirkung bisher unterschätzt wurde. Es ist schließlich denkbar, dass neben Einflüssen auf tatsächliche Nachahmungssuizide Suiziddarstellungen in den Medien auch dazu führen, dass sich individuelle Einstellungen, Meinungen, Normvorstellungen oder (z. B. Risiko-) Wahrnehmungen verändern und daher die Summe der Medienwirkungen tatsächlich höher ist, als bisher nachgewiesen. Das enge Begriffsverständnis von Suizidalität kann also die tatsächliche Tragweite der Auswirkungen von Suiziddarstellungen auf das Publikum bislang verstellt haben. Studien, die ein breiteres Begriffsverständnis anwenden, belegen, dass Medienwirkungen auch jenseits einer Fokussierung auf tatsächliche Suizide existieren (vgl. Cheng, Hawton, Chen, Yen, Chen et al., 2007; Dunlop et al., 2011; Fu, Chan & Yip, 2009; Fu & Yip, 2007; Stack et al., 2014; Williams et al., 1987). Kognitive und emotionale Wirkungen von Suiziddarstellungen auf Einstellungen, Normvorstellungen, Gedanken oder Handlungsintentionen (z. B. Suizidpläne) würden von einer viel größeren Tragweite suizidaler Medienwirkungen zeugen.

  • [1] Die folgenden Ausführungen beruhen auf der genannten Publikation.
  • [2] Eine ausführlichere Diskussion über die Unterschiede bei der Erfassung von Suiziden und deren Folgen (Barraclough, Sheperd & Jennings, 1977; Cantor, 2000, S. 9–10; Stack, 2000b, S. 152) findet sich bereits in der Pionierarbeit von Phillips (1974, S. 348–350).
 
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