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2.2 Depression

Wittchen et al. (2011, S. 665) schätzen Depression als die Erkrankung in Europa ein, die noch vor Alzheimeroder Demenzerkrankungen und Alkoholmissbrauch am meisten zur europäischen Krankheitslast („burden of disease“) beiträgt. Anhand der Prävalenzraten für Depression aus verschiedenen europäischen Ländern ergeben sich Schätzungen von über 30 Millionen Personen in der EU, die 2011 an Depression erkrankt waren (Wittchen et al., 2011, S. 666). Damit sind affektive Störungen, allen voran die Depression, nach Angststörungen die zweithäufigste psychische Störung innerhalb der EU (Wittchen et al., 2011, S. 662–663). Subjektiv sind Depressionen eine Krankheit, deren Belastung sogar mit der von Herzkrankheiten verglichen wird (Stoppe, 2008, S. 406). [1] Gerade im höheren Lebensalter sind Depressionen die am häufigsten vorkommende psychische Erkrankung, die oft mit körperlichen Erkrankungen einhergeht (Stoppe, 2008, S. 406). [2] Hier wird eine Parallele zur ebenfalls im höheren Alter gesteigerten Suizidrate deutlich (Stoppe, 2008, S. 407). Eine weit verbreitete Fehleinschätzung ist, dass sich einige depressive Symptome im Alter naturgemäß häufiger zeigen (z. B. Schlafstörungen, sozialer Rückzug, Verlust an Interessen) und dass diese Symptomatik daher als gefahrlos zu sehen sei (Ludvigsson, Milberg, Marcusson & Wressle, 2014; Stoppe, 2008, S. 406). Dem stehen allerdings empirische Befunde gegenüber, wonach beispielsweise die Affektregulation im Alter stabiler abläuft und auch die Lebenszufriedenheit (vor dem Hintergrund der eigenen Lebensbilanz) in der Regel positiver ausfällt als bei Jüngeren (Stoppe, 2008, S. 406). Ältere Menschen vergleichen sich außerdem eher mit Gleichaltrigen statt mit Jüngeren, so dass die „Fähigkeit, trotz eingeschränkter Möglichkeiten zufrieden zu sein, ... als Zufriedenheitsparadox“ beschrieben werden kann (Stoppe, 2008, S. 406). Trotz dieser Befunde wird vermutet, dass der Zusammenhang zwischen Depressionen und Suizidalität im Alter deutlicher vorhanden ist als bei Jüngeren. Die Schätzungen der Fälle, in denen Suizide und Depressionen in ursächlichem Zusammenhang stehen, liegen bei älteren Personen bei 90%, insgesamt hingegen bei 60% der Suizidfälle (Stoppe, 2008, S. 407). Demnach sind Depressionen im Alter sogar der wichtigste Risikofaktor für Suizidalität (Stoppe, 2008, S. 407). Auch sind Männer und Frauen unterschiedlich stark von Depressionen betroffen (Kendler, Gardner & Prescott, 2005, 2006; Möller-Leimkühler, 2005). Die Lebenszeitprävalenz von Depressionen wird bei Männern auf 5–12%, bei Frauen doppelt so hoch geschätzt, und zwar auf 12–20% (Möller-Leimkühler, 2009, S. 413).

Vor dem Hintergrund der geschlechterspezifischen Suizidrate wird daher auch von einem Geschlechterparadox gesprochen: Männer haben zwar eine niedrigere Depressionsrate, dafür eine wesentlich höhere Suizidrate. Frauen leiden umgekehrt häufiger an Depressionen, nehmen sich aber seltener das Leben (MöllerLeimkühler, 2009, S. 413). Man diskutiert dies in erster Linie vor dem Hintergrund sozialer Geschlechterrollen und der gesellschaftlichen Konstruktion von Geschlecht, weil selbst die ärztliche Diagnose einer Depression durch Geschlechterstereotype beeinflusst werden kann (Möller-Leimkühler, 2009, S. 412–413). So sind beispielsweise die Arbeitsunfähigkeitstage bei Männern und insbesondere bei Frauen aufgrund psychischer Erkrankungen, allen voran die Depression, zwischen 2000 und 2007 gegen einen sonst allgemein rückläufigen Trend bei anderen Krankheitsbildern angestiegen. Dieser Trend ist noch immer für die Jahre 2011 und 2012 beobachtbar, in denen sowohl bei Männern als auch bei Frauen die Fehlzeiten aufgrund psychischer Erkrankungen stark angestiegen sind (Techniker Krankenkasse, 2013, S. 88). Psychische Erkrankungen sind sowohl bei Männern als auch bei Frauen für die am längsten dauernden, krankheitsbedingen Arbeitsausfälle verantwortlich (Techniker Krankenkasse, 2013, S. 86). Alters- und geschlechterspezifisch lässt sich eine zunehmende Depressionsrate bei jüngeren Männern beobachten, ebenso wie eine steigende Suizidrate, die im Vergleich zu jüngeren Frauen deutlich höher liegt (Möller-Leimkühler, 2005, S. 30).

Depressionen werden in der aktuellen, internationalen statistischen Klassifikation von Krankheiten (ICD-10) den psychischen Störungen und Verhaltensstörungen (F00-F99) und innerhalb dieser Gruppe den affektiven Störungen (F30-F39) zugeordnet. Darüber hinaus sind sie lebensgefährlich, da Depressionen einen entscheidenden Risikofaktor für Suizidalität darstellen (Haenel, 2008, S. 10; Hales & Rapaport, 2008). Bei schweren Depressionen wurden in 20–60% der Fälle Suizidversuche, in 15% der Fälle Suizide beobachtet (Beesdo-Baum & Wittchen, 2011, S. 889; Paykel, Brugha & Fryers, 2005, S. 416). Andere Autoren schätzen, dass ca. 4% aller Depressiven durch Suizid sterben, bei Schwerstdepressiven wird der Wert sogar auf 15% geschätzt, 60–70% der Depressiven haben zumindest Suizidideen und 10% akute Suizidabsichten (Wolfersdorf, 2006, S. 289). Psychische Störungen und Substanzgebrauchsstörungen machen mittlerweile 13% der globalen Krankheitslast („global burden of disease“) aus und übertreffen damit sogar kardiovaskuläre Erkrankungen und Krebs (Collins et al., 2011, S. 27). [3] Depressionen stehen damit in der Rangfolge der Krankheiten, die am meisten zur globalen Krankheitslast beitragen, an dritter Stelle (Collins et al., 2011, S. 27). In der EU (EU-27 plus Schweiz, Island und Norwegen) leidet jedes Jahr etwa ein Drittel der Bevölkerung an einer psychischen Störung (Wittchen et al., 2011). Die 12-Monats-Prävalenz von Depressionen wird europaweit auf 6.9% geschätzt, also etwa 30.3 Millionen Menschen (Wittchen et al., 2011, S. 666). Aufgrund der hohen Verbreitung von Depressionen kann man mittlerweile tatsächlich von einer Volkskrankheit sprechen. Über diese erschreckend hohen Verbreitungszahlen hinaus sind Depressionen gerade aus der subjektiven Sicht der Erkrankten vielleicht sogar die „schwerste Erkrankung überhaupt“ (Haenel, 2008, S. 2). Personen mit Depressionen leiden nicht nur an der Krankheit, sondern auch an den Folgen sich über die Zeit verändernder, individueller und struktureller Stigmatisierungen und Vorurteile gegenüber Depressionen in der Bevölkerung, was zur Selbststigmatisierung und zu einem weiteren Verlust von Selbstvertrauen führen kann (Angermeyer & Matschinger, 2004; Angermeyer, Matschinger, Link & Schomerus, 2014; Rüsch, Angermeyer & Corrigan, 2005).

Für die vorliegende Arbeit ist es zunächst wichtig, die Krankheit Depression zu definieren und darauf einzugehen, wie ihre Diagnose zustande kommt. Anschließend wird gezeigt, wie weit verbreitet Depressionen in Deutschland sind und welche einschlägigen Modellvorstellungen ihnen zugrunde liegen. Vor dem Hintergrund dieses Überblicks über die Krankheit Depression wird diese am Ende des Abschnitts von depressiven Stimmungen oder negativen Gefühlszuständen abgegrenzt.

  • [1] Eine Depression und psychische Erkrankungen werden theoretisch in der Regel als negative Ausprägung behandelt. Keyes (2013, S. 13) plädiert dagegen für ein „Mental Health Continuum“, das sowohl den Grad psychischer Erkrankung als auch das psychische Wohlbefinden berücksichtigt (Keyes, 2013, S. 17; Langeland & Vinje, 2013, S. 310).
  • [2] Es stellt sich daher die Frage, inwiefern körperliche Beschwerden im höheren Alter dementsprechend stärker auf die Diagnose einer Depression durchschlagen (Schmidt-Atzert, 1996, S. 241).
  • [3] Wittchen et al. (2011, S. 656) fassen Depressionen, Panikstörungen oder Schlaflosigkeit als psychische Störungen zusammen („mental disorders“), während Demenzerkrankungen oder multiple Sklerose als neuronale Störungen bezeichnet werden („neuronal disorders“). Beide Gruppen werden gemeinsam als neuropsychiatrische Störungen oder auch MNS („Mental, Neurological and Substance use“) bezeichnet und diskutiert (vgl. Collins et al., 2011). In neueren Untersuchungen wird umfassender auch von Hirnstörungen („disorders of the brain“) gesprochen (Wittchen et al., 2011, S. 656). Die Gruppe der MNS-Störungen, zu denen auch Depressionen zählen, werden von Collins et al. (2011, S. 27) im globalen Kontext diskutiert.
 
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