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4 Mediennutzung, Medienrezeption und Wahrnehmung von Medieninhalten im Kontext von Depressionen

Vor dem Hintergrund des grundlegenden Verständnisses der beiden zentralen Untersuchungsgrößen Suizidalität und Depression (vgl. Kapitel 2) sowie zentraler Prädispositionen und Erklärungsmechanismen für Nachahmungssuizide im Medienkontext (vgl. Kapitel 3) werden im Folgenden die Befunde zu Depressionen im Medienkontext zusammengetragen. Das folgende Kapitel unterscheidet dabei zwischen Mediennutzung, Medienrezeption und Medienwahrnehmung.

4.1 Mediennutzung und Depression

Die die wichtigsten Befunde zum Zusammenhang zwischen Mediennutzung und Depression basieren auf Beiträgen aus verschiedenen Fachdisziplinen. Auch deshalb existieren in den verschiedenen Arbeiten zum Teil gravierende Unterschiede des Verständnisses von klinisch relevanten Depressionen und deren Operationalisierung. Die besondere Schwierigkeit liegt darin, dass sich die Diagnose einer Depression nach der Anzahl und dem Schweregrad depressionsrelevanter Symptome richtet (vgl. Kapitel 2.2.2), sich viele dieser Symptome aber mit anderen Krankheiten überschneiden, und das vielfältige Erscheinungsbild von Depressionen die Diagnostik zusätzlich erschwert (vgl. Fußnote 23 in Kapitel 2.2.2). Depressionen können direkt mit der Mediennutzung interagieren und damit auch den Zusammenhang zwischen Medien und Suiziden beeinflussen. Aufgrund der Vielschichtigkeit des Krankheitsbildes sind außerdem Rückschlüsse auf den Rezeptionsprozess im Rahmen von Depressionen möglich. Hier kann sich die Krankheit etwa auf die Empathie gegenüber Medienfiguren oder auf parasoziale Beziehungen mit Medienfiguren auswirken. Da Depressionen als affektive Störung klassifiziert werden, liegt es auf der Hand, auch im Medienkontext emotionsbezogene Erklärungsansätze heranzuziehen. Im Anschluss daran werden zentrale Befunde zu Depressionen und Mediennutzung systematisch zusammengetragen und es wird aufgezeigt, in welcher Hinsicht aktuell besonderer Forschungsbedarf besteht.

4.1.1 Theoretische Erklärungen zum Zusammenhang von Depressionen und Mediennutzung

Die Fähigkeit zum Umgang mit eigenen Emotionen ist als wichtiger CopingMechanismus zu verstehen, von dem wir wissen, dass er im Kontext depressiver Erkrankungen gestört sein kann (vgl. Kapitel 2.2.7). Im medialen Kontext wird die Auswahl und Nutzung von Medieninhalten zum Umgang mit Emotionen etwa mithilfe des Mood-Management-Ansatzes erklärt (Zillmann, 1988b, 1988a). Für Zillmann (Zillmann, 1988a, S. 331–332) sind dabei vier Kernkomponenten von zentraler Bedeutung: die hedonistische Valenz eines Stimulus, dessen Erregungs- und Absorptionspotenzial und die semantische Affinität. Nach Zillmann streben Rezipienten mit aversiven emotionalen Zuständen über die Nutzung entsprechender Medieninhalte nach einem mittelstarken, angenehm empfundenen Erregungsniveau. Mediennutzer wählen folglich (hedonistisch) Medieninhalte danach aus, ob diese sie in eine positivere Stimmung versetzen können (hedonistische Valenz des Stimulus) (Mangold & Bartsch, 2012). Rezipienten in einem akut negativen emotionalen Zustand bevorzugen dagegen Medieninhalte, die ein hohes Absorptionsbzw. Ablenkungspotenzial bieten und inhaltlich möglichst schwach mit den Ursachen für ihre Stimmung zusammenhängen (semantische Affinität). Bestimmte Medienangebote, wie beispielsweise Komödien, Action-Angebote, romantische Inhalte oder Soaps, erscheinen besonders geeignet, angenehme, mittelstarke Erregungszustände der Zuschauer hervorzurufen (mittleres Erregungspotenzial) (Bartsch, 2007). Verschiedene Medieninhaltsgenres sind einerseits bei verschiedenen Zuschauern unterschiedlich gut geeignet, bestimmte Emotionen auszulösen, andererseits variiert der Umgang mit den Emotionen, die durch Nutzung bestimmter Medien hervorgerufen werden (Bartsch, 2007). Die Rezipienten erlernen den Umgang mit verschiedenen Medieninhalten und deren stimmungsregulierende Wirkung durch operantes Konditionieren (Zillmann, 1988b, S. 148; 150), wodurch die Medienauswahl nicht zwangsläufig bewusst abläuft (Zillmann, 1988a, S. 329). Neben solchen hedonistischen, stimmungsverbessernden Zuwendungsmotiven können Rezipienten durch die Selektion und Nutzung von Medien eudaimonische Gratifikationen anstreben. Damit ist die Suche nach bedeutungsvollen bzw. kognitiv-emotional anregenden Medieninhalten gemeint, die eine Introspektion, selbstbezogene Einsichten und das Erleben gemischter Emotionen oder die Auseinandersetzung mit bedeutungsvollen Lebensfragen ermöglichen (Oliver, 2008, S. 42; Oliver & Raney, 2011, S. 988). Bei Oliver und Bartsch (2010) wird diese Gratifikation, die etwa durch bewegende und kognitiv anregende Medieninhalte entsteht, als „appreciation“ bezeichnet. Schließlich kann auch alleine das Erleben von Emotionen zur Mediennutzung führen. Einen übergeordneten Theorierahmen dafür liefert das Konzept der Meta-Emotionen (Bartsch et al., 2008; Wirth & Schramm, 2007). Danach können Emotionen selbst der zentrale Bewertungsgegenstand sein. Meta-Emotionen sind diesem Verständnis nach also Bewertungen des eigenen emotionalen Erlebens. Sie sind ein Resultat emotional-reflexiver Prozesse (Wirth & Schramm, 2007, S. 164), die im Rahmen des Mood Managements „allenfalls eine Randerscheinung“ (Wirth & Schramm, 2007, S. 164) darstellen. Die aus der Nutzung verschiedener Medieninhalte resultierenden Emotionen können somit für sich genommen eine bedeutsame Gratifikation sein.

Im Zusammenhang mit Depressionen lassen sich also Argumente für eine umfangreichere Mediennutzung ableiten, etwa weil depressive Personen verstärkt Medieninhalte zum Mood Management heranziehen, um ihre eigene Stimmungslage (positiv) zu modifizieren. Auch die Kompensation weiterer Gratifikationen der Medienzuwendung (jenseits von Mood Management, u.a. die Kompensation fehlender sozialer Kontakte, Orientierung, Gewohnheit; vgl. ausführlich Rubin, 2009) können im Falle einer Depression dazu beitragen, dass verschiedene Medieninhalte intensiver rezipiert werden (vgl. Krcmar & Kean, 2005; LaRose et al., 2003; Singer, Slovak, Frierson & York, 1998, S. 1047). Selfhout, Branje, Delsing, ter Bogt und Meeus (2009) zeigen beispielsweise, dass die Zuwendung zu Internet-Chats tatsächlich mit niedrigerer Depression assoziiert ist, während die Zuwendung zu „noncommunication purposes“ – worunter die Autoren allgemeines Surfen im Internet verstehen (Selfhout et al., 2009, S. 820) – mit höherer Depression verbunden ist. Abermals tragen also bestimmte Medienangebote dazu bei, dass Depressionen aufrechterhalten werden (vgl. auch Morgan, 1984, S. 740). Selfhout et al. (2009) begründen den Zusammenhang theoretisch damit, dass die allgemeine Internetnutzung genau die Zeit raubt, die normalerweise für soziale Aktivitäten oder die Pflege sozialer Kontakte aufgebracht wird, und dieses Defizit gleichzeitig nicht kompensiert werden kann (vgl. Amichai-Hamburger & Ben-Artzi, 2003; Bargh & McKenna, 2004; Caplan, 2003; Nie & Erbring, 2002; Weiser, 2001). Amichai-Hamburger und Furnham (2007) oder Morgan und Cotten (2003, S. 135) argumentieren hingegen, dass eine höhere Internetnutzung mit verminderter Depression assoziiert sein kann, weil die soziale Unterstützung, die man im Internet erfahren kann und die im Rahmen von Depressionen oft fehlt, Stress und folglich depressive Symptome reduziert.

Gleichzeitig finden sich auch Argumente für eine geringere Mediennutzung, weil die vorhandenen Ressourcen zur Emotionsregulation im Rahmen einer Depression nicht ausreichen oder dies kognitiv überfordernd wäre. Die Mediennutzung wird also von dem insgesamt reduzierten Aktivitätsniveau in einer depressiven Phase berührt (vgl. Canary & Spitzberg, 1993; Kraut et al., 1998). Die Nutzung stimmungskongruenter, ernsthafter Inhalte lässt sich damit erklären, dass diese Medieninhalte Ansatzpunkte zur Selbstreflexion bieten. Da Depressive zum ruminativen und selbst-fokussierten Denken neigen, könnten gerade reflektierte und sinnstiftende Medieninhalte auf fruchtbaren Boden fallen und besonders stark zu einer gratifikatorischen Mediennutzung beitragen. Und da für depressive Menschen durch das „Gefühl der Gefühllosigkeit“ zahlreiche emotionale Gratifikationen im Alltag unerreichbar sind, kann bereits das Gefühl, im Umgang mit bestimmten Medieninhalten überhaupt (wieder) Emotionen empfinden zu können, eine besonders positive Erfahrung darstellen (Meta-Emotionen). Im Krankheitsverlauf einer Depression dürften Meta-Emotionen dann besonders intensiv auftreten, wenn sich das Symptom „Gefühl der Gefühllosigkeit“ abschwächt und Depressive überhaupt wieder in der Lage sind, Emotionen zu empfinden (beispielsweise am Übergang von einer akuten depressiven Episode zu einer Remissionsphase, in der die depressiven Symptome zurückgehen).

Auf die individuelle Suizidalität können sich Depressionen über die vorherrschenden negativen kognitiven Schemata durchschlagen, wenn diese dazu führen, dass sich emotional-reflexive Prozesse negativ auf den Selbstwert depressiver Personen auswirken. Auch negative Zukunftsaussichten und allgemeine Hoffnungslosigkeit (vgl. Kapitel 4.2) können negative Medienwirkungen und die individuelle Suizidalität erhöhen. Durch die im Zusammenhang mit Depressionen eingeschränkten Fähigkeiten zur Emotionsregulierung und Problemlösung sowie die reduzierten sozialen Kontakte (vgl. Romer, Jamieson & Pasek, 2009) dürfte das Suizidrisiko zudem höher liegen.

Die gemeinsamen Auswirkungen von Depressionen und speziellem Mediennutzungsverhalten auf die individuelle Suizidalität werden unter anderem in der Studie von Chiu, Ko und Wu (2007) deutlich, die zeigen, dass Studenten mit zunehmendem Schweregrad depressiver Symptome häufiger angegeben haben, Suizidnachrichten in taiwanesischen Medien zu rezipieren. Die Stichprobe wird als repräsentativ für taiwanesische Studenten (18–25 Jahre) beschrieben und beantwortete unter anderem Fragen zur Kontakthäufigkeit mit Suizidnachrichten (Antworten reichten von „gar nicht“ bis „täglich“), die anschließend zu drei Intensitätsgraden zusammengefasst wurden (Kontakt mit Suizidnachrichten niedrig – mittel – hoch; Chiu et al., 2007, S. 586). [1] Die Studie belegt, dass sich Zusammenhänge zwischen der Kontakthäufigkeit mit Suizidnachrichten und der Suizidalität der Befragten nur für Befragte mit schwerem Depressionsgrad nachweisen ließen (Chiu et al., 2007, S. 589). Die Kontakthäufigkeit mit Suizidnachrichten alleine hing dagegen mit keiner anderen Untersuchungsgröße deutlich zusammen (u.a. Geschlecht, Alter, Einkommen, Depressionsgrad).

Demgegenüber dokumentieren Nanayakkara, Misch, Chang und Henry (2013) anhand der Sekundärauswertung repräsentativer Längsschnittdaten für Jugendliche (National Longitudinal Study of Adolescent Health), dass der Schweregrad einer Depression im persönlichen Umfeld dagegen keinen Einfluss darauf hat, wie stark sich eine direkte Suiziderfahrung im Freundesbzw. Bekanntenkreis auf die eigene Suizidalität auswirkt. Jede direkte Suiziderfahrung erhöht die individuelle Suizidalität allerdings in demselben Maße wie eine schwere Depression. Diese Befunde stehen im Gegensatz zu den Resultaten von Mercy (2001), die suizidprotektive Effekte sowohl für direkte persönliche Suiziderfahrungen als auch für die Konfrontation mit medialen Darstellungen von Suiziden zeigen konnte. Die Vermutung, dass in depressiven Subpopulationen stärkere interpersonale bzw. mediale Einflüsse auf die Suizidalität beobachtet werden können, bestätigte sich hier empirisch nicht (Mercy, 2001, S. 123). Jackson und Potkay (1974) untersuchten den Zusammenhang zwischen verschiedenen Darstellungsvarianten des Theaterstücks „Quiet Cries“, in dem ein Suizid dargestellt wird, auf der Bühne, im Fernsehen, im Radio und unter einer Kontrollbedingung. Untersucht wurde der Einfluss des Stückes auf den Depressionsgrad und die Suizidalität von insgesamt 160 Studenten. Die Studie belegt weder eine Wirkung des Stückes auf den Depressionsgrad noch auf die Suizidalität der Teilnehmer, sondern zeigt sogar tendenziell einen umgekehrten, also einen depressionsmindernden Effekt (Jackson & Potkay, 1974, S. 17).

So verwundert es nicht, dass Depressionen selbst in kommunikationswissenschaftlichen Übersichtswerken bislang nicht systematisch als relevante Drittvariable erkannt wurden, sondern meist in speziellen Kontexten und zusammen mit inhaltlich assoziierten Konstrukten wie beispielsweise Angst (Cantor, 2009, S. 288) oder speziellen Populationen (z.B. im Kontext von Essstörungen) (Levine & Harrison, 2009, S. 492) oder von sozial isolierten Personengruppen (Lin, 2009) besprochen werden. Eine systematische Übersicht über zentrale Forschungsbeiträge zu den Zusammenhängen von Mediennutzungsverhalten und Depressionen fehlt allerdings bislang.

  • [1] Es stellt sich grundsätzlich die Frage, inwiefern die Befragten in der Lage sind, diese Frage valide zu beantworten, und inwiefern manche Antwortmöglichkeiten überhaupt realistisch erscheinen.
 
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