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9.2 Einschränkungen der Befunde

Selbstverständlich unterliegt die vorliegende Untersuchung zahlreichen wichtigen Einschränkungen, die bei der Interpretation der Befunde berücksichtigt werden müssen. Betrachtet man etwa die theoretischen Vorstellungen, die den zentralen Konstrukten der vorliegenden Untersuchung zugrunde liegen, wird deutlich, dass hier nicht zwischen den verschiedenen Phasen einer Depression unterschieden werden kann. Anhand der Punktscores nach der BDI-VT-Skala kann eine Remissionsphase nicht von einer akuten Phase einer Depression differenziert werden. Die Bedeutung dieser Einschränkung wurde bereits in Kapitel 4.1.1 thematisiert, als es darum ging, wann im Krankheitsverlauf einer Depression beispielsweise Meta-Emotionen besonders intensiv auftreten können. Solche Differenzierungen sind mit dem Erhebungsinstrument von Depression nach dem BDI-VT in der vorliegenden Untersuchung schlicht nicht möglich, wodurch eine Unschärfe entsteht, die in weiteren Forschungsprojekten behoben werden sollte. Eine weitere theoretische Einschränkung ist die Tatsache, wie Hughes und Kleespies (2001, S. 48) betonen, dass Suiziden zahlreiche Ursachen zugrunde liegen, nicht nur diejenigen, die in der vorliegenden Untersuchung betrachtet wurden. Erklärungsversuche, die folglich auf einem oder wenigen Risikofaktoren beruhen, sind daher automatisch als vereinfachend zu bewerten. Dementsprechend ist auch die Fokussierung auf Depressionen als einem Hauptrisikofaktor für Suizidalität eine starke Vereinfachung der Realität, obwohl allgemein bekannt ist, dass bestimmte Krankheiten, wie Depressionen, im Zusammenhang mit Suizidalität häufiger als in der Allgemeinbevölkerung beobachtet werden.

Methodisch kann gegenüber der vorliegenden Untersuchung beispielsweise eingewendet werden, dass trotz der parallelen Datenerhebungen nicht sichergestellt werden kann, dass im Einzelfall auch tatsächlich das gleiche Medienangebot wahrgenommen wurde. So können systematische Unterschiede der genutzten Medien in den beiden Stichproben bestehen oder die tatsächlich wahrgenommene Berichterstattung kann lokal unterschiedlich gewesen sein. Das konnte aufgrund der begrenzten Mittel, die für das Projekt zur Verfügung standen, im Rahmen der Untersuchung nicht kontrolliert werden. Dazu wäre zusätzlich eine flankierende Inhaltsanalyse der Medienberichterstattung notwendig gewesen. So lässt sich nur anhand einzelner Hinweise darüber spekulieren, inwiefern Lokalmedien über andere bzw. zusätzliche Suizidfälle berichteten, die in der überregionalen Presse keine Rolle spielten, oder inwiefern sich die Art der Berichterstattung zwischen lokaler und überregionaler Presse voneinander unterscheidet. Hinweise auf solche Unterschiede finden sich beispielsweise bei Baker (1988).

Die Messung der zentralen Variablen der Untersuchung beruht mit dem BDI-VT auf einer modifizierten Version eines international anerkannten Erhebungsinstruments von Depressionen. Das zugrunde liegende Verständnis der Krankheit Depression basiert dabei auf den altersunabhängig formulierten Diagnosekriterien des DSM-IV bzw. DSM-V Handbuchs. Dadurch besteht die Gefahr, die Prävalenz von Depression für ältere Personengruppen in der Bevölkerung zu unterschätzen (Jeste, Blazer& First, 2005, S. 266).

Ein weiteres Hauptdefizit der quantifizierenden Datenerhebung liegt darin, dass der subjektive Leidensdruck Depressiver nicht abgebildet werden kann. Dieses Manko können letztlich nur diagnostische Gespräche mit Depressiven beheben, weshalb die Screening-Fragbögen nicht zur Diagnose einer Depression ausreichen. Für die Interpretation der Befunde dieser Untersuchung ist dies deshalb relevant, weil sich hinter dem gleichen BDI-Score verschiedene Depressionsformen verbergen können. Die vorliegende Untersuchung wendet ein Generalverständnis von Depression an: Eingedenk der verschiedenen Symptomcluster einer Depression (vgl. Tabelle 3) hat die vorliegende Untersuchung allerdings nicht eine spezielle Form der Depression untersucht, sondern Depression im Sinne des Generalfaktormodells verstanden. Dabei kann natürlich nicht sichergestellt werden, welcher Leidensdruck auf Seiten der Depressiven existiert. Dieser kann die hier präsentierten Befunde durchaus beeinflussen.

Ein praktikabler Ausweg ist die ergänzende Anwendung eines vertiefenden sequenziellen Designs (Kuckartz, 2014, S. 78–81). Mithilfe ergänzender qualitativer Studien lassen sich die Schwachstellen der Repräsentativbefragung bzw. der Panelbefragung ausgleichen. Denkbar sind angesichts der Einschränkungen der vorliegenden Untersuchung zwei Strategien: Interviews mit depressiven Patienten und Interviews mit Ärzten, Psychiatern oder Psychotherapeuten. Anhand von Interviews mit Patienten lässt sich das subjektive Krankheitserleben besser nachvollziehen als in den quantitativen Befragungen. Die Arbeiten von Böhm (09.02.2012) und Steinleitner (2014) belegen, wie gewinnbringend dieses Vorgehen sein kann. Anhand von Interviews mit Experten, Medizinern oder Psychologen, die beruflich mit der Krankheit Depression zu tun haben, lassen sich einerseits die Bereiche besser ausleuchten, in denen die Antworten von Patienten krankheitsbedingt verzerrt sind oder in denen standardisierte Erhebungsinstrumente zu kurz greifen. Eine ärztliche Diagnose kann beispielsweise dabei helfen, Patienten in unterschiedlichen Phasen einer Depression zu identifizieren. Eine Befragung dieser Patienten könnte anschließend getrennt nach der individuellen Diagnostik erfolgen.

Eine weitere Schwachstelle ist die Tatsache, dass Depressionen häufig zusammen mit anderen Krankheitsbildern auftreten. Aufgrund der hohen Komorbidität ist eine isolierte Betrachtung von Depressionen vereinfachend. Beispielsweise gibt es deutliche Anhaltspunkte für Medieneinflüsse auf Essstörungen (Baumann, 2009), die wiederum häufig gemeinsam mit depressiven Symptomen auftreten bzw. deren Auftreten fördern (Luppino et al., 2010; Stice, 2002, S. 832). Eine verschränkte Betrachtung komorbider Störungen im Zusammenspiel mit Depressionen und etwa für verschiedene Altersgruppen wäre lohnenswert und würde, ungeachtet aller methodischer Herausforderungen, der Realität der untersuchten Krankheitsbilder gerechter werden als eine isolierte Betrachtung.

Die vorliegende Untersuchung hat ferner die Punktprävalenz von Depressionen erfasst (innerhalb der letzten zwei Wochen). Die Generalisierbarkeit der Befunde auf chronische oder rezidivierende Krankheitsverläufe ist daher eingeschränkt. Gerade bei chronischen Krankheitsverläufen ist es denkbar, dass sich ein bestimmtes Mediennutzungsverhalten etabliert. Eine krankheitsbedingt habitualisierte Mediennutzung könnte wiederum entkoppelt vom Krankheitsverlauf stattfinden und dazu beitragen, dass kognitive Muster der akuten Depressionsphase verlängert werden. Die spezifischen Muster der Mediennutzung je nach Schweregrad der Depressionen in der vorliegenden Untersuchung liefern dazu erste Hinweise. Methodische Innovationen, wie sie Dillman Carpentier et al. (2008) einsetzen (Ecological Momentary Assessment, EMA), oder konkret für Untersuchungen im Medienkontext wie bei der „Beach-Methode“ (Erfassung der Erinnerung an bestimmte Filme und deren nachträgliche inhaltsanalytische Kodierung z.B. hinsichtlich darin vorkommender riskanter Verhaltensweisen; vgl. Sargent et al., 2008) könnten helfen, diesen Bereich genauer und weniger reaktiv zu untersuchen.

Die Skala nach Beck wird außerdem dafür kritisiert, dass sie keine positiven Items enthält, sondern sich stattdessen, entsprechend der theoretischen Vorstellung von Depression nach Beck, vor allem auf negative Aspekte fokussiert (Berger, 2009, S. 37). Der Einsatz positiver Items ist insbesondere in Untersuchungen zu bipolaren Störungen relevant. In der vorliegenden Untersuchung besteht theoretisch die Gefahr, dass Personen mit einer bipolaren Störung anhand der Depressionsskala nicht als solche erkannt werden. Ein persönliches Gespräch mit einem Oberarzt der Klinik für Psychiatrie an der LMU München ergab aber beispielsweise, dass im Medienkontext der Unterschied zwischen einer bipolaren Störung und einer Depression geringe sein dürfte. Stattdessen betonte der Arzt die wesentlich wichtigere Abgrenzung von Personen mit einer komorbiden Borderline-Persönlichkeitsstörung, die gerade im Kontext von Medien und Suizidalität von höchster Brisanzsein kann. [1] Diese Einschätzung deckt sich mit Studien, die auf die deutlichen Parallelen zwischen uni- und bipolaren Störungen hinweisen (Cassano et al., 2004).

Hinsichtlich der Datenerhebung ist anzumerken, dass in der vorliegenden Untersuchung keine medizinische Diagnose einer Depression durch geschultes Fachpersonal stattfand. Aus Kostengründen war es nicht möglich, eine Face-to-FaceBefragung zu realisieren, in deren Rahmen eine solche Diagnose von an der Studie beteiligten Ärzten hätte gestellt werden können (vgl. die Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland [DEGS1] und darin speziell das Zusatzmodul Psychische Gesundheit [DEGS1-MH]; Busch et al., 2013; Jacobi, Höfler, Strehle et al., 2014; Jacobi, Höfler, Siegert et al., 2014). Dennoch erscheint eine telefonische Datenerhebung sinnvoller als etwa eine nicht kontrollierte schriftliche Befragung, bei der die Konzentrationsproblematik im Kontext von Depression und Suizidalität unkontrolliert auftreten kann (Brown, 2001, S. 36). Die Interviewer wurden angehalten, alle Auffälligkeiten in den Telefoninterviews festzuhalten, was letztlich in der vorliegenden Untersuchung nicht vorkam.

Die telefonische Datenerhebung birgt überdies die Gefahr verschiedener Antwortverzerrungen. In erster Linie betrifft dies das Problem des geringen Rücklaufs, was die Validität der Befunde von Befragungsstudien generell zunehmend einschränkt (Dale, Wathan & Higgins, 2008, S. 530). Zur Einschätzung der Relevanz von Non-Response auf die Ergebnisse einer Studie müssten die Ausfälle systematischer untersucht werden, was (nicht nur im Rahmen von Telefonbefragungen) schwierig zu bewerkstelligen ist (Dale et al., 2008, S. 531). In der vorliegenden Untersuchung wurde mithilfe einer Anpassungsgewichtung an soziodemografische Merkmalskombinationen der Gesamtbevölkerung versucht, Verzerrungen der Ergebnisse zu reduzieren. Eine Analyse von Non-Respondern ist im Rahmen einer telefonischen Befragung nur schwer möglich, weil die Befragten in der Regel nicht bereit sind, nach der grundsätzlichen Verweigerung einer Auskunft noch Fragen zu den Gründen der Verweigerung und zu ihrer Person zu beantworten. Für die vorliegende Untersuchung ist es möglich, dass gerade Personen mit schwererer Depression eine niedrigere Teilnahmebereitschaft zeigten. Andererseits finden sich auch Belege dafür, dass die telefonische Datenerhebung eine angemessene Alternative zu kostenintensiveren Face-to-Face-Interviews ist und auch im Kontext psychischer Erkrankungen keine erhöhten Abbruchquoten aufweisen (Aneshensel et al., 1982; Crippa et al., 2008; Fenig, Levav, Kohn & Yelin, 2011; Lee et al., 2010). Im Kontext suizidaler Krisen und akuter Depression besteht die Gefahr, dass sich die Betroffenen nicht oder nur unwahr zu ihren eigentlichen Intentionen äußern. Fragebogenbasierte Screenings sind nicht uneingeschränkt geeignet, valide Informationen über die wahre Suizidalität der Betroffenen einzuholen. Nock et al. (Nock et al., 2010) untersuchten daher, inwiefern alternative Datenerhebungsmethoden, wie etwa ein impliziter Assoziationstest (IAT; Greenwald, McGhee & Schwartz, 1998) zu den Lebenseinstellungen eine Option sind. Dabei sollen automatische kognitive Assoziationen hinsichtlich der Einstellungen zum Leben zukünftiges suizidales Verhalten vorhersagen. In der Untersuchung erwiesen sich die impliziten Assoziationen als validerer Indikator für Suizidversuche innerhalb der nächsten sechs Monate als bekannte Risikofaktoren für Suizidalität wie beispielsweise Depressionen oder Selbsteinschätzungen bzw. Einschätzungen durch klinisches Fachpersonal (Nock et al., 2010, S. 514–515) – diese alternative Datenerhebung erscheint also vielversprechend.

  • [1] Mein persönlicher Dank gilt an dieser Stelle PD Dr. Cornelius Schüle für das Gespräch.
 
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