Kontroversen um die Consumer Social Responsibility

Die Frage, inwieweit Konsumenten begründeterweise Verantwortung für nachhaltiges Konsumieren und Produzieren zugeschrieben werden kann, wird kontrovers diskutiert. So wird Konsumenten einerseits „im Zuge der Diskussion um eine nachhaltige Entwicklung umfassende Verantwortung für die Erreichung einer sozialökologisch verträglichen Wirtschaftsweise zugesprochen.“ (Schrader 2011, S. 75) Andererseits wird sowohl die Begründung als auch die Zumutbarkeit einer solchen Anforderung angezweifelt.

Einige Argumente scheinen zunächst für die Consumer Social Responsibility zu sprechen. Konsum steht zum einen als „Verwendung, Nutzung und (...) Gebrauch von Gütern und Dienstleistungen“ (König 2008, S. 13)3 im Zentrum der Herausforderungen, die sich der Menschheit im Rahmen der „Grenzen des Wachstums“ (Meadows/Meadows/Milling 1973) stellen: „Geht man davon aus, dass die Herstellung von Produkten und Dienstleistungen der Befriedigung der Endnachfrage dient, so lassen sich im Prinzip fast die gesamten Nachhaltigkeitsprobleme dem Konsum der privaten Haushalte zuordnen.“ (Belz/Bilharz 2005, S. 8)4 Dabei entstehen einige der Auswirkungen direkt in den Haushalten selbst, zum Beispiel durch Strom- und Spritverbrauch.5

Gleichzeitig ist der Einfluss der Konsumenten am Markt durch erhöhte Einkommen, vielfältigere Wahlmöglichkeiten und eine bessere Informiertheit im letzten Jahrhundert stetig gestiegen.6 Ulf Schrader konstatiert eine Ausweitung und verbesserte Gewährleistung der Konsumentenrechte und -freiheiten, die jedoch auch mit moralischen Pflichten einhergehen. Das bedeutet, „dass Konsumentenbürger Verantwortung nur dann übernehmen können, wenn sie auch entsprechende Rechte haben und dass umgekehrt das Vorhandensein erweiterter Verbraucherrechte auch eine Zunahme der Verantwortung für nachhaltigen Konsum mit sich bringt“ (Schrader 2011, S. 80).

Vor allem im englischsprachigen Raum der Business Ethics wird außerdem darauf verwiesen, dass eine Verantwortung der Konsumenten nicht zuletzt deshalb notwendig ist, da Unternehmen bei der Übernahme ihrer Verantwortung auf die Zustimmung und die Unterstützung der Konsumentenseite angewiesen sind:

„What is missing from many of the CSR campaigns is the critical role played by the everyday consumer who has to buy the products.“ (Devinney et al. 2006, S. 32)7

Im Rahmen des sogenannten Marrakesch-Prozesses der Vereinten Nationen zu nachhaltigem Konsumieren und Produzieren wird vor diesem Hintergrund das Ziel formuliert „[to] promot[…] [e] knowledge and lifestyles to reorient producers/consumers/citizens choices in more responsibile, resource-efficient and innovative ways.“ (UNDESA/UNEP 2010, S. 9) Die internationale Verbraucherorganisation Consumers International8 weist gleich einen umfangreichen Katalog von Verantwortlichkeiten für Konsumenten vor, dem zufolge Konsumenten nicht nur Verantwortung für die Überprüfung der ihnen angebotenen Waren tragen, sondern auch ökologische und solidarische Verantwortung übernehmen sollen. Unter anderem heißt es auf der Homepage der Organisation: „[C]onsumers must act with social responsibility, with concern and sensitivity to the impact of their actions on other citizens (...). [T]here must be a heightened sensitivity to the impact of consumer decisions on the physical environment“.9 Und auch auf der Homepage des deutschen Bundesumweltministeriums ist zu lesen:

„Eine Diskussion um unsere Lebensstile und um unsere Verantwortung auch beim Konsum ist unerlässlich!“10

Nicht zuletzt spricht ein Blick auf die Märkte dafür, dass Konsumenten sich der Notwendigkeit der Veränderung nicht nachhaltiger Konsum- und Produktionsmuster bewusst sind und diese Erkenntnis auch Einfluss auf ihr Handeln hat. So hat sich der Umsatz mit Fair-Trade-Produkten in Deutschland seit 2000 ungefähr verzehnfacht, ist allein zwischen 2011 und 2012 um „33% gegenüber dem Vorjahr“ gestiegen und beläuft sich mittlerweile auf einen „Wert von rund einer halben Milliarde Euro“.11 Ähnlich verhält es sich mit den Wachstumsraten von ökologischen Lebensmitteln: „2012 gaben die deutschen Haushalte 6% mehr Geld für Bio-Lebensmittel und Getränke aus. Das waren 7,0 Mrd. € Umsatz im Vergleich zu 6,6 Mrd. € 2011“ (BÖLW 2013, S. 16).12

Schließlich ist auch die Reduktion des materiellen Konsums zu einem Zeichen für eine Besinnung auf mehr Lebensqualität avanciert. Begriffe wie „voluntary simplicity“, „down-shifting“, „ethical simplifiers“ oder „slow living“ beschreiben diese Form des nachhaltigen Konsums.13 Optimistisch heißt es daher auf den Internetseiten der Bundesregierung: „Bio-Lebensmittel, Car-Sharing, Fair Trade – ein umweltbewusstes und nachhaltiges Leben zu führen, ist in Deutschland gefragter denn je.“14

Abseits dieser zuversichtlichen Erwartungshaltungen und Prognosen werden allerdings nicht nur die moralische Grundlage, sondern auch die Schlagkraft sowie die Umsetzungschancen des verantwortlichen Konsums in Frage gestellt.15 Die Argumente sind zum einen darauf zurückzuführen, dass das Handeln individueller Konsumenten angesichts der globalen Problemlagen als wirkungslos beschrieben wird: Ob etwa ein Konsument mehr oder weniger Auto fahre sei angesichts der Millionen anderer Autofahrer für das Klima irrelevant.16 Auch gegenüber dem Handeln von institutionellen Akteuren wie Unternehmen und gegenüber politischen Rahmenbedingungen wird den Konsumenten wenig Einfluss zugetraut. Ein Beispiel ist das Stromsparen: Das

„EU-Emissionshandelssystem ist so konstruiert, dass das Gesamtvolumen der Emissionsberechtigungen, die von Kraftwerksbetreibern und ausgewählten Industriezweigen erworben werden müssen, schon auf Jahre hinaus festgelegt ist, mit schrittweise sinkender Tendenz. Eine verminderte Elektrizitätsnachfrage privater Haushalte ändert nichts an der Gesamtzahl der ohnehin knappen Zertifikate.“ (Geden 2008, S. 135)

Zum anderen beziehen sich die Argumente darauf, dass ein an den Zielen der Nachhaltigkeit ausgerichteter Konsum ein komplexes Unterfangen ist, das große Veränderungen nicht nur der Produktwahl und ihrer Nutzung, sondern auch von alltagspraktischen Handlungen, Routinen und Gewohnheiten verlangen kann. Es fehle den Konsumenten jedoch nicht nur an spezifischem Wissen und Informationen, Angeboten und Handlungsoptionen,17 sondern auch an „Kapazitäten zeitlicher, kognitiver und finanzieller Art“ (Geden 2008, S. 134), um diese Veränderungen effektiv umsetzen zu können.18 Insgesamt könnten alltagspraktische Notwendigkeiten und Verpflichtungen dazu führen, dass individuelles Handeln nicht ohne große Kosten und Verluste verändert werden könne oder Zielkonflikte aufträten.19

Überdies bedeutet die Forderung nach der Veränderung von Konsummustern einen nicht unbedeutenden Eingriff in die Privatsphäre und in die Gestaltung des eigenen Lebens. Kai-Uwe Hellmann schreibt hierzu: „Mit einem Gestus der Bevormundung wird belehrt, zurechtgewiesen, verurteilt“ (Hellmann 2011, S.

269) und Armin Grunwald spricht gar von der Gefahr einer „Diktatur der politischen Korrektheit“ (Grunwald 2010, S. 180).20

So zeigt sich weiterhin, dass die oben genannten Entwicklungen des nachhaltigen Konsums zu relativieren sind. Trotz merklicher Wachstumszahlen im Bereich fair und ökologisch hergestellter Produkte verbleiben ihre Marktanteile bisher bei unter 5 %.21 Auch wenn 62 % der Befragten einer Studie des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU) und des Umweltbundesamts (UBA) einen großen Wohnraum für eine kleine Anzahl von Personen für umweltbelastend halten, wünschen sich 54 % ein eigenes Haus.22 Ebenso meldet das Statistische Bundesamt auch im Sommerreisezeitraum 2013 wieder einen Anstieg der Fluggästezahl von 1,5 % gegenüber dem Vorjahr.23 Dabei wird diese zögerliche Umsetzung nachhaltiger Konsummuster nicht auf eine mangelnde Befürwortung der nachhaltigen Ziele zurückgeführt, da diese in der Bevölkerung sehr groß ist.24 Vielmehr scheint ein klassischer Fall des sogenannten Attitude Behaviour Gap vorzuliegen, der unter anderem mit Hilfe der oben genannten systemischen und alltagspraktischen Hinderungsgründe erklärt wird.25

Es ist somit insgesamt nicht eindeutig, inwiefern die Übernahme der Verantwortung von Konsumenten erwartet und ihnen berechtigterweise zugeschrieben werden kann (Dimension des Sollens). Auch wenn von einer mangelnden Umsetzung nicht auf die Ungültigkeit einer Norm geschlossen werden muss, kann die fehlende Umsetzung nicht allein auf eine zu schwach ausgeprägte Motivation oder gar fehlende Moralität der Konsumenten zurückgeführt werden (Dimension des Wollens). Denn unter Umständen sind die Hindernisse der Umsetzung zu gravierend, als dass sie den Konsumenten zugemutet werden kann (Dimension des Könnens). Ein Sollen ohne Können ist jedoch weder moralisch vertretbar noch hat es Aussicht auf Erfolg,26 weshalb die angeführten Einwände

gegen eine Konsumentenverantwortung für nachhaltiges Konsumieren und Produzieren ernst zu nehmen sind.27 Häufig wird angesichts dieser Bedenken verstärkt Hoffnung in die politische Ebene gesetzt,28 auf welcher sich allerdings auch Grenzen ergeben. Es seien nur einige Gründe hierfür genannt:

Erstens stellen sich die Herausforderungen einer nachhaltigen Entwicklung auf der globalen Ebene, auf der jedoch der Einfluss der Nationalstaaten aufgrund der Globalisierung der Wirtschaftsbeziehungen zunehmend gesunken ist.29

Zweitens bedarf es in demokratischen Staaten der Zustimmung der Bevölkerung und somit auch der Konsumenten, wenn neue Regelungen und Mechanismen eingeführt werden sollen.30 Die jüngsten Diskussionen bzw. Abwehrreaktionen um den Vorschlag der Grünen, einen vegetarischen Tag in deutschen Kantinen zu etablieren, sind ein Beispiel für die Grenzen „eigenständiger“ top-downInitiativen von Politikern, wenn diese nicht auf die breite Zustimmung der Bevölkerung stoßen.31

Drittens kann auch die Rahmenordnung immer nur auf neue Umstände und Herausforderungen reagieren und ist daher in der Regel „systematisch unvollständig“ (Hansen/Schrader 2009, S. 476). Das Finden neuer Lösungen und die Etablierung neuer Regelungen kann ein langfristiger Prozess sein, zumal neue Lösungswege keineswegs auf der Hand liegen, sondern entwickelt und erprobt werden müssen. Hier benötigt die Politik nicht nur moralische „Pionierleistungen“, sondern auch die Unterstützung und Kompetenz der Konsumenten, Unternehmen und Bürger.32

Da also auch das politische Handeln bei der Durchsetzung eines nachhaltigeren Produzierens und Konsumierens an Grenzen stößt, scheint es – den dargestellten Schwierigkeiten zum Totz – zu voreilig zu sein, den Gedanken der ConSR gänzlich zu verwerfen. Es wird vielmehr eine moralphilosophische Grundlage benötigt, die es erlaubt, Konsumenten begründet Verantwortung zuzuschreiben und die gleichzeitig die möglichen Hinderungsgründe und Schwierigkeiten ihrer Umsetzung einbezieht. Diese Begründung stellt jedoch sowohl in der Wirtschaftsethik als auch in der Forschungslandschaft zum nachhaltigen Konsum bisher eine Lücke dar, zu deren Schließung diese Arbeit einen Beitrag leisten soll.

 
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