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1.4 Zur Methode und Vorgehensweise

Für die Bestimmung moralischer Zuständigkeiten benötigt das Verantwortungskonzept einen Orientierungsrahmen bestehender Normvorstellungen. Auch wenn es sich selbst noch in der Entwicklung und Diskussion befindet, ist mit dem Konzept der nachhaltigen Entwicklung ein solcher Bezugsrahmen in seinen Grundelementen und seiner Grundausrichtung zur Verfügung gestellt. Die normative Leitvorstellung einer nachhaltigen Entwicklung wird in Kapitel 2 dargestellt. Dabei wird besonders auf den Bedürfnisbegriff und seine Verbindung zu gerechten Vorstellungen eines „guten Lebens“ Bezug genommen, da hier die enge Verknüpfung von nachhaltiger Entwicklung und Konsum deutlich wird. Es werden zudem die politischen Rahmenprozesse skizziert, innerhalb derer sich das Konzept entwickelt hat. Weiterhin werden Dimensionen einer nachhaltigen Entwicklung eingeführt und nachhaltiges Konsumieren und Produzieren wird als prozessuale Umsetzungsebene vorgestellt. Während nachhaltiger Konsum dabei als Zielvorstellung dient, bestehen verschiedene Strategien sowohl auf der Konsumals auch auf der Produktionsseite zu seiner Realisierung, die ebenfalls diskutiert werden.

Vor allem Kapitel 3 und 4 dieser Arbeit sind der Aufgabe gewidmet, einen Ansatz für die Zuschreibung von Verantwortung an Konsumenten zu entwickeln. Ziel ist es, ein Konzept der Consumer Social Responsibility zu entwerfen, das der Komplexität der gesellschaftlichen Herausforderungen gerecht wird, ohne beliebig und undifferenziert zu sein.75

In Kapitel 3 werden zunächst die Grundlagen des Verantwortungskonzepts dargestellt. Neben seiner Genealogie, Dimensionen und Ebenen führe ich dabei insbesondere die Systematik der Zuschreibung von Verantwortung und ihrer Bedingungen sowie der Übernahme und Ablehnung von Verantwortung ein. Als Ausgangspunkt für die Diskussion kollektiver Verantwortungsmodelle wird sodann die grundlegende Herangehensweise anhand der korporativen Verantwortung und der Herleitung der Unternehmensverantwortung, der Corporate Social Responsibility, dargestellt. So können Formen kollektiven Handelns und die Schwierigkeiten, die bei kollektiver Verantwortungszuschreibung entstehen, umrissen und für die weiteren Ausarbeitungen vorausgesetzt werden. Kapitel 3 schließt mit einer kurzen Einführung in das Konzept der Corporate Social Responsibility, die die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen für nachhaltiges Konsumieren und Produzieren umfasst und die als Bezugspunkt für die Consumer Social Responsibility dient (und vice versa).

Aufbauend auf dieser Basis setze ich mich in Kapitel 4 intensiv mit der Consumer Social Responsibility auseinander. Hierfür befrage ich verschiedene verantwortungstheoretische Ansätze, die sich weitestgehend mit dem Problem der Verantwortung von Individuen in kollektiven Handlungssituationen auseinandersetzen. Dabei überprüfe ich in einem ersten Schritt, inwieweit klassische, individuelle Kausalitätsmodelle nicht doch greifen können, wie es etwa Schwartz unter anderem in Anlehnung an Derek Parfit vorschlägt.76 Ich werde diese Möglichkeit zwar nicht verwerfen, jedoch als unzureichend beschreiben, da vielfältige Aspekte der Interaktion in komplexen sozialen Prozessen nicht erfasst werden können.

Als weitere Möglichkeit kommen retrospektive Beteiligungsmodelle in Betracht, zu denen beispielsweise der Ansatz der geteilten Verantwortung von Larry May oder das „Complicity Principle“ (Kutz 2000, S. 122) von Christopher Kutz zählen.77 Beide Autoren gehen davon aus, dass Akteure nicht nur für den tatsächlich von ihnen verursachten Schaden zur Verantwortung gezogen werden können, sondern auch für ihre grundsätzliche Beteiligung an einem kollektiven Handlungskontext, beispielsweise durch die Akzeptanz der zugrunde liegenden Bedingungen und das Profitieren von den gegebenen Verhältnissen. Kann eine (Mit-)Täterschaft für entstandene Schäden belegt werden, so der Gedanke, dann kann von den Akteuren zukünftig verlangt werden, ihr Handeln zu ändern. Damit ist zwar bereits ein wichtiger Schritt in Richtung einer möglichen Verantwortungszuschreibung an Individuen getan, ganz befriedigend wird das Ergebnis jedoch noch nicht sein. Deshalb ziehe ich in einem letzten Schritt prospektive Verantwortungsmodelle heran, die nicht den Gedanken der Täterschaft verfolgen, sondern eine Zuständigkeit (im Vorhinein) definieren. Virginia Held oder David Miller entwickeln hier Ansätze beispielsweise für Notfallsituationen, in denen Hilfsleistungen von den anwesenden Personen zu erwarten sind,78 während Young mit dem „Social Connection Model“ (Young 2013, S. 95) ein Konzept vorgelegt hat, das bei strukturell bedingten systemischen Handlungsfolgen eine Verantwortungszuschreibung in positiver Hinsicht zulässt. Young postuliert, dass Akteure gemäß ihrer Beteiligung und ihrem Einfluss auf die bestehenden Strukturen gemeinsam mit anderen beteiligten Akteuren Verantwortung übernehmen sollen. Aus der Betrachtung der verschiedenen Ansätze ziehe ich im Fazit den Schluss, dass ihre Integration vielversprechend ist. Das Resultat ist einerseits ein auf andere Situationen und Fragestellungen übertragbares Zuschreibungsmodell mit grundlegenden Kriterien und Prinzipien, auf deren Basis sich Verantwortlichkeiten einzelner Akteure in kollektiven Handlungskontexten bestimmen lassen, und andererseits die Positionsbestimmung der Konsumenten als Ausgangspunkt für die Konkretisierung ihrer Verantwortung für nachhaltiges Konsumieren und Produzieren.

Für diese Konkretisierung ergeben sich zunächst aus den Kriterien und Prinzipien des Zuschreibungsmodells die Eckpfeiler für den sogenannten „Verantwortungsraum“, innerhalb dessen sich Zuschreibung und Realisierung der ConSR abspielen sollen. Die Zuschreibung im konkreten Fall ist jedoch abhängig von kontextspezifischen Parametern und einer Beachtung der jeweiligen Handlungsumstände. So wird betont, dass es sich bei Verantwortung um ein „kontextualistisches Moralprinzip“ (Heidbrink 2011, S. 188) handelt, bei dessen Anwendung folglich die situativen Bedingungen der Handlungen eines potenziellen Verantwortungssubjekts beachtet werden müssen.79 Diese sind letztlich ausschlaggebend dafür, ob eine Verantwortungszuschreibung überhaupt möglich ist und sind nicht zuletzt maßgeblich dafür, dass Verantwortung auch übernommen wird. Anstatt diese kontextspezifischen Bedingungen lediglich zu betonen, bin ich der Ansicht, dass es lohnenswert ist, sie auch empirisch zu erheben, weshalb ich in meine Arbeit einen empirischen Teil integriert habe. In diesem analysiere ich öffentliche Verantwortungszuschreibungen an Konsumenten und Unternehmen im Rahmen der Debatte um den Klimaschutz im Bedarfsfeld Ernährung in den zwei größten deutschen Qualitätstageszeitungen, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) und der Süddeutschen Zeitung (SZ). Der thematische Zuschnitt erfolgte aufgrund der großen Relevanz des Klimaschutzes für eine nachhaltige Entwicklung einerseits und der großen Relevanz des Bedarfsfeldes Ernährung für den Klimaschutz andererseits. Eine solche Vorgehensweise ist für verantwortungstheoretische Arbeiten dieser Form eher ungewöhnlich und zeugt von einer kulturwissenschaftlichen Prägung meiner Arbeit. Ich halte sie vor allem deshalb für gewinnbringend, da eine Theorie der Verantwortung nur Gründe für eine Verantwortungszuschreibung aufzeigen kann. Faktisch geschehen Verantwortungszuschreibungen jedoch im sozialen Kontext durch soziale Akteure.80 Die Empirie dient insofern der Veranschaulichung im konkreten Fall.81 Mit ihrer Hilfe kann erläutert werden, wie das abstrakte Verhältnis von Nachhaltigkeit und Verantwortung und die scheinbar das Handeln des Individuums bei weitem übersteigende Aufgabe einer nachhaltigen Entwicklung auf spezifische Handlungskontexte und -optionen „heruntergebrochen“ werden kann, sodass sich für das Individuum handhabbare moralische Zuständigkeiten ergeben. Dabei können Gründe für oder gegen bestimmte Ausprägungen dieser Zuständigkeiten vorgebracht werden, die sich empirisch ebenfalls abbilden lassen. Auf diese Weise wird somit die im Konzept integrierte Anwendungsdimension sichtbar, die sich in Form eines „situationssensiblen Teils“ (Heidbrink 2003,

S. 51) des Basiskonzepts äußert. Die Ergebnisse der empirischen Untersuchung der öffentlichen Zuschreibung von Verantwortung für den Klimaschutz im Bedarfsfeld Ernährung werden in Kapitel 5 erläutert und im Hinblick auf die Theorie des vierten Kapitels interpretiert.

Neben dem Hauptvorhaben der Arbeit, der Begründung und Konzeptionalisierung der Consumer Social Responsibility, und neben der empirischen Veranschaulichung des Konzepts, gehe ich an zahlreichen Stellen auf die Beziehung der Consumer und Corporate Social Responsibility ein. Es soll verdeutlicht werden, dass beide zwar auf unterschiedlichen gesellschaftlichen Positionen beruhen, die Konsumenten und Unternehmen im Rahmen des marktwirtschaftlichen Kontextes einnehmen, dass sie jedoch voneinander abhängig sind und nur in ihrer Interaktion vollständig erfasst werden können: „Damit lassen sich auch zwei der grundlegenden Kritiken der Konsumenten- und Unternehmensverantwortung, nämlich dass sie wirkungslos und normativ unbegründet seien, aus dem Weg räumen.“ (Neuhäuser 2012, S. 278) Meine hier auch von Neuhäuser vertretene These ist, dass die jeweiligen Grenzen der Verantwortung von Unternehmen und Konsumenten nicht allein durch ein Ausweichen auf die politische Ebene umgangen werden sollten (siehe S. 22 f.), sondern durch ein jeweiliges Ineinandergreifen möglicherweise überwunden werden können. Die Beziehung von CSR und ConSR verdichte ich im Schlussteil dieser Arbeit zu einer Art Synthese, die mit vier Szenarien der Ausgestaltung einer gemeinsamen Konsumenten- und Unternehmensverantwortung mögliche Handlungsfelder für die Umsetzung nachhaltigen Konsumierens und Produzierens aufzeigen.

 
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