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1.5 Einordnung

Für die Einordnung dieser Arbeit in den Forschungskontext möchte ich noch auf einige Aspekte hinweisen, die mir wichtig erscheinen, um ihr Ziel nachvollziehen zu können. Der erste Aspekt bezieht sich auf die Rolle der Politik. In meiner Arbeit konzentriere ich mich auf die Verantwortung der Konsumenten und Produzenten und lasse die Politik als zentralen Akteur weitestgehend unbeachtet. Diese müsste für eine vollständige Abbildung der Verantwortungsbeziehungen aufgrund der Interdependenzen zwischen Ordnungs- und Handlungsebene insbesondere unter systemischen Bedingungen integriert werden, weshalb im Rahmen der Nachhaltigkeitsdebatte folgerichtig vom sogenannten Triangle of Change gesprochen wird.82 Es besteht jedoch ein Unterschied zwischen der Verantwortung der Politik auf der Ordnungsebene und der Verantwortung der Akteure auf der Handlungsebene, indem die Ordnungsebene der Institutionen sich gewissermaßen sekundär zum Handeln der Akteure verhält. In Demokratien entstehen Institutionen aus der Anerkennung bestimmter Notwendigkeiten auf der Handlungsebene, weshalb sich auch moralisch motivierte Regulierungen gewissermaßen sekundär zur Anerkennung moralischer Zuständigkeiten der Akteure verhalten: „Moralische Verantwortung soll ja die grundlegendste normative Kategorie beschreiben, und politische Zielsetzungen sollten sich ebenso wie rechtliche Bestimmungen an moralischen Prinzipien orientieren.“ (Gerber 2010, S. 91) Das bedeutet auch: Damit Systemveränderungen und mögliche Eingriffe in die Handlungsfreiheit der Akteure gerechtfertigt und legitimiert sind, bedarf es der Zustimmung der betroffenen Akteure (siehe S. 23) und somit der begründeten moralischen Verantwortungszuschreibung, damit auf demokratischem Wege Regelungsmechanismen eingeführt werden können, die das Handeln unter Umständen einschränken, in bestimmte Bahnen lenken oder auch belohnen. Die vorliegende Arbeit trägt zu der moralphilosophischen Legitimation für entsprechende Eingriffe und Maßnahmen bei und ist insofern auf einer Vorstufe zu verorten.

Der zweite Aspekt bezieht sich auf die Positionierung meines Ansatzes in der Wirtschaftsethik, in der sich Ökonomik und Ethik zu einer „Brückendisziplin“ (Aßländer/Schumann 2011, S. 185) oder auch „Hybriddisziplin“ (Ulrich 1997, S. 220) verschränken. Mein Ansatz, so hoffe ich durch die Beschreibung des Forschungsvorhabens verdeutlicht zu haben, ist der Wirtschaftsethik zuzuordnen, d. h., ich reflektiere die Wirtschaft aus ethischer und nicht die Moral aus ökonomischer Perspektive.83 Dabei verstehe ich Wirtschaftsethik als Angewandte Ethik in dem Sinne, dass Begründungsethik und die Anwendung auf bestimmte Handlungsbereiche eine Einheit darstellen: „Die Anwendung ist also nicht ein nachträglicher Teil, nachdem etwas verstanden wurde, sondern bestimmt dieses Verstehen von vornherein mit.“ (Knoepffler 2010, S. 53) Es handelt sich bei Angewandter Ethik also um eine Vermittlungsarbeit zwischen Theorie und Praxis: Ethische Normen werden auf reale Sachverhalte übertragen und gleichzeitig anhand ihrer Anwendung reflektiert und weiter entwickelt.84

In diesem Zusammenhang möchte ich, drittens, noch auf die Normativität dieser Arbeit eingehen, die das Thema und die Zielsetzung notwendigerweise und in einem gewissen Umfang mit sich bringen. Zum einen nimmt diese Arbeit die Normen, Werte und Ziele einer nachhaltigen Entwicklung als gegeben an und schließt sich somit der (durch andere Arbeiten begründeten) normativen Erwünschtheit der nachhaltigen Entwicklung an. Doch auch das Ergebnis dieser Arbeit kann als normativ bezeichnet werden, indem die Begründung der Verantwortung von Konsumenten einen möglichen normativen Anspruch „in den Raum stellt“.

In den Schritten zwischen Aufgabenstellung und Ergebnis, d. h. bei der Herleitung des Konzepts der Konsumentenverantwortung, ist es hingegen das Ziel, das mögliche „Werturteil […] zu problematisieren“ (Pieper 2007, S. 195), indem Begründungsansätze analysiert, überprüft und auf den Konsumkontext übertragen werden.85

Das bedeutet insgesamt: So wie die Normen der nachhaltigen Entwicklung den Ausgangspunkt dieser Arbeit bilden, kann das hier zu erarbeitende Konzept wiederum normativer Ausgangspunkt für weitere Arbeiten sein. Es liegt insofern in der Natur der Sache, dass ich mich aufgrund meiner ausgearbeiteten Begründung der Meinung anschließe, dass Konsumenten eine Verantwortung zugeschrieben werden kann und sollte. Diese Meinung ist jedoch persönliches Fazit und nicht Inhalt der Arbeit.

Das Ergebnis wird überdies nicht sein, dass bestimmte Konsumweisen als ethisch nicht vertretbar oder gar unmoralisch dargestellt werden und damit im schlimmsten Fall auch diejenigen, die diese Konsumweisen pflegen oder nicht.86 So wird in dieser Arbeit in vielen Fällen das Autofahren als ein Beispiel für ökologisch schädliches Handeln herangezogen und es könnte der Eindruck entstehen, dass es als unverantwortlich bewertet wird, Auto zu fahren. In manchen Fällen mag das zutreffen, in vielen jedoch auch nicht: Die Entscheidung fällt abhängig von individuellen Umständen und Notwendigkeiten. Es soll jedoch auch gar nicht primär darum gehen, dass es eventuell unverantwortlich ist Auto zu fahren, sondern darum, dass es verantwortlich ist, wahrhaftig – und das heißt ernsthaft und bereit, auch zu einem möglicherweise unbequemen Ergebnis zu kommen – eine Reflexion über das Autofahren anzustellen und das eigene Fahrverhalten unter moralischen Gesichtspunkten zu überdenken.

 
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