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Soziale Dimension

Im Vergleich zur ökologischen und ökonomischen Dimension ist die soziale Dimension der Nachhaltigkeit bisher am wenigsten systematisiert worden.146 Bauer beschreibt sie wie folgt:

„Die soziale Dimension von Nachhaltigkeit stellt die Frage nach der Verteilungsgerechtigkeit in den Mittelpunkt. Diese bezieht sich auf den Zugang zu Chancen und Ressourcen sowohl innerhalb einzelner Länder und Gesellschaften als auch im globalen Verteilungskonflikt zwischen den reichen Industrieländern im Norden und den armen und hochverschuldeten Schwellen- und Entwicklungsländern im Süden. Neben dem Ziel der Grundbedürfnisbefriedigung für heutige und zukünftige Generationen berührt die soziale Dimension dabei ausdrücklich auch Fragen der Geschlechterverhältnisse im Sinne der Schaffung gerechterer Lebenswelten für Frauen und Männer.“ (Bauer 2008, S. 18)

In diesem Zusammenhang muss vor allem darauf verwiesen werden, dass den positiven Entwicklungsergebnissen in den letzten Jahren147 immer noch die Zahl von einer Milliarde Menschen gegenüber steht, die in absoluter Armut leben.148 Gleichzeitig verteilen sich die armen Bevölkerungsschichten auf mehr Länder als noch vor einigen Jahren; dies kann als Hinweis darauf gewertet werden, dass die Einkommensunterschiede innerhalb von Nationen gravierender werden.149

Der globale Handel mit Konsumgütern für die europäischen und nordamerikanischen Konsumenten ist oftmals ein erster Schritt aus der Armut, da er Arbeit und Einkommen schafft. Die Arbeiter müssen dafür jedoch nicht selten prekäre Arbeitsbedingungen hinnehmen für – insbesondere im Vergleich zu westlichen Verhältnissen – Niedrigstlöhne. Verletzungen internationaler Kernarbeitsnormen, wie sie etwa die International Labour Organization (ILO)150 definiert, sind häufig an der Tagesordnung, weshalb der Begriff „Sweatshop“ paradigmatisch für die skandalösen Arbeitsverhältnisse in Billiglohnländern Asiens oder auch Südamerikas steht.151

Nicht zuletzt ist auf die ungleichen Einkommensverteilungen aufmerksam zu machen. So wurde bei einer Studie zur Wertschöpfungskette von Kaffee deutlich, dass sich das Gesamteinkommen äußerst ungleich auf die verschiedenen beteiligten Akteure verteilt. Demnach blieben Anfang der 1990er Jahre nur 13 % bei den Kaffeeproduzenten, während die Kaffeeindustrie in den Konsumländern 78 % erhielt.152

Im Zusammenhang mit der sozialen Nachhaltigkeit werden schließlich auch „soziale Ressourcen (wie Toleranz, Solidarität, Integrationsfähigkeit, Gemeinwohlorientierung, Rechts- und Gerechtigkeitssinn) [angesprochen; I. S.], die sich auf den dauerhaften Zusammenhalt gesellschaftlicher Teilsysteme oder der Gesellschaft als ganzer sowie auf den Erhalt des sozialen Friedens beziehen“ (Grunwald/Kopfmüller 2012, S. 58).

Zusammenfassend zeigt sich, dass sich unter den drei Dimensionen der Nachhaltigkeit unterschiedlichste Themen subsumieren lassen, die wiederum verschiedenen gesellschaftlichen und ökologischen Ebenen zugeordnet werden können. Es wurde weiterhin dargelegt, dass sich die Problemlagen und Grenzphänomene heutiger Gesellschaften wechselseitig bedingen und verstärken können. Entsprechend lassen sich auch die Dimensionen einer nachhaltigen Entwicklung nicht voneinander trennen: Der Klimawandel, auch wenn er primär der ökologischen Dimension zugeordnet wird, muss ebenfalls in der ökonomischen und sozialen Nachhaltigkeit Beachtung finden, da Veränderungen des Klimas die Grundlagen für die Umsetzung beider gefährden können. Gleichzeitig kann nicht auf die Verbesserung des Lebensstandards der bisher benachteiligten Bevölkerungsgruppen verzichtet werden, was wiederum die ökologische und die ökonomische Nachhaltigkeitsdimensionen herausfordert. Das Lohnniveau in Niedriglohnländern wurde hier unter „Soziales“ gefasst, kann und sollte jedoch ebenfalls in den ökonomischen Bereich eingeteilt werden. Die Zuordnung der Themen zu den Dimensionen ist daher keineswegs eindeutig und sollte nicht davon ablenken, dass es nicht um eine losgelöste Betrachtung der einzelnen Themen geht, sondern um eine Verhältnisbestimmung unterschiedlicher Entwicklungsdimensionen aus einer globalen Perspektive: „Nachhaltige Entwicklung betrifft damit das Verhältnis von menschlicher Wirtschaftsweise, den sozialen Grundlagen einer Gesellschaft und den natürlichen Lebensgrundlagen auf globaler Ebene.“ (Grunwald/Kopfmüller 2012, S. 15)

 
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