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2.4.2.2 Globale Wertschöpfungsprozesse und Lebenszyklusanalysen

Auch wenn die nationalstaatliche Sichtweise auf der Verhandlungsebene etwa für die Klimaverhandlungen im Zusammenhang mit dem Kyoto-Protokoll eine erste Basis darstellen konnte, kann sie die ökologischen und sozialen externen Effekte des Wirtschaftssystems nur indirekt abbilden und stößt daher an ihre eigenen (nationalstaatlichen) Grenzen.197 Der Grund liegt darin, dass das Wirtschaftssystem nicht innerhalb von Nationalstaaten, sondern entlang von globalen Wertschöpfungsketten, die Prozesse und Akteure miteinander in Beziehung setzen, organisiert ist.198 Die deshalb notwendige Beurteilung der sozialen und ökologischen Auswirkungen entlang dieser Wertschöpfungsketten „von der Wiege zur Bahre“ oder auch „von der Wiege zur Wiege“ wird von der Lebenszyklusperspektive ermöglicht.199 Der Lebenszyklus eines Produkts umfasst „Rohstoffgewinnung, Produktion, Handel, Nutzung, Recycling, Entsorgung und Transporte.“ (Grießhammer et al. 2010, S. 7) Die Analyse der sozialen und ökologischen Auswirkungen entlang des Lebenszyklus wird als Lifecycle Assessment (LCA, deutsch: Lebenszyklusanalyse) bezeichnet.

Es muss jedoch beachtet werden, dass Lebenszyklen keinesfalls so linear verlaufen, wie es angesichts dieser Definition erscheint. So sind auf jeder Stufe wiederum andere Akteure, Zulieferer, Logistiker und viele mehr eingebunden,200 zudem sind die Prozesse jeweils durch politische, technologische oder kulturelle Rahmenbedingungen beeinflusst. Für eine möglichst umfassende Beurteilung der sozial-ökologischen Auswirkungen dieser Prozesse muss deshalb eher von gesellschaftlich eingebetteten netzwerkartigen Strukturen ausgegangen werden und somit von einem hochkomplexen Prozessgebilde, das in Abbildung 1 dargestellt ist.

Da soziale und ökologische Auswirkungen entlang des gesamten Lebenszyklus eines Produkts entstehen, kann eine nationale Betrachtung immer nur aggregierte Ausschnitte dieser Auswirkungen abbilden, nicht jedoch die gesamten Effekte, die mit der Befriedigung von Bedürfnissen im Rahmen des Wirtschaftssystems in Verbindung stehen.201

Abbildung 1: Lebenszyklusperspektive (Quelle: UNDESA/UNEP 2009, S. 11).

Das Problem der nationalen Betrachtung liegt darin, dass der Außenhandel nicht mit einbezogen wird:

„However, especially for open economies, taking into account the greenhouse gases embodied in internationally traded commodities can have a considerable influence on national greenhouse gas balance sheets. (...) [E]xports have to be subtracted from, and imports added to national greenhouse gas inventories.“ (Lenzen et al. 2007, S. 28)202

So wurden zum Beispiel im Jahr 2004 22,5 % der in China „produzierten“ CO2Emissionen exportiert, im gleichen Jahr in einige europäische Länder jedoch mehr als 30 % der konsumbasierten Emissionen importiert.203 Während die „CO2-Außenhandelsbilanz“ von Deutschland nicht eindeutig als positiv (Überschuss von CO2-Exporten) oder negativ (Überschuss an CO2-Importen) beurteilt werden kann, liegt hinsichtlich des Ressourcenverbrauchs eine klare negative Bilanz vor, da Deutschland als rohstoffarmes Land etliche Ressourcen importiert.204 „Damit werden auch die mit der Rohstoffgewinnung und -herstellung verbundenen Umweltbelastungen in die Lieferländer verschoben, darunter viele Entwicklungsländer.“ (Wuppertal Institut 2009, S. 142)205

Im Rahmen von Lebenszyklusanalysen wird diesem Umstand Rechnung getragen, indem die nationale Perspektive verlassen wird und die einzelnen tatsächlichen Stoffströme und externen Effekte betrachtet werden. Der Vorteil liegt darin, dass nicht aggregierte Gesamtwerte erfasst werden, sondern eine prozessbezogene bzw. kausale Zuordnung der Werte zu den einzelnen Prozessschritten erfolgt.206 So ist zum einen die Betrachtung von externen Effekten eng an den tatsächlichen Stoffströmen orientiert und zum anderen wird die Bedürfnis- und Bedarfsbefriedigung der Menschen als Zielgröße und Zweck der Produktion verstanden.207

Mit Hilfe von Lebenszyklusanalysen können sowohl die ökologischen Auswirkungen als auch die sozialen Einflüsse208 entlang des Lebenszyklus beurteilt werden und auf dieser Basis die „Hot Spots“, d. h. die wichtigsten Handlungsfelder und Stellschrauben für die Reduktion dieser Auswirkungen, definiert werden.209 Diese Perspektive setzt „Akteure von Produktion und Konsum und die dahinter stehenden Orte miteinander in Beziehung und hilft dabei, Gestaltungsmöglichkeiten in Richtung eines nachhaltigeren globalen Handelns aufzuzeigen.“ (Starmanns 2007, S. 8) Das Ergebnis der Produktlebenszyklusanalysen sind sogenannte ökologische oder auch soziale Bilanzen, die auch als „Fußabdrücke“ bezeichnet werden.

 
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