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2.4.2.5 Strategien nachhaltigen Konsumierens und Produzierens

In der Debatte um nachhaltiges Konsumieren und Produzieren spielen insbesondere drei Nachhaltigkeitsstrategien eine Rolle. Dies sind Effizienz, Konsistenz und Suffizienz, wobei sich der Großteil der Diskussionen auf Effizienz und Suffizienz bezieht. Auch hier sind die Einteilung und die Abgrenzung nicht immer ganz eindeutig, zumal sich noch weitere Strategien oder Unterkategorien finden lassen.237 Zudem gilt auch für die Nachhaltigkeitsstrategien, dass sie sich vor allem auf die ökologische Dimension beziehen, während soziale Themen im Verhältnis weniger reflektiert sind.

Effizienz, Konsistenz und Suffizienz

Effizienz ist die Strategie „der Entkopplung von Wirtschaftsleistung und Umweltverbrauch“ (Grunwald/Kopfmüller 2012, S. 92) bzw. der „Dematerialisierung“ (Grunwald/Kopfmüller 2012, S. 92; Paech 2012, S. 56) und bezieht sich auf „Maßnahmen, die den Einsatz an Ressourcen und Energie pro Outputoder Nutzeneinheit senken“ (Paech 2012, S. 57).238 Der Fokus liegt hierbei einerseits auf technischen Lösungen, weshalb die Effizienzstrategie als besonders innovationsorientiert gilt. Sie hält die Industrie dazu an, neue Produkte und Verfahren oder Prozesse zu entwickeln.239

Neben der technischen Effizienz kann andererseits auch Nutzeneffizienz angestrebt werden. Ziel ist dann das Erreichen des gleichen Nutzens durch „Langlebigkeit oder Mehrfachnutzung von Produkten“ (Grunwald/Kopfmüller 2012, S. 93).240 Ein Beispiel für die Nutzeneffizienz ist Paech zufolge das Teilen einer Zeitung, da der gleiche Nutzen aus weniger „Produktinput“ entsteht.241 Somit sind zweierlei Ausprägungen denkbar:

„Erhöhungen der Ressourcenproduktivität können genutzt werden, um eine gegebene Konsumnachfrage auf Basis verringerter Umweltverbräuche zu befriedigen (Variante 1) oder um aus einem gegebenen Mitteleinsatz ein Maximum an Konsummöglichkeiten zu generieren (Variante 2).“ (Paech 2012, S. 58 f.)

„Bei der Konsistenz-Strategie stehen nicht quantitative, sondern qualitative Aspekte des Umweltverbrauchs im Vordergrund.“ (Grunwald/Kopfmüller 2012, S. 93; Hervorh. I. S.) Mit Hilfe von vollkommen geschlossenen Stoffkreisläufen soll ein Ressourcenverbrauch verhindert werden, indem Stoffe ohne Qualitätsverlust entweder vollständig recycelt (technischer Kreislauf) oder vollständig wieder in den biologischen Kreislauf eingespeist werden können.242 „Vorbild ist die Natur: Pflanzen und Tiere (...) verursachen (...) keine Umweltschäden, da die von ihnen produzierte Biomasse Teil des biologischen Stoffwechselkreislaufs und Abfall damit Nahrung ist.“ (Stengel 2011, S. 131)243 Als „Upcycling“ (Pauli 1999) wird in diesem Sinne ein Verwertungsprozess beschrieben, durch den keine Abfälle im herkömmlichen Sinne mehr entstehen, da „jeder Abfall als Ausgangsstoff für ein neues hochwertiges Produkt dient“ (ebd., S. 58).

Effizienz und Konsistenz sind vorrangig produktionsbezogene Instrumente.244 Die Strategie der Suffizienz setzt hingegen auf der Nachfrageseite an. Sie

„ist primär (...) nicht auf eine Veränderung der Energie- und Materialbeschaffenheit fixiert, sondern auf die Reduktion des Volumens benötigter Material- und Energiemengen durch eine Veränderung von Lebens- und Konsumstilen.“ (Stengel 2011, S. 140; Hervorh. im Original)245

Die Strategie der Suffizienz „stellt das absolute Konsumniveau zur Disposition“ (Paech 2012, S. 94), denn es geht um Konsumreduktion. Hierbei steht allerdings nicht notwendiger Weise die Askese im Vordergrund, sondern vielmehr eine Konzentration auf das Wesentliche bzw. auf das, was der eigenen Zufriedenheit tatsächlich dient.246 Suffizienz „fordert nicht, auf das Notwendige zu verzichten, sondern mit dem Ausreichenden zufrieden zu sein.“ (Scherhorn 2002, S. 16) Ähnlich heißt es auch beim Wuppertal Institut: Im Rahmen der Suffizienzstrategie wird angestrebt, „nur so viel an Leistungen in Anspruch zu nehmen, wie für das Wohlergehen der Einzelnen und des Ganzen zuträglich ist“ (Sachs et al. 2006, S. 167).

Alle drei Strategien sind wiederum nicht eindeutig voneinander trennbar. So beherbergt die Konsistenz-Strategie auch effiziente Elemente, während die Nutzeneffizienz auch in den Bereich der Suffizienz gerechnet werden kann: Wer beispielsweise eine Zeitung teilt, besitzt sie nicht, sondern zieht den Nutzen aus ihrer Lektüre.

Auch wenn die Strategien auf die ökologische Dimension ausgerichtet sind, lassen sich die Strategien Effizienz und Suffizienz mit sozialen Aspekten in Beziehung setzen. Effizienz bedeutet dann, die gleichen Produkte auf eine sozial verträgliche Weise herzustellen, indem etwa die Rechte der beteiligten Arbeiter respektiert und angemessene Löhne bezahlt werden. Suffizienz kann sich hingegen darauf beziehen, dass Menschen sich wieder mehr darauf besinnen, welche Produkte sie tatsächlich benötigen und welche ihrer Zufriedenheit überhaupt zuträglich sind. Ott beschreibt diesen Zusammenhang auch als „‚konvivale Suffizienz'“ (Ott 2009, S. 27, Hervorh. im Original). Diese „verbindet den Gedanken einer in äußerlich-materiellen Dingen eher bescheidenen, schlichten Lebensführung (...) mit der Suche nach zeitgemäßen Formen des Gemeinschaftslebens (Konvivalität).“ (Ebd.)

Technischer und kultureller Weg

Paech ordnet die verschiedenen Nachhaltigkeitsstrategien einerseits dem technischen und andererseits dem kulturellen Weg zu. Der „technische Weg“ (Paech 2012, S. 54; Hervorh. im Original) bezieht sich demnach insbesondere auf die Strategien der Effizienz und Konsistenz und ist somit im Bereich der Produktion zu verorten. „Das Ausmaß an Bedarfen steht dabei nicht zur Disposition, sondern gleicht einer exogenen Variable[n]“ (ebd., S. 56). Zum technischen Weg zählt er des Weiteren auch die Strategien der Vermeidung und der Risikominderung. Als „Vermeidung“ (ebd., S. 64; Hervorh. im Original) bezeichnet er den Verzicht auf bestimmte Produkte und ihren vollständigen Ersatz durch „nachhaltigere Alternativen“ (ebd.). Ein Beispiel hierfür sei die Vermeidung von Atomenergie. „Risikominderung“ (ebd.; Hervorh. im Original) bedeute, ähnlich wie Vermeidung, den Verzicht auf bestimmte Produkte oder Technologien, allerdings „ex ante, also vor der Einführung“ (ebd., S. 65), wenn z. B. die ökologischen Risiken nicht abschätzbar seien.

Unter dem „kulturelle[n] Weg“ (ebd., S. 66; Hervorh. im Original) versteht Paech vor allem die „Milderung von [materiellen; I. S.] Wachstumszwängen“ (ebd.; im Original kursiv), deren Hauptstrategie das Suffizienzprinzip darstellt. Doch auch die Strategie der „Umverteilung“ (ebd., S. 67; Hervorh. im Original) kann hier eine Rolle spielen, „wenn an die Stelle der Produktion neuer Werte schlicht eine andere Verteilung der bereits vorhandenen Werte tritt. Keine Produktion kann nachhaltiger sein als die, derer es gar nicht bedarf, weil der Fundus des bereits Geschaffenen möglichst vielen zugute kommt“ (ebd., S. 73).

Entsprechend dieser Einteilung in kulturelle und technische Nachhaltigkeitswege lassen sich den Strategien mit Paech verschiedene Komponenten des Konsumprozesses zuordnen:247

Ÿ Im Rahmen der kulturellen Dimension werden Bedarfe hinterfragt und das Suffizienzprinzip kommt zum Zuge. Um das bereits erwähnte Mobilitätsbedürfnis wieder aufzugreifen, wäre es hinsichtlich der Suffizienz zum Beispiel möglich, den Urlaub an der Nordsee und nicht in Thailand zu verbringen.

Ÿ Die Ebene der Nutzungssysteme stellt eine Art Bindeglied zwischen kultureller und technischer Dimension dar und vereint entsprechend Elemente des Suffizienz- und des Konsistenzoder Effizienzprinzips. Entscheidet sich eine Person für den Urlaub an der Nordsee, kann sie den Zug oder das Auto nehmen, wobei die erste Variante die nachhaltigere darstellt.

Ÿ Schließlich besteht auf der technischen Ebene der Produktion die Möglichkeit, zwar beispielsweise mit dem Auto zu fahren, jedoch ein besonders spritsparendes, d. h. effizientes, Modell zu nehmen.

Diskussion der Strategien

Die verschiedenen Strategien sind nicht unkritisiert geblieben. So ist insbesondere im Hinblick auf die technische Effizienzstrategie anzumerken, dass sie zunächst nur ein Input-Output-Verhältnis anzeigt, jedoch keine Aussage über den absoluten Verbrauch zulässt. Das bedeutet, dass ein Produkt zwar effizienter hergestellt werden kann, wenn es aber in größerer Menge hergestellt und gekauft bzw. genutzt wird, wird der absolute Ressourcenverbrauch nicht verringert, sondern mitunter sogar erhöht. Dieses als „Rebound-Effekt“ bekannte Phänomen „[tritt] auf, wenn Maßnahmen, denen bei isolierter Betrachtung ein positiver Nachhaltigkeitsbeitrag bescheinigt werden kann, weitere Effekte verursachen, die sich in einer anderen Dimension, einem anderen Handlungsbereich oder einem anderen (Teil-) System negativ auf Nachhaltigkeitsbelange auswirken.“ (Paech 2012, S. 115)

Rebound-Effekte können sowohl auf gesamtgesellschaftlicher Ebene etwa durch die steigende Nachfrage in den sich entwickelnden Ländern oder auch auf individueller Ebene durch den erhöhten Konsum oder Gebrauch der vermeintlich ökologischeren Produktalternativen stattfinden. Ein Beispiel ist das 1,5-LiterAuto, das nicht anstelle des alten Autos, sondern zusätzlich oder auch häufiger gefahren wird, gerade weil es weniger Kraftstoff verbraucht.248

Doch auch der Ansatz der Konsistenz birgt seine (ökologischen) Schwierigkeiten:

Ÿ Zunächst sind Technologie und Industrie noch nicht weit genug fortgeschritten, um die notwendige Reduktion des Ressourcenverbrauchs auf globalen Märkten bewältigen zu können.249

Ÿ Darüber hinaus müssen immer noch große Mengen an Material genutzt werden, selbst wenn sie im unendlichen Kreislauf wiederverwertet werden.250

Ÿ Des Weiteren finden unter Umständen dennoch qualitative Eingriffe in das Ökosystem statt. Beispiele hierfür sind der Anbau von Nutzpflanzen für die Herstellung von Bio-Treibstoffen, das Aufstellen von Windrädern in der Landschaft usw.251

Konsistenz und Effizienz können folglich alleine keine nachhaltige Entwicklung voranbringen. Sie „ziehen ohne veränderte Verhaltensweisen keine Entlastung der globalen Ökosysteme nach sich. Die Stagnation der Gütermenge auf einem zu hohen Level oder deren Wachstum, kann Erfolge sowohl der Effizienzals auch der Konsistenzstrategie merklich abschwächen.“ (Stengel 2011, S. 139)

Hinsichtlich des Suffizienzprinzips ist anzumerken, dass es in ökologischer Hinsicht zwar die nachhaltigste Variante darstellt, in sozial-ökonomischer Hinsicht jedoch vor allem auf Akzeptanzgrenzen stößt und somit eines langfristigen kulturellen Wandlungsprozesses bedarf. Auch wenn dieser mitunter notwendig ist,252 muss die Gesellschaft in gewisser Weise „abgeholt“ werden. Vor allem scheint es angesichts der immer noch bestehenden Armut geboten, auch Lösungen in den Blick zu nehmen, die den Zuwachs materieller Bedürfnisbefriedigung dort gezielt zulassen, wo er notwendig ist – auch mit der Suffizienzstrategie allein können somit die Ziele einer nachhaltigen Entwicklung nicht erreicht werden.

Es folgt insgesamt, dass letztlich eine Kombination der Strategien im Rahmen der drei Ebenen von Paech, also auf der kulturellen, der technischen und der Ebene der Nutzungssysteme, im nachhaltigen Sinne Erfolg versprechend ist.

2.4.3 Zusammenfassung

In Kapitel 2.2 wurde nachhaltige Entwicklung als gesellschaftlicher Lernprozess und normative Leitidee eingeführt, während in Kapitel 2.3 beschrieben wurde, welche Handlungsfelder für eine nachhaltige Entwicklung relevant sind. In Kapitel 2.4 wurde nun die internationale Verhandlungsebene der Nationalstaaten von der Umsetzungsebene unterschieden, auf der nachhaltiges Konsumieren und Produzieren gefördert werden soll. Die Zielvorstellung ist dabei ein nachhaltiger Konsum im Sinne nachhaltiger Gesamtlebensstile. Das heißt, dass der Fokus auf den aggregierten Auswirkungen der Einzelhandlungen eines Konsumenten und nicht auf einzelnen Produkten und Handlungen liegt.253 Mit Hilfe von Lebenszyklusanalysen lassen sich für die Umsetzung dieses Ziels die sozialen und ökologischen Auswirkungen entlang von globalen Wertschöpfungsprozessen einschätzen und zentrale Bedarfsfelder identifizieren, die in ökologischer Hinsicht besonders relevant sind. Zu ihrer nachhaltige(re)n Gestaltung wurden die Strategien Effizienz, Konsistenz und Suffizienz dargestellt, die jeweils auf unterschiedliche Ebenen der Bedürfnisbefriedigung Bezug nehmen: Während Effizienz und Konsistenz vorrangig in der Sphäre der Produktion ansetzen, ist Suffizienz vor allem bei der Nachfrage zu verorten, indem sie das Ausmaß der Bedarfsbildung zur Befriedigung objektiver Bedürfnisse und subjektiver Wünsche in Frage stellt. Insgesamt ist eine Kombination dieser Ansätze vielversprechend.

Zusammenfassend stellt nachhaltige Entwicklung einen normativen, gesellschaftspolitischen und strategischen Handlungsrahmen für das Verhalten der Akteure des Triangle of Change – Regierungen, Unternehmen und auch Konsumenten – dar. Für die Umsetzung der Idee der nachhaltigen Entwicklung tragen sie womöglich Verantwortung: Diese ist Inhalt der folgenden Kapitel.

 
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