Die Frage der Zurechnung: Klassisches Modell

Die Lehre der „imputatio“ (Schwartländer 1974, S. 1579; Hervorh. im Original),264 der Zurechnung, geht auf Aristoteles zurück, der im Dritten Buch der Nikomachischen Ethik zentrale Kriterien definiert, welche die Zurechnung von Handlungen bedingen. Zu diesen Kriterien gehören Kausalität, Freiwilligkeit, Wissentlichkeit und Willentlichkeit.265

Kausalität bezeichnet dabei als erstes Kriterium des aristotelischen Zurechnungsmodells eine Ursache-Wirkungsbeziehung zwischen einer Handlung und ihren Folgen: Jemand ist „Urheber seiner Handlung“ (Heidbrink 2008a, S. 135). Es muss also eine kausale Verknüpfung von Täter, Handlung und Folgen feststellbar sein.

Für die weitere Bestimmung muss zudem das Kriterium der Freiwilligkeit (auch Freiheit) der Handlung herangezogen werden, denn Kausalität ist zwar eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für die Zurechnung von Handlungsfolgen. Als freiwillig wird eine Handlung dann bezeichnet, wenn eine Person ohne Nötigung über ihr Handeln selbst bestimmen kann,266 sie also frei von äußerem Zwang ist. Dies ist nicht der Fall, wenn „ihr ‚bewegendes Prinzip' von außen her eingreift, und zwar so, daß bei seinem Einwirken die handelnde oder die erleidende Person in keiner Weise mitwirkt“ (Bayertz 1995, S. 9; Hervorh. im Original).

Von der Handlungsfreiheit ist die Willensfreiheit oder Willentlichkeit zu unterscheiden. Willentlich sind Handlungen, die „auf eine bewußte Entscheidung zurückgehen“ (ebd.). Willensschwäche, also letztlich die fehlende Eigenmotivation, alles zu versuchen, um die negativen Folgen des eigenen Handelns zu verhindern, gilt dabei nicht als Schuld mindernder Umstand.

Zudem ist die Zurechnung einer Handlung durch die Wissentlichkeit um Handlung und Folgen sowie um ihre moralische Relevanz bestimmt. Nur wer von den Umständen und Folgen der eigenen Handlung wusste, kann auch für sie verantwortlich gemacht werden. Unwissenheit entbindet jedoch nicht zwingend von Verantwortung. Sie gilt nicht als Entschuldigung, wenn die verletzten Normen und Rechtsvorschriften als allgemein bekannt gelten, ihre Kenntnis Pflicht ist oder die Möglichkeit besteht, sich über die Rahmenbedingungen zu informieren. Unwissenheit kann auch dazu führen, dass bei eigentlich gut gemeinten Intentionen eine unbeabsichtigte negative Folge entsteht. Wer die Folgen gar nicht beabsichtigte, dem können sie mit Aristoteles kaum zugerechnet werden – es sei denn, die Folgen waren bewusst oder hätten bekannt sein müssen: „Wenn aber nun einer wissend das tut, wodurch er ungerecht werden wird, dann wird er offenbar freiwillig ungerecht sein“ (Aristoteles 2010, S. 161 [NE III 4 a 12-14]).267

Mit den Kriterien der Kausalität, Freiwilligkeit, Willentlichkeit und Wissentlichkeit legt Aristoteles die Basis für die von Bayertz als das „klassische Modell“ (Bayertz 1995, S. 6; Hervorh. im Original) bezeichnete Phase der Verantwortung. In dieser Phase bezieht sich die Verantwortungsfrage auf vergangene Taten von menschlichen Einzelpersonen268 und damit vor allem auf die Zuschreibung von Schuld, die vor einer Instanz verantwortet werden muss. Paradigmatisch für dieses kausale Individualprinzip der klassischen Phase ist der rechtliche Verantwortungsbegriff.

Für die konkrete Zuschreibung nach diesem Modell bedarf es der Herstellung einer „interne[n] Beziehung zwischen Absichten und Folgen“ (Heidbrink 2003, S. 62) und eines „externen Standort[s]“ (ebd.) als Maßstab für die Beurteilung einer Handlung, die ein weiterer Baustein für eine systematische Erschließung des Konzepts der Verantwortung ist:

„Die in einem juridischen Sinn prototypische Verantwortlichkeit des Menschen für seine Handlungen hängt somit von einer doppelten Zurechnung ab: der Zurechnung einer vollzogenen Handlung nach institutionalisierten Rechtsregeln und Rechtsprinzipien (imputatio iuris) und der Zurechnung der entsprechenden Handlung auf eine verantwortliche Person (imputatio facti)“ (ebd.).269

 
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