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3.1.1.3 Verantwortung als zukunftsgerichtetes Prinzip komplexer Gesellschaftssysteme

Der jüngere, positiv konnotierte Verantwortungsbegriff tritt im Verlauf des 20. Jahrhunderts zunehmend auch in moralischer Hinsicht in den Vordergrund der Verantwortungsethik. Der Grund liegt darin, dass durch Technik, Industrie und Globalisierung im Rahmen von (Massen-)Konsumgesellschaften nicht nur die potentiellen Risiko-285 und Schadensquellen zunehmen, sondern sich auch ihre räumlichen und zeitlichen Dimensionen ausdehnen. So sind von den Folgerisiken menschlicher Handlungen nicht mehr nur Menschen aus dem näheren gesellschaftlichen Umfeld betroffen, sondern auch Angehörige anderer Nationen sowie zukünftiger Generationen. Durch die Folgen von Atomenergie und waffen, des unkontrollierten Abbaus der natürlichen Ressourcen oder des Klimawandels geht die Entgrenzung des Risikobereichs so weit, dass erstmals die Zukunft der Menschheit generell in Frage gestellt wird.286

Hans Jonas legt in seinem Werk „Prinzip der Verantwortung“ (Jonas 1984) angesichts der Irreversibilität drohender Folgeschäden dieser Entwicklungen eine prospektive Form der moralischen Verantwortung zugrunde, die „nicht die ex-post-facto Rechnung für das Getane, sondern die Determinierung des ZuTuenden betrifft“ (ebd., S. 174). Das Grundmodell dieses Verantwortungstyps ist die Fürsorge der Eltern für ihre Kinder. Sie bezieht sich nicht retrospektiv auf die Handlung einer Person und ihre Folgen, sondern auf die Bewahrung einer „Sache, die auf mein Handeln Anspruch erhebt“ (ebd.; Hervorh. im Original). Jonas geht es somit weniger um die Verantwortung für eine Handlung gegenüber einer Verantwortungsinstanz, als vorrangig um den Zustand (das Wohlergehen) einer Sache bzw. einer Person an sich. Die dafür notwendige Handlung ist folglich gegenüber der zu bewahrenden Sache oder Person zweitrangig.287 Diese Perspektive impliziert eine Abhängigkeit des Wohlergehens anderer von dem Handeln einer Person. „[K]ausale Macht“ (ebd., S. 172) ist daher das entscheidende Kriterium der Fürsorgeverantwortung: „Die Sache wird meine, weil die Macht meine ist und einen ursächlichen Bezug zu eben dieser Sache hat.“ (Ebd., S. 175)

Auf die Problematik, dass es sich bei Atomwaffen und beim Kollaps des Ökosystems um potentielle Risiken, aber nicht um eindeutig vorhersehbare Folgen handelt, reagiert Jonas, indem er neben dem Fürsorgeauch das Vorsorgeprinzip einführt. So reiche das Wissen um potentielle Risiken aus, um an die Verantwortung zu appellieren – insbesondere, wenn es sich um Risiken handelt, die die Zukunft der Menschheit gefährden.288 Ob es sich tatsächlich um eine neue Kategorie der Verantwortung handelt, kann durchaus bezweifelt werden,289 doch verdeutlicht die Aufmerksamkeit um das Werk von Jonas die Ausrichtung einer modernen Verantwortungstheorie.

Somit hat die Darstellung der historischen Entwicklung des Verantwortungskonzepts nun den Ausgangspunkt der Einleitung der vorliegenden Arbeit erreicht. Mit der Technisierung und Globalisierung steigen nicht nur die potentiellen Risiken für Natur und Menschheit, sondern auch die Zurechnung von Verantwortung wird problematischer. Je größer die Anzahl der beteiligten Menschen, je weiter die Verlagerung der Schadensfolgen in die räumliche und zeitliche Ferne, desto schwieriger wird es, eindeutige Zurechnungen von Ursachen und Folgen, von Handlungen und Wirkungen festzustellen.

Angesichts dieser verschiedenen Zurechnungsprobleme ließe sich befürchten, dass auch die Verantwortungsethik im aktuellen globalen Handlungsgefüge an ihre Grenzen stößt. Heidbrink bezeichnet jedoch gerade die Umstände moderner Marktgesellschaften als Ursache für die beeindruckende „Konjunktur des Verantwortungsprinzips“ (Heidbrink 2003, S. 18):

„So dient die Verwendung des Begriffs vor allem dem Zweck, in zunehmend uneindeutigen Zusammenhängen Handelnde für ihr schädliches Tun zur Rechenschaft zu ziehen oder sie zu vorsorgendem und präventivem Verhalten zu bewegen. Es ist kein Zufall, daß der Verantwortungsbegriff überall dort auftaucht, wo normative Verbindlichkeiten in Frage gestellt werden, wo keine einfachen Schuldzusammenhänge oder eindeutigen Handlungsverpflichtungen bestehen, sondern komplizierte Verflechtungen von Ursachenketten vorliegen oder das freiwillige Engagement und die einsichtige Sorge um etwas gefordert sind.“ (Ebd.)

Vor diesem Hintergrund werden kollektive (Mit-)Verantwortungsmodelle, die der Logik gesellschaftlicher Systemprozesse folgen, zum wesentlichen Inhalt einer aktuellen Verantwortungsethik. Bevor diese Verantwortungsmodelle in den Kapiteln 3.3 und 4.3 ausführlich diskutiert werden, sollen zunächst noch einige Charakteristika des Verantwortungskonzepts hervorgehoben und erläutert werden.

 
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