< Zurück   INHALT   Weiter >

3.1.2.2 Dimensionen der Verantwortungsrelation

In der klassischen Auffassung ist Verantwortung ein Relationsbegriff mit mindestens drei Dimensionen: „Jemand (Verantwortungssubjekt) ist für etwas oder jemanden (Verantwortungsbereich) einer anderen Person oder Instanz gegenüber (Verantwortungsinstanz) verantwortlich.“ (Zimmerli 1993, S. 102; Hervorh. im Original)302

Zunächst wird also danach gefragt, wer Verantwortung übernehmen soll. Als Verantwortungssubjekt kommt jedes moralische Subjekt in Frage, das frei (selbstbestimmt) über seine Handlung entscheiden kann und somit jeder zurechnungsfähige Mensch.303 Auch wenn in der traditionellen Verantwortungsethik ausschließlich individuelle Personen als Verantwortungssubjekte angesprochen werden, ist es trotz kritischer Einwände304 gängige Praxis geworden, auch Kollektivakteuren wie Institutionen und Organisationen Verantwortung zuzuschreiben.305

Das Verantwortungsobjekt (der Verantwortungsbereich) bezieht sich auf die Frage, was verantwortet wird: Verantwortlich ist jemand für seine Handlung und die daraus resultierenden intendierten und nicht intendierten Folgen und Nebenfolgen. Gegenstand ist somit jede Handlung „als zweckbestimmte Transformation einer Anfangssituation in eine Endsituation“ (Ropohl 1993, S. 156), die Folgen für andere haben kann.306 Der Verantwortungsbereich umfasst darüber hinaus auch Unterlassungen, so zum Beispiel, wenn ein Unfallopfer aufgrund einer unterlassenen Hilfeleistung stirbt.307 Handlung und Folgen können auch als zwei Dimensionen betrachtet werden. Ropohl unterscheidet hier zwischen dem „WAS“ (ebd.; Hervorh. im Original), d. h. der Handlung, und dem „WOFÜR“ (ebd.; Hervorh. im Original), d. h. ihren Folgen.308 Lenk bringt im Rahmen des Verantwortungsobjekts zusätzlich noch die Dimension des Adressaten (wem gegenüber) ins Spiel, „um nicht in eine inhumane Sprache abzusinken, denn der Gegenstand der Verantwortung ist oft eine Person oder ein Lebewesen“ (Lenk 1994, S. 244).

Darüber hinaus ist Verantwortung ein dialogisches Prinzip:309 Jemand verantwortet sich vor einer Instanz. Dabei kann es sich um formelle Institutionen (z. B. Gerichte) oder auch informelle Institutionen wie die öffentliche Meinung oder das eigene Gewissen handeln. Je nach Instanz wird beispielsweise von moralischer – etwa im Falle der Verantwortung vor dem eigenen Gewissen – oder juristischer Verantwortung vor einem Gericht gesprochen.310 Nach Christian Müller besteht eine hierarchische Asymmetrie in dieser Beziehung, da die Instanz die Frage stellt, während das Verantwortungssubjekt sich zu verantworten hat und die Instanz nicht in Frage stellt.311 Janina Sombetzki bringt hier allerdings berechtigte Zweifel an, da grundsätzlich auch der Instanz widersprochen werden könne. Für sie ist deshalb „Anerkennung“ der adäquate Begriff: „Eine Instanz erhält ihre Autorität durch Anerkennung, die ihr je nach Kontext leichter oder schwerer wieder aberkannt werden kann.“ (Sombetzki 2014, S. 111) Adressat und Instanz können zusammenfallen, können jedoch auch verschieden sein. Bei der rechtlichen Verantwortung gilt beispielsweise fast immer letzteres, denn während sich ein Täter vor einem Gericht (der Instanz) zu verantworten hat, ist er gegenüber seinem Opfer (dem Adressaten) verantwortlich.312

Diesen Relationen muss darüber hinaus die vierte Dimension des normativen Bezugsrahmens hinzugefügt werden.313 Es geht dabei um die Frage, „WESWEGEN“ (Ropohl 1993, S. 157; Hervorh. im Original) eine Person Verantwortung übernehmen soll. Im Allgemeinen werden Ansprüche dieser Art auf der Grundlage von Werten als „normative[n] Orientierungskonzepte[n]“ begründet (ebd.). Diese bilden insgesamt den Normhintergrund bzw. die notwendigen „Beurteilungskriterien“ (Höffe 1993, S. 23) und können formeller (im Sinne von Verhaltenskontrolle) oder informeller (im Sinne von Lob und Tadel) Natur sein.314

So lassen sich letztlich über die klassische Auffassung hinausgehend folgende Verantwortungsrelationen definieren:315 Jemand ist für etwas vor einer Instanz gegenüber einem Adressaten in Bezug auf bestimmte Normen verantwortlich.316

 
< Zurück   INHALT   Weiter >