< Zurück   INHALT   Weiter >

3.1.2.3 Ebenen der Verantwortung

Ausgehend von diesen Dimensionen können verschiedene Ebenen des Verantwortungskonzepts differenziert werden. Es soll noch einmal darauf hingewiesen werden, dass weder diese Kategorien noch die enthaltenen Elemente abschließend sind. Sie sollen lediglich einen Überblick über mögliche Facetten des Verantwortungskonzepts darstellen und bilden die in der rekurrierten Literatur am häufigsten genannten Kategorisierungen ab.

Verantwortung wird, wie im vorigen Abschnitt gesehen, zugeschrieben, indem Relationen zwischen verschiedenen Dimensionen hergestellt werden. Lenk definiert vier Ebenen, auf denen diese Zuschreibung stattfinden kann:317

1. Die Handlungs(ergebnis)verantwortung umfasst Formen der Kausalverantwortung für vergangene und zukünftige Folgen einer Handlung (positiv) oder einer Unterlassung (negativ). Als aktive Präventionsverantwortung kann sie auch für längerfristige Handlungskomplexe und ihre Folgen gelten, beispielsweise für die Erziehung von Kindern, oder für eine Verhinderungsverantwortung im Sinne von Prüfungs- und Kontrollaufgaben zur Vermeidung von Schäden.

2. Unter Rollen- und Aufgabenverantwortung wird die „ordnungsgemäße Erfüllung einer Aufgabe oder Pflicht“ (Lenk 1994, S. 250) als berufsspezifische Zuständigkeit von Akteuren in organisationalen und institutionellen Handlungsfeldern verstanden. Diese kann formell in einem Vertrag geregelt sein oder informell in einer Erwartungshaltung begründet liegen. Die in Kapitel 3.1.1.2 erwähnte Gefährdungshaftung gehört zu dieser Ebene der Verantwortung, ebenso die Pflicht zur Loyalität als Gegenstand einer Rollenbeziehung (beispielsweise Parteimitglieder untereinander).

3. Die rechtliche Verantwortung auf der dritten Ebene schließlich beruht nicht auf subjektiver (Selbst-)Verpflichtung, sondern objektiven Schuldkriterien. Sie setzt eine (rechtliche) Verantwortungsfähigkeit voraus und kann strafoder zivilrechtlicher Natur sein. Die Stellvertreterverantwortung, z. B. in Form der Gefährdungshaftung, tritt besonders im zivilrechtlichen Kontext auf.

4. Auf einer weiteren Ebene kann die (universal-)moralische Verantwortung verortet werden. Es handelt sich dabei um prinzipielle Formen der Verantwortung von Akteuren „für das Wohl und Wehe anderer“ (ebd., S. 256), die von der eigenen Handlung betroffen sind. Zur moralischen Verantwortung zählt Lenk auch indirekte Formen der Verantwortung für voraussehbare „Folgen, Nebenfolgen und Fernfolgen“ (ebd., S. 258) des Handelns, z. B. im Rahmen des Konsumstils. Im Gegensatz zur rechtlichen Verantwortung, die von der Gesellschaft auferlegt wird und daher auf Fremdbestimmung beruht, stützt sich moralische Verantwortung auf die Autonomie einer Person.318

5. Politische Verantwortung, deren Konzept Kaufmann zufolge auf Benjamin Constant zurückgeht,319 wird in Lenks Katalog nicht explizit erwähnt, ist jedoch für den modernen Verantwortungsbegriff wichtig (siehe Kapitel 3.1.1.2) und wird hier deshalb ergänzt. Gegenüber der ihr ähnlichen Aufgaben- und Rollenverantwortung ist die politische Verantwortung von größerer Unbestimmtheit geprägt und geht aus der Macht, die Personen in politischen Ämtern übertragen bekommen, hervor. Da diese „im Auftrag“ handeln, spielen Vertrauen und Kontrolle eine große Rolle, sodass der Auftrag bei Nichterfolg auch wieder entzogen werden kann.320 Gerade in komplexen gesellschaftlichen Zusammenhängen und angesichts der negativen Folgen der Lebensweise westlicher Kulturen ist eine „öffentliche(...) Rechenschaft“ (Bayertz 1995, S. 44) nicht nur von einer „‚verantwortlichen Regierung'“(ebd.; Hervorh. im Original), sondern ebenso von jedem Bürger gefordert.321

6. Bayertz hat schließlich noch eine zusätzliche Ebene eingeführt. Er schreibt dem Moralphilosophen die Verantwortung zu, eine den aktuellen Anforderungen der technologischen und ökologischen Risiken angemessene Ethik zu entwickeln.322 Es handelt sich damit quasi um eine „Metaverantwortung“ (Bayertz 1995, S. 62; Hervorh. im Original), eine „Fürsorge-Verantwortung zweiter Stufe“ (ebd.). Lenk und Maring nehmen diese Ebene der Verantwortung in späteren Arbeiten in den Katalog auf.323

Diese Unterarten der Verantwortung stellen hilfreiche inhaltlich-analytische Kategorien dar, überschneiden sich in der Praxis jedoch häufig. Verursacht etwa der Einzelbeitrag eines Arbeitnehmers zu einem (unter Umständen unmoralischen) Unternehmensziel schwerwiegende Folgen, trägt der Arbeitnehmer gleichzeitig eine Aufgabenverantwortung und eine moralische Verantwortung,324 zwischen denen in diesem Fall zusätzlich ein Konflikt entstehen kann.325 Auch kann zum Beispiel unter der moralischen Verantwortung die rechtliche Verantwortung subsumiert werden, denn „Rechtseinhaltung ist auch moralisches Gebot“ (Lenk 1994, S. 258). Ähnliches gilt für die politische Verantwortung, die aus moralischen Zuständigkeiten entstehen und somit einen Anwendungsbereich der moralischen Verantwortung darstellen kann.326

 
< Zurück   INHALT   Weiter >