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3.1.3 Zusammenfassung

In den letzten Abschnitten wurde auf verschiedene Charakteristika des Verantwortungskonzepts näher eingegangen. Dabei wurden besonders die Zweidimensionalität des Konzepts im Hinblick auf seine retrospektive oder prospektive Ausrichtung hervorgehoben sowie die unterschiedlichen Konnotationen der Handlungs(ergebnis)verantwortung, Rollen- und Aufgabenverantwortung, rechtlichen Verantwortung, (universal-)moralischen Verantwortung, poltischen Verantwortung und der Metaverantwortung des Moralphilosophen. Dabei gilt: Diese Dimensionen und Konnotationen sind zwar für die begriffliche Klarheit aufschlussreich, überschneiden sich in realen Handlungskontexten jedoch regelmäßig. Zusätzlich wurde das Verhältnis von Pflicht und Verantwortung im Sinne einer Pflicht zu verantwortlichem Handeln in offenen Verantwortungsräumen erörtert und es wurden unterschiedliche Verpflichtungsgrade (apodiktisch, assertorisch und problematisch) differenziert.

Insgesamt lässt sich aus den ersten Abschnitten dieses Kapitels schlussfolgern: Das Verantwortungskonzept kann als unabhängig von bestimmten philosophischen Linien verstanden werden339 und kann einen Brückenschlag zwischen einer deontologischen Pflichtenethik und einer teleologischen Folgenethik leisten. Dies erreicht es, indem Akteure nicht nur mit Bezug auf moralische Normen und Pflichten handeln, sondern diese vor dem Hintergrund akuter Handlungsgegebenheiten und unsicherer Handlungsfolgen reflektieren. Akteure sind somit aufgefordert, auch die Folgen ihres Handelns, selbst wenn dieses in Anbetracht bestehender Normen geboten zu sein scheint, in ihre moralischen Erwägungen einzubeziehen und so den kontingenten Handlungsumständen insbesondere komplexer Situationen gerecht zu werden. Als „folgenbasiertes Legitimationskonzept“ (Wieland 1999, S. 57) ist Verantwortung dann hilfreich, wenn bestehende Gesetze und Regelungen zu kurz greifen, da sie die Folgen komplexer Handlungsketten nicht mehr erfassen können. So liegt das „Moralische“ der Verantwortung dort, wo Pflichtenkataloge versagen und aus intrinsischer Motivation heraus gehandelt wird, um gesellschaftliche Schäden zu verhindern: „Wo Verantwortung übernommen wird, handelt man nicht nur aus Gründen der Schuldigkeit, sondern ebenso aus Motiven der Fürsorglichkeit, nicht nur aus Zwang, sondern genauso aus freiem Willem [sic]“ (Heidbrink 2008b, S. 17). Gleichzeitig erkennt das Verantwortungskonzept die Handlungsumstände und Grenzen von Handlungsmöglichkeiten an, die sich in bestimmten Situationen ergeben. Dies wird erreicht, indem eine Verbindung zwischen Akteur und Norm hergestellt wird, durch die die Akteure zwar gefordert, jedoch nicht überfordert werden.

Das Konzept der Verantwortung ist so gesehen „inklusiv(...)“ (Heidbrink 2007, S. 154; im Original kursiv), da es „die vielfältigen Bedingungen seiner erfolgreichen Befolgung mit einschließt“ (ebd.). Es ist auf besondere Weise für den im letzten Kapitel aufgestellten Problemaufriss einer nachhaltigen Entwicklung geeignet und spielt entsprechend eine zentrale Rolle für wirtschaftsethische Betrachtungen im Zuge des nachhaltigen Umbaus der Marktwirtschaft. Das Verantwortungskonzept ist für diese Fragen zwar prädestiniert, ist jedoch gleichzeitig höchst voraussetzungsvoll, da es angesichts seiner notwendigen Offenheit für die situationsspezifische und individuelle moralische Interpretation ein Höchstmaß an moralischer Urteilskraft verlangt.

Das Verantwortungskonzept ist auch ein moralisches Prozesskonzept, das sich in ständiger Anpassung an veränderte Handlungskontexte befindet. Es fordert bestehende moralische Normvorstellungen kontinuierlich heraus und stellt damit die Akteure vor immer neue moralische Aufgaben. Neue Ansprüche werden formuliert, öffentlich diskutiert und hinsichtlich ihrer Anwendung und vor allem Zumutbarkeit debattiert, können schließlich zum moralischen und mitunter auch rechtlichen Standard werden (wie etwa das Verbot des Diebstahls), können aufgrund ihrer Offenheit jedoch auch moralische „Daueraufgaben“ bleiben (so etwa die immer wieder situativ neu auszulegende Frage, ab wann Eltern die Sorgepflicht für ihre Kinder vernachlässigen). Es wird ersichtlich, dass das in Kapitel 2.2.3 eingeführte Diskursprinzip und das Verantwortungskonzept systematisch miteinander verschränkt sind und sich wechselseitig befruchten.340 Das diskursive bzw. dialogische Moment der Verantwortung zeigt sich besonders im Rahmen der Zuschreibung und Übernahme von Verantwortung.

 
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