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3.2.2.2 Zur Übernahme von Verantwortung

Im vorigen Abschnitt wurde der soziale Prozess dargestellt, in dem Verantwortung ausgehandelt wird. Sie wird allerdings erst verhaltenswirksam, wenn sie von einem Handelnden auch aktiv übernommen wird. Dies kann nach einer Zuschreibung durch einen Attributionssender geschehen, kann jedoch auch durch den Handelnden selbst in Form einer „Selbstzuschreibung“ stattfinden.400

Gottfried Seebass nennt das System, das garantiert, dass sich Individuen an gesellschaftlichen Normen orientieren, „System der normativen Verhaltenskontrolle“ (Seebass 2001, S. 79; Hervorh. im Original). Seine drei Säulen sind a) die Erziehung (formell oder informell), b) „Sanktionen“ (ebd.; Hervorh. im Original) (formell oder informell), die in positiver Hinsicht normgerechtes Handeln fördern oder in negativer Hinsicht normverletzendes Verhalten verhindern, sowie c) bestimmte „Vorkehrungen“ (ebd.; Hervorh. im Original) bzw. „Spielraumbeschränkung[en]“ (ebd., S. 98), die allerdings auch die Handlungsfreiheiten des Individuums begrenzen.401

Sanktionen und Spielraumeinschränkungen sind vor allem im rechtlichen Normbereich zu verorten. Da bei der Verletzung von Gesetzen entsprechende rechtliche Sanktionen drohen, besteht eine starke extrinsische Motivation, sich regelkonform zu verhalten.

Bemerkenswert ist die Befolgung von Normen und die Übernahme von Verantwortung demgegenüber vor allem dort, wo es sich nicht um eine rechtliche Pflicht handelt, sondern um moralische Verantwortung, die „freiwillig“ übernommen wird, da die Verletzung moralischer Gebote nicht derart formell sanktionierbar ist. Durchaus gibt es informelle Sanktionsmöglichkeiten wie etwa Schuldgefühle oder soziale Ausgrenzung. Auch kann die Übernahme von freiwilliger Verantwortung durch positive Sanktionen unterstützt werden, die Anreize zu verantwortlichem Verhalten bieten. Interessant ist jedoch vor allem, wann Akteure eine intrinsische Motivation zu verantwortlichem Handeln entwickeln.

Ulrich beruft sich zur Klärung dieser Frage auf die klassische Trennung von Moral, Ethos und Tugenden: Ist Moral die Gesamtheit der sozial geltenden Normen und Regeln, steht Ethos für „das subjektive Selbstverständnis und die (charakterprägende) Gesinnung oder Grundhaltung von Personen“ (Ulrich 2008, S. 33; Hervorh. im Original).402 Tugenden sind dann „Haltungen, die das moralisch gute Handeln zur persönlichkeitsprägenden Neigung verinnerlichen“ (ebd.). Die antike Philosophie hat sich im Rahmen der Tugendethik vor allem der Frage des guten, gelingenden Lebens gewidmet, die wiederum bedingt, „welche Güter im weitesten Sinn des Begriffs jemand für erstrebenswert hält“ (ebd.) – kurz, wie das persönliche Glück erreicht werden kann. Da sich persönliches Glück und Moral im Wege stehen können, ist es das Ethos, das hier ein Gleichgewicht schafft und beides miteinander in Einklang bringt, um so das persönliche Glück aus individueller Entfaltung in Harmonie mit dem Bedürfnis nach der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft voll entwickeln zu können.403 Moral und Ethos sind somit eng miteinander verschränkt und die verinnerlichten moralischen Normen bilden den Hintergrund des persönlichen Ethos (oder auch einer Familie, eines Berufsstands etc.):

„Das Ethos bestimmt (...) die Selbstansprüche einer Person oder einer Lebensgemeinschaft an ihre umfassende kulturelle Identität, also die subjektiven Leitlinien des authentischen Wollens und damit den Kern dessen, was den ,guten Willen' einer Person bildet. Motivbildend ist dabei im (Kindheits-)Ursprung vor allem der Wunsch oder die sozialpsychologische Notwendigkeit, unser Selbstverständnis als guter Mensch (,ich bin o.k.') aus der Zugehörigkeit zur Moral Community zu schöpfen, in die wir hineingeboren sind. (...) Mit anderen Worten: Persönlicher Lebenssinn ist nicht ohne ein bestimmtes Mass an Gemeinsinn zu finden.“ (Ebd., S. 35; Hervorh. im Original)404

Moralische Fragen haben insofern Vorrang vor Fragen des Ethos, als dass das eigene gute Leben nur im Rahmen der sittlichen Gemeinschaft möglich ist. Im Ethos erwächst letztlich die Motivation zu einem Handeln im Einklang mit den normativen Verbindlichkeiten der Gesellschaft, die in den vorherrschenden Moralvorstellungen der Gemeinschaft ihre Begründung haben.405

Der Ansatz zur Übernahme von Verantwortung ist somit in der Tugend bzw. im Ethos einer Person zu finden. Für eine genauere Darstellung des jeweiligen Prozesses, der von der Verinnerlichung einer Norm bis hin zur Übernahme von Verantwortung abläuft, lohnt sich ein Blick auf die sozialpsychologische Verantwortungsforschung. Ausgangspunkt ist das innere Motiv eines Akteurs:

„Erleben Menschen subjektiv Verantwortung, in dem [sic] sie Verantwortung akzeptieren und dementsprechend handeln, so liegt der Bewertungsmaßstab für Handeln oder Unterlassen und für die Qualität der Handlungen in ihnen selbst. Er ist das Ergebnis des Abgleichs verinnerlichter Normen mit den Anforderungen, die von außen wahrgenommen werden.“ (Auhagen 1999, S. 40)

Damit ein solches inneres Motiv entsteht und es auch in entsprechenden Situationen umgesetzt wird, bedarf es verschiedener Kompetenzen auf der Seite des Individuums, doch müssen auch die situativen Gegebenheiten eine Verantwortungsübernahme zulassen. Die verschiedenen Faktoren oszillieren zwischen den Dimensionen des Könnens und des Wollens. Der zentrale Schritt liegt laut HansWerner Bierhoff darin, dass in einer bestimmten Situation moralische Verpflichtungsgefühle durch die Wirksamkeit einer im kulturell bedingten Sozialisationsprozess verinnerlichten Norm ausgelöst werden, die sich dann auch in einem entsprechenden Verhalten äußern.406

Für die Übernahme von Verantwortung ist folglich ein innerer Entscheidungsprozess notwendig, in dem Persönlichkeitsmerkmale und kognitive, moralische und kommunikative Kompetenzen des Verantwortungssubjekts sowie situative Umstände eine Rolle spielen.407

Verantwortungssituation

Die zentrale Analyseeinheit für diesen internen Entscheidungsprozess ist nach Ann Elisabeth Auhagen die „‚Verantwortungssituation'“ (Auhagen 1999, S. 72; Hervorh. im Original).

„Eine Verantwortungssituation liegt dann vor, wenn sich ein Mensch verantwortlich glaubt innerhalb einer zeitlichen und im weiteren Sinne räumlichen Einheit in bezug auf ein Ereignis oder einen Sachverhalt, das/der durch einen bestimmten Inhalt oder Sinn charakterisiert ist.“ (Ebd.; im Original kursiv)

Sie stellt die Schnittstelle zwischen äußerem Anspruch und innerer Reaktion dar. Es ist entscheidend, dass ein bestimmtes inhaltliches Ereignis stattfindet, welches die Verantwortungsgefühle auslöst, und dass das Verantwortungssubjekt die Situation als eine Einheit wahrnimmt.408 Es muss sich dabei im Übrigen nicht notwendigerweise um punktuelle Situationen handeln, sondern die Verantwortungssituation kann in ein umfassenderes, längerfristiges Geschehen eingebettet sein. Auhagen erklärt dies anhand der Verantwortung, die eine Tochter gegenüber ihrer pflegebedürftigen Mutter empfindet. Der Besuch bei ihr ist die konkrete Situation, die Verantwortung wird sie jedoch generell empfinden. Dafür verwendet Auhagen den Begriff der „‚Verantwortungsepisode'“ (ebd., S. 74; Hervorh. im Original).

Beeinflussende Faktoren

In der Studie von Auhagen wird ersichtlich, dass es vor allem zwei Bedingungen sind, die die Verantwortungsübernahme fördern:409

Ÿ „Persönlichkeitsmerkmale“ (ebd., S. 195) in Form einer verinnerlichten

„Norm der Verantwortung“ (ebd.) (Einstellungen)

Ÿ Die „subjektive Kompetenz oder Selbstwirksamkeitserwartung in einer Situation“ (ebd.) (Handlungsmöglichkeiten)

Bei den Persönlichkeitsmerkmalen in Form einer verinnerlichten Verantwortungsnorm handelt es sich um stabile Eigenschaften einer Person, die eine Verantwortungsübernahme begünstigen. Neuner unterscheidet drei Ebenen bzw. Stufen, bis diese Norm verinnerlicht ist:410

1. Normative Modellebene: In sozialen Lernprozessen entwickeln Personen ihre „[m]oralische Urteilskompetenz“ (Neuner 2001, S. 225) als „Werkzeug“ für verantwortliches Handeln.411 Hier kommen unterschiedliche kulturell und sozial bedingte Grundorientierungen zum Tragen. So beeinflusst beispielsweise das jeweilige Gerechtigkeitsprinzip eines Individuums die Normvorgaben, nach denen es sich richtet. Mit Bierhoff spricht etwa die Orientierung am Leistungsprinzip gegen eine Verantwortungsübernahme, während die Orientierung am Bedürfnisprinzip für eine Verantwortungsübernahme spricht.412

2. Einstellungsebene: Im weiteren Verlauf muss sich diese grundlegende moralische Kompetenz auf einer zweiten Ebene in stabilen und zentralen Einstellungen manifestieren. Als stabile und zentrale Einstellungen gelten solche Einstellungen, die sich fest im Wertesystem des Individuums verankern und sich nicht situationsabhängig verändern.413

3. Motivationsebene: Auf der dritten Ebene werden Normen internalisiert und in eine moralische Handlungsintentionalität im Sinne einer Selbstverpflichtung übersetzt. Wichtig ist Neuner zufolge dafür die Autonomieorientierung einer Person.

Die subjektive Kompetenz- und Selbstwirksamkeitserwartung beschreibt die individuelle Wahrnehmung von Personen, in bestimmten Situationen mit ihren Fähigkeiten ein gewisses Ziel erreichen zu können. Auhagen konnte in ihrer Studie nachweisen, dass Menschen, die sich kompetenter fühlen, eher bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.414 Im Bereich der Kompetenzen können spezielle Kompetenzen, die für eine bestimmte Situation erforderlich sind, und allgemeine Kompetenzen unterschieden werden.415

Die subjektive Kompetenzerwartung wird in hohem Maße von den situativen Faktoren und Gegebenheiten beeinflusst, die das Handlungsfeld begrenzen und den Raum vorgeben, in dem Personen überhaupt die Möglichkeit haben, sich verantwortlich zu verhalten. Dementsprechend beschreibt Neuner die vierte Ebene der Verantwortungsübernahme:

4. Verhaltensebene: Auf der letzten Ebene ist die für die Handlung relevante Infrastruktur zu verorten, die die Umsetzung der verantwortlichen Motivation in Handeln ermöglicht. Erfahrungen auf dieser Verhaltensebene wirken zurück auf die vorigen Ebenen.

Insgesamt können also vier Stufen identifiziert werden, nach denen sich die Motivation und Intentionalität zur Verantwortungsübernahme entwickeln: Die normative Modellebene, die Einstellungsebene, die Motivationsebene und die Verhaltensebene. Alle diese Ebenen werden von sozialen und kulturgeschichtlichen Umständen geprägt und sind nur vor diesem Hintergrund erklärbar und verstehbar. Dies bedeutet nicht nur, dass in globalen Zusammenhängen unterschiedliche Vorstellungen vom moralisch Richtigen vorzufinden sind, sondern dass auch die Dispositionen für die Verantwortungsübernahme der Akteure, die

Verantwortungskompetenzen“ (Heidbrink 2007, S. 118; Hervorh. im Original), je nach politischen, moralischen und sozialen Traditionen unterschiedlich ausgeprägt sind.416 Insgesamt verweist Heidbrink deshalb auf die Notwendigkeit einer

Verantwortungskultur“ (ebd., S. 121; Hervorh. im Original). Eine Verantwortungskultur stärkt die Dispositionen für die Verantwortungsübernahme, indem sie entsprechende „Sinnorientierungen und Wertmuster zur Verfügung [stellt]“ (ebd., S. 120). Sie ist folglich für die Verantwortungsbereitschaft der Individuen zentral, da sie die Grundlage oder, bildlich ausgedrückt, den „Nährboden“ für das individuelle Ethos bereitet.

 
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