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3.2.3 Zusammenfassung

Mit dem grundlegenden Kriterium der moralischen Handlungsfähigkeit und den situationsspezifischen Kriterien der Kausalität, Freiheit, Wissentlichkeit und Willentlichkeit wurden die Bedingungen für eine Zuschreibung von Verantwortung erläutert. Diese Kriterien müssen erfüllt sein, damit eine gerechtfertigte Grundlage für die Verantwortungsattribution besteht. Verantwortung muss allerdings nicht nur zugeschrieben, sondern auch übernommen werden. Akteure können hierzu unterschiedlich motiviert sein: einerseits extrinsisch mittels positiver Anreize oder negativer Sanktionen, andererseits intrinsisch durch die Verinnerlichung von Normen und die Entwicklungen eines moralischen Ethos, das von den moralischen Vorstellungen des sozialen Umfelds beeinflusst ist. Verstärkt wird die Übernahme von Verantwortung durch den Glauben an die eigene Handlungswirksamkeit.

Es ist jedoch auch oft zu beobachten, dass eine Verantwortungszuschreibung von den Attributionsadressaten nicht akzeptiert wird. Vor allem in kollektiven Handlungskontexten neigen Menschen verstärkt dazu, Verantwortung von sich zu weisen. In diesen Kontexten fällt nicht nur die Abwehr besonders leicht, da tatsächlich viele Argumente dagegen sprechen, einzelne Akteure zur Verantwortung zu ziehen, sondern die Übernahme fällt auch besonders schwer. Ein Grund hierfür ist die geringe Erwartung, mit dem eigenen Handeln etwas bewirken zu können. Ein anderer ist in der Dilemmastruktur kollektiven Handelns zu sehen: Wenn die Übernutzung eines Allgemeinguts die gesellschaftliche Regel ist, wollen einzelne Personen nicht auf diesen Vorteil verzichten, zumal eingewendet werden kann, dass es angesichts der Ausmaße des Problems und des geringen eigenen Handlungsbeitrags „auf unser persönliches Handeln und normengeleitetes Überlegen nicht ankommt“ (Seebass 2001, S. 82). Hinzu kommt das Trittbrettfahrerproblem, das im Zusammenhang mit dem Schutz von Allgemeingütern auftreten kann.417 Besteht die Gefahr, dass andere das verantwortliche Handeln Einzelner ausnutzen, sinkt die Bereitschaft zur Verantwortungsübernahme bei denjenigen, die grundsätzlich dazu bereit wären. Das Trittbrettfahrerproblem demoralisiert und demotiviert.418

Angesichts der plausiblen Gründe, die vor diesem Hintergrund gegen eine Verantwortung des einzelnen Akteurs zu sprechen scheinen, ist die Frage nach Legitimation und Sinn einer Zuschreibung von Verantwortung in kollektiven Handlungskontexten als gerechtfertigt zu bezeichnen, weshalb ich mich in den folgenden Kapiteln intensiv mit den verschiedenen Formen und Ebenen kollektiven Handelns und kollektiver Verantwortung auseinandersetze.

 
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