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3.3.1 Formen kollektiven Handelns

Kollektive Handlungen sind solche Handlungen, an denen grundsätzlich mehr als eine Person beteiligt sind:421 Dabei ist zu beobachten, dass „gewisse Folgen der unabhängigen Einzelhandlungen derart sich häufen und einander wechselseitig beeinflussen können, daß der Gesamteffekt von den Handlungszielen der einzelnen Akteure verschieden ist und ihnen gegebenenfalls sogar zuwiderläuft.“ (Ropohl 1996, S. 106)422

Von Eigenschaften und Handlungsbeiträgen der Einzelteile des Kollektivs lässt sich also nicht zwingend auf die Eigenschaft sowie das Handlungsergebnis der Gesamtheit schließen, da es zu kumulativen und synergetischen Handlungsfolgen kommen kann.423 Kollektives Handeln ist damit einerseits von individuellem Handeln zu unterscheiden, andererseits ist es dennoch immer auf das Handeln von Individuen rückführbar. Aus diesem Grund wird auch – unter noch zu bestimmenden Konditionen – von sekundärem Handeln von Kollektiven im Unterschied zum primären Handeln von Individuen gesprochen.424

Beim kollektiven Handeln werden unterschiedliche Formen oder Typen unterschieden. Lenk definiert zum Beispiel insgesamt sechs Stufen bzw. Formen der Kollektivität nach Graden der Organisiertheit:425

1. (Gruppen-)Nichthandeln bzw. unabhängiges Einzelhandeln: Auf der ersten Stufe verortet Lenk unabhängiges und „chaotisches Einzelhandeln“ (Lenk 1998, S. 398; Hervorh. im Original) von Individuen, obwohl dieses nicht aufeinander bezogen ist. Lenk bezeichnet das Einzelhandeln deshalb auch als „nullte Kategorie“ (ebd.; Hervorh. im Original) (quasi-)kollektiven Handelns. Für Fragen der kollektiven Verantwortung sei das Einzelhandeln deshalb relevant, da gerade das Nichthandeln von Gruppen eine Verantwortungslücke schaffen könne – beispielsweise bei unterlassener Hilfeleistung, wenn „man eigentlich Handlungen hätte erwarten können“ (ebd.).426

2. (Gruppen-)Parallelhandeln: Auf der ersten Stufe kollektiven Handelns lassen sich Lenk zufolge „parallele[s] Handeln“ (ebd.; Hervorh. im Original) in Gruppen oder individuelles Handeln, das sich in irgendeiner Form aneinander ausrichtet, einordnen. Hier ist eine Wechselwirkung, eine „Zirkularstimulation“ (ebd.), möglich, bei der die Handelnden sich gegenseitig anregen oder ein „soziale[r] Nachahmungsdruck“ (ebd.) entsteht. „Begeisterungsoder Mitreißeffekte“ (ebd., S. 422) könnten diese Form des kollektiven Handelns, das von Hermann Haken (1982) deshalb auch als „,modisches' Handeln“ (Lenk 1998, S. 422; Hervorh. im Original) bezeichnet werde,427 zusätzlich beeinflussen und zu „Massenhandeln“ (ebd., S. 398) führen.428

3. Sozial normiertes Gruppenhandeln: Nach Lenk unterliegt das Parallelhandeln der Individuen auf der dritten Stufe einer sozialen Normierung oder einer Institutionalisierung. Dies sei beispielsweise beim Marschieren (Militär) oder im Verkehrsbereich der Fall.

4. Kooperatives Handeln: Auf Lenks Skala folgt ein „wirklich kooperatives Handeln“ (ebd., S. 399; Hervorh. im Original), das ebenfalls auf einer Art Wechselwirkung („additiv oder nichtadditiv“, ebd.) beruhe, die jedoch aus einer Zusammenarbeit entstehe.

5. Korporatives Handeln: Auf der fünften Stufe wird schließlich das korporative Handeln genannt. Korporatives Handeln ist Lenk zufolge „abgrenzbar, durch soziale Regeln ausgezeichnet“ (ebd.) und bedeutet, dass die Korporation „selber handelt“ (ebd.). Korporatives Handeln sei als sekundäres Handeln auf „Primärhandlungen von Individuen bezogen“ (ebd.), ginge aber als höherstufiges Handeln darüber hinaus und sei deshalb nicht „reduzierbar“ (ebd.) auf das individuelle Handeln der Mitglieder. Es werde von repräsentativen Vertretern ausgeführt.

6. Institutionelles Handeln: Institutionelles Handeln nach Lenk unterscheidet sich letztlich nur durch die Größe der Gruppe bzw. der „Aktionseinheit“ (ebd.) vom korporativen Handeln. So handle beispielsweise ein Wirtschaftsunternehmen korporativ, ein Staat jedoch institutionell.

Unabhängig davon, um welche Art des Kollektivs es sich handelt, können nicht intendierte Folgen entstehen: Bei einem „Mob“ etwa können sich die Menschen gegenseitig verletzen, beim kollektiven Handeln kann sich die gemeinsame Protestaktion plötzlich zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung entwickeln und beim korporativen Handeln kann es dazu kommen, dass ein Fluss verschmutzt wird oder Kinder in den Zulieferbetrieben eines Unternehmens arbeiten.429

Gerade Überlegungen zum „Aggregathandeln“ (auf der Stufe des unabhängigen Einzelhandelns) resultieren unter anderem daraus, dass gemeinsame Folgen entstehen, obwohl die Akteure unabhängig voneinander handeln (bzw. nicht handeln, wie das Beispiel des Nichteinschreitens in Notsituationen zeigt). Nicht selten passiert es dabei, dass die Folgen synergetischen Charakters sind und insgesamt gewichtiger sind als die Summe der einzelnen Beiträge.430

 
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