Corporate Social Responsibility

Das Konzept der Corporate Social Responsibility (CSR) hat seinen Ursprung in den USA der fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts.458 Der Beginn seiner Etablierung in Wissenschaft und Praxis wird auf Howard R. Bowen zurückgeführt, der 1953 in seinem Werk „Social Responsibilities of the Businessman“ „konstatierte, dass die Unternehmer in der Verantwortung stehen, sich an den Erwartungen, Zielen und Werten einer Gesellschaft zu orientieren“ (Bassen/Jastram/Meyer 2005, S. 231).459

Seitdem haben sich die Definitionen und Begrifflichkeiten von und um CSR rasant vervielfältigt und bilden ein Dickicht an unterschiedlichen Auslegungen, Schwerpunkten und Ansätzen. CSR wird daher auch als „umbrella term“ (z. B. Matten/Moon 2008, S. 405)460 für die diversen Formen und Ausprägungen von gesellschaftlichen Verpflichtungen und Verantwortlichkeiten bezeichnet, die einem Unternehmen zugeschrieben werden. Gemeinsam ist den verschiedenen Definitionen, dass sie Unternehmen als Teil der Gesellschaft interpretieren, deren Verantwortlichkeiten über die reine Profitmaximierung hinausgehen461 und sich auf die gesellschaftlichen – das bedeutet auch sozialen und ökologischen – Auswirkungen ihres Handelns beziehen. Der Begriff „social“ sollte dementsprechend als „gesellschaftlich“ und nicht als „sozial“ übersetzt werden, um eine unnötige Einschränkung des Begriffes auf eine rein soziale Komponente zu vermeiden.462

CSR ist vor allem im Rahmen der sozial-ökologischen Agenda einer nachhaltigen Entwicklung nicht nur auf der Ebene der Vereinten Nationen, sondern auch auf EU-Ebene zu einem bedeutenden Thema geworden. Das Konzept hat seinen Ursprung zwar in den USA und ist erst verhältnismäßig spät nach Europa gekommen,463 ist aber dort auf den sehr fruchtbaren Boden der Nachhaltigkeits- und Stakeholderdebatte gefallen.464 Die Auffassung etwa, nach der auch die Umwelt zu den Stakeholdern – im Sinne eines „silent stakeholder“ (Bowie/Werhane 2005, S. 28) – zählt, hat sich vor allem in Europa durchgesetzt und zeigt die enge Verknüpfung von CSR, Stakeholdertheorie und Nachhaltigkeitsdebatte.465

Diese Verbindung ist auch im Grünbuch der Europäischen Kommission „Europäische Rahmenbedingungen für die soziale Verantwortung von Unternehmen“ aus dem Jahr 2001 festgehalten. Darin wird CSR definiert als ein

„Konzept, das den Unternehmen als Grundlage dient, auf freiwilliger Basis soziale Belange und Umweltbelange in ihre Unternehmenstätigkeit und in die Wechselbeziehungen mit den Stakeholdern zu integrieren“ (Europäische Kommission 2001, S. 7). Die Definition wurde 2011 im Rahmen einer neuen CSR-Strategie der EU erweitert bzw. ersetzt, in der die Freiwilligkeit nicht mehr im Fokus steht. Demnach bezeichnet CSR „‚die Verantwortung von Unternehmen für ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft'“ (Europäische Kommission 2011, S. 7; Hervorh. im Original). Neben der Einhaltung der „geltenden Rechtsvorschriften“ (ebd.) sollen Unternehmen „soziale, ökologische, ethische, Menschenrechts- und Verbraucherbelange in enger Zusammenarbeit mit den Stakeholdern in die Betriebsführung und in ihre Kernstrategie [integrieren]“ (ebd.).

Die verschiedenen regionalen und internationalen Strömungen – vor allem in den USA und der EU – sowie die inhaltliche Weiterentwicklung des CSRVerständnisses hin zu einer umfassenden Verantwortung für eine nachhaltige Entwicklung466 münden schließlich in die Norm der International Organization for Standardization (ISO) „ISO 26.000 – Guidance Document on Social Responsibility“.467 Die ISO 26000 wurde in einem „einzigartigen, weltweiten Normungsprozess“ (Kleinfeld/Kettler 2011, S. 17) über mehrere Jahre hinweg unter der Beteiligung einer Vielzahl von Experten aus Industrienationen, Entwicklungs- und Schwellenländern sowie relevanter Stakeholdergruppen entwickelt und Ende 2010 veröffentlicht.468

In der ISO 26000 wird CSR definiert als

„responsibility of an organization for the impacts of its decisions and activities on society and the environment, through transparent and ethical behaviour that

Ÿ contributes to sustainable development, including health and the welfare of society;

Ÿ takes into account the expectations of stakeholders;

Ÿ is in compliance with applicable law and consistent with international norms of behaviour; and

Ÿ is integrated throughout the organization.“ (ISO 2010, S. 3; im Original teilweise fett)

Im Zusammenhang mit dieser umfassenden CSR-Definition wird auch zunehmend die Forderung nach einer proaktiven Rolle von Unternehmen bei der Durchsetzung von Menschenrechten und Nachhaltigkeitsprinzipien deutlich. Unternehmen sollen nicht nur auf Stakeholderansprüche reagieren, sondern diese vorausschauend in die Unternehmensstrategie implementieren, um so letztlich auch Risiken für die eigene Geschäftstätigkeit (z. B. Imageschäden oder Verlust wichtiger Geschäftspartner) vorzubeugen.469 Die Kriterien des Unternehmenserfolgs werden im Rahmen der sogenannten „Triple Bottom Line“ (Elkington 1998) von einer rein wirtschaftlichen auf die drei Dimensionen der Nachhaltigkeit ausgeweitet und damit sowohl auf den erwirtschafteten Profit des Unternehmens als auch auf den Beitrag zu einer lebenswerten Umwelt und zur Lösung sozialer Probleme bezogen.470

Weitestgehend parallel zum CSR-Begriff, wenn auch ein wenig später einsetzend, hat sich der Begriff des Corporate Citizenship (CC), des Unternehmens als „guter Bürger“, in unternehmerischer Praxis und wissenschaftlicher Theorie etabliert.471 Durch diesen Begriff wird die zunehmend verschwimmende Grenze zwischen politischer und wirtschaftlicher Sphäre im Kontext globaler Märkte expliziert.472 CC nimmt eine politische Perspektive ein und wird durch eine sich verändernde politische Arena begründet, während CSR von einem ethischen Standpunkt ausgeht und als Verantwortung von Unternehmen aufgefasst wird, gesellschaftlichen Schaden zu verhindern.473 Da eine ethische Begründung hier im Vordergrund steht, rückt der Begriff CC für die weitere Argumentation im Rahmen dieser Arbeit in den Hintergrund, auch wenn die politische Dimension impliziter Bestandteil bleibt.474

Die genannten CSR-Definitionen der EU und der ISO weisen auf die besondere Bedeutung der Stakeholder, der Anspruchsgruppen von Unternehmen, für CSR hin.475 Stakeholderanalyse und -dialog bilden eine wichtige Grundlage für Unternehmen, um ihrer Verantwortung gerecht werden zu können. In der Verantwortungsterminologie können sie Aufschluss über Verantwortungsadressaten und -instanzen der Unternehmen und aus dieser Beziehung heraus auch über eine Spezifizierung der ansonsten abstrakten Verantwortungsbereiche und Normhintergründe geben. Im Austausch mit den Stakeholdern kommt somit die Rolle des Diskursprinzips im Rahmen des Verantwortungskonzepts zum Tragen.476

 
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