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3.4.1 CSR und Stakeholder

Die Stakeholdertheorie wurde in den achtziger Jahren maßgeblich von Edward Freeman geprägt, dem zufolge als Stakeholder eines Unternehmens „any group or individual who can affect or is affected by the achievement of the organization's objectives“ (Freeman 1984, S. 46) zählt. Dem Ansatz liegt der Anspruch zugrunde, dass Unternehmen nicht allein den Interessen ihrer Shareholder, der Anteilseigner, verpflichtet sind, sondern dass es neben den Shareholdern noch andere Akteure oder Akteursgruppen gibt, deren Interessen von Unternehmen gleichwertig Beachtung erhalten sollten.477 Es sei die Aufgabe des Unternehmens, diese Interessen nicht nur zu beachten, sondern zwischen ihnen einen Ausgleich zu schaffen.478

Aus verantwortungstheoretischer Sicht ist bezüglich des Begriffs „Stakeholder“ zwischen Verantwortungsadressat und Verantwortungsinstanz (siehe Kapitel 3.1.2.2) zu unterscheiden. Eine Frage ist, wem gegenüber das Unternehmen verpflichtet ist, eine andere, vor wem es sich zu rechtfertigen hat. Dies wird besonders anhand typischer Stakeholderkataloge deutlich, die in der Literatur genannt werden.479 Hierzu gehören zivilgesellschaftliche Interessenvertreter, z. B. Menschenrechtsoder Umwelt(schutz)organisationen, Konsumenten und Verbraucherschutzorganisationen, Mitarbeiter, Kunden, der Staat, die Öffentlichkeit, Shareholder, Investoren oder auch die Unternehmen selbst. Beispielsweise gehört die Öffentlichkeit somit genauso zu den Stakeholdern wie die Angestellten einer Bekleidungsfirma in China. Während es sich bei der Öffentlichkeit jedoch um eine Verantwortungsinstanz handelt, die über das Handeln von Unternehmen urteilt und sie zur Verantwortung zieht,480 sind die Angestellten der chinesischen Fabrik vom Handeln des Unternehmens betroffen und müssen somit (auch) als Verantwortungsadressaten bezeichnet werden.

Letztlich handelt es sich bei Stakeholdern folglich einerseits um Verantwortungsadressaten und somit um die „Subjekte(...), denen gegenüber die Unternehmung eine Verantwortung erklärt oder welche ein Unternehmen auf seine Verantwortung ansprechen“ (Göbel 2010, S. 130). Damit zählen sie zum Bereich des Verantwortungsobjekts des Unternehmens.481 Sie können jedoch andererseits Verantwortungsinstanzen sein, wenn das Unternehmen ihnen gegenüber zur Rechenschaft verpflichtet ist. Doppelfunktionen sind hier insbesondere bei solchen Stakeholdern die Regel, die für das Unternehmensgeschäft erfolgsrelevant sind, also zum Beispiel Kunden oder Investoren.482

Damit Unternehmen ihre gesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen können, müssen sie ihre Stakeholder und deren Anspruchshaltungen kennen.483 Zudem müssen angesichts der sehr offen gehaltenen Stakeholderdefinition von Freeman legitime von nicht legitimen Ansprüchen unterschieden werden können.484 Die Legitimität steht bei der Verletzung universeller Normen, z. B. bei der Verletzung von Menschenrechten, außer Frage. Universelle Normen müssen jedoch, wie in Kapitel 2.2.3 gesehen, konkretisiert werden. Stakeholder können zudem auch Ansprüche geltend machen, die lokal, also nicht universell für sie von Relevanz sind und daher legitimiert werden müssen. Sowohl für die Konkretion universeller Normen als auch für die Bestimmung legitimer Stakeholderansprüche ist deshalb der Austausch mit den potenziellen Stakeholdern im Diskurs zu suchen.485 Dies erfolgt über deliberative Prozesse, an denen das Unternehmen und die Stakeholder beteiligt sind. „Die Legitimität ergibt sich dabei auf Basis eines Konsenses innerhalb einer lokalen Sprechergemeinschaft“ (Aßländer/Brink 2008, S. 114). Beispiele hierfür sind „Gespräche zwischen Vorstand und Aufsichtsrat im Rahmen von üblichen Vorstands- und Aufsichtsratssitzungen, aber auch (...) unabhängige Gremien wie etwa Stellvertreterdialoge in Ethik-Kommissionen oder Mitarbeitergespräche“ (ebd., S. 119; Hervorh. im Original).486

Im Rahmen deliberativer Prozesse im Austausch mit den Stakeholdern erfolgt somit die in Kapitel 2.2.3 beschriebene lokale Normenbestimmung: Einerseits wird auf die Verletzung universeller Normen aufmerksam gemacht und die Rolle des Unternehmens in diesem Zusammenhang definiert (konkretisiert), andererseits werden nicht universelle Normen, die jedoch für die spezifischen Stakeholder eines Unternehmens von Relevanz sind, auf ihre Legitimität hin überprüft.487

 
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