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4 Consumer Social Responsibility

Im Anschluss an Kapitel 3.3, in dem die Bedingungen für eine Verantwortung des Kollektivs analysiert wurden, ist es ein naheliegender Schritt, der Untersuchung einer möglichen Verantwortung von Individuen am Markt die Frage voranzustellen, inwiefern der Markt selbst als verantwortlicher Akteur in Betracht kommt. Ein solcher Versuch stößt jedoch schnell an seine Grenzen. So gibt es „den Markt“ an sich nicht, sondern es muss vielmehr von einem Konglomerat von Marktstrukturen gesprochen werden, das sich dynamisch verändert.499 Konsumenten partizipieren etwa mit jeder Konsumentscheidung an einem anderen Markt und an einer anderen Akteurskonstellation. Entsprechend kontinuierlich wechseln die Kunden der Unternehmen – ebenso wie ihre Handels- und Geschäftspartner in den globalen Wertschöpfungsketten.500 „Der Markt“ ist die Bezeichnung für ein institutionalisiertes, d. h. nach bestimmten Regeln aufeinander abgestimmtes, Handeln von Menschen, um Bedarfe möglichst effektiv zu befriedigen. In „arbeitsteilig-marktwirtschaftlichen Prozessen“ (Lenk/Maring 1995, S. 252) handeln Akteure „unter strategischen Bedingungen“ (Lenk 1998, S. 422), doch nicht organisiert als Kollektiv. Auch kann nicht davon gesprochen werden, dass die an Märkten teilnehmenden Akteure Wir-Intentionen vorweisen können. Der Konsument plant nicht gemeinsam mit dem Bäcker, dass dieser das Brot herstellt, das dem Konsumenten schmeckt und das er kauft, sondern der Bäcker bietet jedem Kunden, der sein Geschäft betritt, das Brot an, von dem er ausgeht, dass es möglichst vielen seiner Kunden schmeckt. Und der Konsument wird so lange das Brot verschiedener Bäcker ausprobieren, bis er eines findet, das seinem Geschmack entspricht. Hiervon kann zumindest in einem arbeitsteiligen Marktsystem ausgegangen werden. Die Handlungen von Markatkeuren sind im Kontext gegenseitiger Kooperationsgewinne zwar aufeinander bezogen, es werden jedoch jeweils eigene Ziele und Intentionen verfolgt.

Dadurch sind die zwei Bedingungen für den moralischen Akteursstatus eines Kollektivs – eigenständige Intentionen und das Vorhandensein einer CIDStruktur – bei Märkten nicht erfüllt. Markthandeln ist „nicht-korporative[s] kollektive[s] Handeln von vielen Akteuren (Korporationen oder Individuen)“ (Lenk/Maring 1995, S. 252) und somit auf der dritten Stufe der kollektiven Handlungsebenen von Lenk und Maring zu verorten.501 Es handelt sich bei Märkten somit weder um einen kollektiven Akteur wie im Fall eines Staats oder eines Vereins noch um einen korporativen Akteur wie etwa bei Unternehmen. Es lässt sich außerdem kein übergeordneter Akteur identifizieren, dem die Verantwortung für die Auswirkungen kollektiven Handelns zugeschrieben werden kann.502 Dies bedeutet jedoch nicht, dass das Handeln der beteiligten Akteure nicht aufeinander bezogen ist und dass nicht gemeinsame Folgen aus dieser losen Form des kollektiven Handelns entstehen. Daher kommt es nicht in Betracht, einzelnen Akteuren die volle Verantwortung für die Beseitigung und Verhinderung der Schäden zuzuschreiben, da sie aufgrund der kumulativen und unvorhersehbaren Schädigungseffekte weder die vollständige Einsicht in die möglichen Schäden erlangen können noch die Möglichkeiten haben, den dafür notwendigen (kausalen) Einfluss zu bewirken.

Eine weitere denkbare und im Folgenden zu prüfende Lösung ist die der Verantwortungsteilung, mit deren Hilfe sich eine Verantwortung von mehreren individuellen Akteuren für die (Beseitigung und Verhinderung der) kollektiven Schädigungen begründen ließe.503 Es gilt somit, die Bedingungen und Kriterien zu erschließen, auf deren Basis – unabhängig davon, inwiefern die Akteure WirIntentionen teilen oder über die Mitgliedschaft in einem korporativen oder kollektiven Akteur gemeinsam handeln – dem Individuum eine „Mitverantwortung“ zugeschrieben werden kann. Gleichzeitig muss dabei der Umstand berücksichtigt werden, dass den Kollektivschädigungen strukturelle Ursachen zugrunde liegen, in die individuelles Handeln eingebunden ist. Es muss somit eine Form der Interaktion oder auch Rückkoppelung von individueller und Systemebene erfolgen.504 In den nun folgenden Ausführungen werde ich diese Aufgabenstellung für die Konsumentenverantwortung systematisch erschließen.

Auch für Konsumenten stellt sich, wie für Unternehmen, zunächst die Frage nach ihrem Handlungsstatus bzw. ihrer moralischen Adressierbarkeit. Während hierfür bei Unternehmen einige analytische Argumentationsgänge notwendig waren, ist diese Frage bei Konsumenten grundsätzlich wesentlich eindeutiger zu beantworten, da sich bei ihnen als individuelle Personen keine Probleme des Akteursstatus ergeben. Konsumenten sind zwar in kollektive und mitunter korporative Handlungsumwelten eingebunden,505 doch bezieht sich der Begriff „Konsument“ zunächst auf ein durch Nachfrage nach und Nutzung von Gütern und Dienstleistungen am Markt teilnehmendes Individuum, das, wie in Kapitel 3.2.1.1 gesehen, als grundsätzlich handlungs-, entscheidungs- und somit auch verantwortungsfähig gilt.

Wenn auch nicht aufgrund des Akteursstatus, bestehen aus anderen Gründen Zweifel hinsichtlich des Konsumenten als Verantwortungssubjekt, die unter anderem dazu geführt haben könnten, dass die Konsumentenethik in der Wirtschaftsethik bisher eher eine Nebenrolle spielt. Ich werde in Kapitel 4.1 deshalb zunächst zwei Argumentationslinien nachzeichnen, die nicht nur Aufschluss hinsichtlich dieser Verzögerung geben, sondern mit deren Hilfe auch eine wichtige Verhältnisbestimmung zwischen Konsumenten und Unternehmen am Markt vollzogen werden kann, die für die Zuschreibung von Verantwortung an Konsumenten (und damit indirekt auch an Unternehmen) relevant ist. In Kapitel 4.2 wird sodann eine kurze Einführung in den Gedanken der Strukturbedingtheit des Konsums vorgenommen, da das Strukturkonzept für das Verständnis der Handlungsmöglichkeiten des Konsumenten im Marktsystem und damit auch für seine potenzielle Verantwortung von Bedeutung ist.

Den Hauptteil des vierten Kapitels stellt die Entwicklung des Zuschreibungsmodells dar, mit dessen Hilfe eine Zuschreibung von Verantwortung an Konsumenten möglich ist (Kapitel 4.3). Dieses Kapitel enthält einige Unterkapitel und -schritte, in welchen eine Reihe unterschiedlicher Ansätze kollektiver Verantwortungszuschreibung hinsichtlich ihrer Eignung und Relevanz für die Frage der Konsumentenverantwortung diskutiert werden. Das so entstandene Verantwortungskonzept lässt sich in einem Zwischenschritt auch auf die Unternehmensverantwortung übertragen, die sich angesichts der globalen Problemlagen ähnlichen individuallogischen Hindernissen gegenübersieht wie die Konsumentenverantwortung.506 Diese Übertragung werde ich in den Kapiteln 4.3.5 und 4.3.6 thematisieren.

Infolge der grundsätzlichen Begründung der Consumer Social Responsibility in Kapitel 4.3 lassen sich aus diesen theoretischen Überlegungen verschiedene Handlungsbereiche ableiten, innerhalb derer Möglichkeiten für Konsumenten bestehen, Verantwortung zu übernehmen. In diesen findet sich wiederum das Konzept der Struktur in unterschiedlichen Facetten wieder (Kapitel 4.4). Ich schließe das Kapitel mit Ausführungen zu den Verantwortungsinstanzen der ConSR (Kapitel 4.5), den Modalitäten (Kapitel 4.6) und einigen Anmerkungen zur Rolle des Eigeninteresses im Rahmen von ConSR (Kapitel 4.7).

 
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