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4.3.1.1 Relevanz des retrospektiven Beitragsmodells für eine Verantwortung der Konsumenten

Um zu zeigen, dass die Art der individuellen Beiträge der Konsumenten sehr unterschiedlich ausfallen kann, ist ein Blick auf die Schwellenwertproblematik hilfreich. In der Einleitung habe ich erwähnt, dass viele öffentliche Güter erst ab einem bestimmten Maß der (Über-)nutzung Überlastungserscheinungen aufzeigen, dies gilt vor allem auch für die ökologische Quellen- und Senkenfunktion des Erdsystems (siehe S. 56). So ist es zutreffend, dass Kohlendioxid an sich kein schädliches Gas ist, es wird für das Leben auf der Erde sogar in bestimmten Mengen benötigt.587 Das Problem der Erderwärmung entsteht erst ab einer bestimmten CO2-Konzentration in der Atmosphäre.588 Anders als beim Folterbeispiel ist das individuelle Handeln somit tatsächlich nicht schädlich, solange nicht durch das aggregierte Handeln ein Schwellenwert überschritten ist.

Die Argumentation wird noch komplexer, wenn der Kauf von Produkten betrachtet wird, bei denen die negativen Effekte vor allem im Herstellungsprozess entstehen. Als Beispiel dient im Folgenden der Kauf von Tischen, die aus Tropenholz gefertigt werden.589 Es sei angenommen, dass für die Herstellung dieser Tische Regenwald gerodet wird und Schreiner vor Ort unter prekären Arbeitsbedingungen beschäftigt werden. Würde ein solcher Tisch „auf Nachfrage“ bestellt, d. h., würde er erst hergestellt, nachdem er durch den Konsumenten geordert wurde, fände sich ein linearer Zusammenhang zwischen jedem einzelnen Kauf und der Herstellung jedes einzelnen Tischs: Der Konsument wäre eins zu eins ursächlich mit den Herstellungsprozessen verbunden. Es kann vorerst angenommen werden, dass die Bestellung des Tischs durch den Konsumenten für genau diese Prozessschritte, die für die Herstellung des einen Tischs anfallen, sowie für ihre sozialen und ökologischen Auswirkungen (d. h. für den Fußabdruck) die Ursache wäre.590 Das Problem des Schwellenwerts bliebe hier das gleiche wie beim Autofahren: Ein gefällter Baum alleine stört das Gleichgewicht des Regenwalds nicht, sondern erst eine signifikante Menge gefällter Bäume.

In vielen Fällen erfolgt die Herstellung des Tischs jedoch nicht auf Bestellung, sondern der Konsument sucht sich in einem Möbelhaus einen der Tropenholztische aus, die dort vorrätig sind. Der Tisch ist also bereits hergestellt, alle Prozessschritte, die dafür notwendig waren, sind längst geschehen. Dann wäre der Kauf des Tischs laut Schwartz nicht mehr direkt ursächlich für die notwendigen Herstellungsschritte und ihre Auswirkungen591 und es kann nicht mehr genau bestimmt werden, welchen Beitrag der Kunde genau zur Herstellung des Tischs leistet – es sei denn, das Möbelhaus ordert immer genau dann einen Tisch nach, wenn einer verkauft wurde.

Es muss jedoch realistischerweise angenommen werden, dass Kauf und Herstellung nicht direkt miteinander verknüpft sind, sondern dass das Unternehmen erst ab einer bestimmten Menge an Käufen, beispielsweise 20, neue Tische ordert. Durch den zwanzigsten Kauf wird somit ebenfalls ein Schwellenwert überschritten, der die Produktion von weiteren Tischen anstößt, weshalb dieser Kauf auch als „triggering“-Kauf (Schwartz 2010, S. 58) bezeichnet wird. Es gibt also auch hier eine bestimmte Handlung, die eine besondere Rolle für die Verursachung von Schäden zu spielen scheint, da erst durch sie ein kritischer Wert überschritten wird, der vorher unschädliche Handlungen zu schädlichen macht.

Es lässt sich folgern: Das Tischbeispiel zeigt nicht nur den Charakter einer Schwellenwertproblematik, sondern die Kausalitätskette steht einerseits horizontal im Zusammenhang mit anderen Konsumenten und vertikal im Zusammenhang mit der Strategie von Unternehmen. Es stellen sich im Hinblick auf die Kausalitätsbeziehung zwischen Konsumhandlung und negativen Auswirkungen in Konsumption und Produktion somit vor allem zwei Fragen:

1. Wie kann mit der Problematik umgegangen werden, dass bestimmte Handlungen erst ab einem gewissen Schwellenwert schädlich sind?

2. Wie können Kausalitätsbeziehungen hergestellt werden, wenn Schäden erst durch Interaktionen mit anderen Akteuren entstehen und unter Umständen in den Einflussbereich unterschiedlicher Akteure fallen?

Zu 1: Für die Überschreitung von absoluten Schwellenwerten wie beim Tischkauf ist Jonathan Glover592 zufolge genau die letzte Handlung, also beispielsweise der zwanzigste Kauf, von besonders großer (moralischer) Relevanz.593 Schwartz beschreibt diese Position wie folgt:

„Essentially, the strategy concedes that many individual actions make no difference to outcomes at all, but it then counters that certain individual actions make a very significant difference. These purchases make a big difference because they happen to be the ones that cross a causal threshold that 'triggers' additional production.“ (Ebd., S. 58; Hervorh. im Original)

In der Konsequenz wäre laut Glover jede Handlung, die geschieht, bevor dieser absolute Schwellenwert überschritten ist, kausal irrelevant.594

Allerdings ist hier einzuwenden, dass ohne den ersten, zweiten und dritten Kauf der 20. Kauf nicht der 20. Kauf wäre, sondern der 17., 18. oder 19. Insofern gibt es letztlich keinen Grund, dem letzten Kauf – im Hinblick auf die Kausalitätsbeziehung – eine größere moralische Bedeutung beizumessen als dem davor.595 Ebenso verhält es sich mit dem Autofahren: Die Schwellenwertproblematik ändert grundsätzlich nichts daran, dass jeder individuelle Beitrag im Hinblick auf den Klimawandel einen Unterschied macht:596 einerseits vor dem Erreichen des Schwellenwerts, da dies durch ihn schneller geschieht, andererseits nach Erreichen des Schwellenwerts, da dann der Schaden größer wird.

Das entscheidende Fazit ist daher vielmehr im Verhältnis der Einzelkäufe zu sehen. Denn ebenso wie nur Millionen Autofahrer gemeinsam Klimaeffekte bewirken können, kann ein Kauf alleine keine neue Produktion anstoßen, sondern nur, wenn 19 andere Konsumenten auch einen Tisch kaufen. Das Ergebnis ist: Der Konsument hat nicht alleine die Herstellung eines Tischs, sondern er hat gemeinsam mit 19 anderen Konsumenten die Herstellung von 20 Tischen verursacht.

Zu 2: Am Beispiel des Tischkaufs lässt sich jedoch im Unterschied zum Autofahren auch die vertikale Verbindung des Handelns einzelner Konsumenten zum Handeln anderer Akteure darstellen. So wurde im vorangegangenen Abschnitt ersichtlich, dass es die Beschaffungspolitik des Unternehmens ist, die dazu führt, dass nicht ein Konsument die Herstellung eines Tischs verursacht, sondern ein Konsument gemeinsam mit 19 anderen.597 Ähnliches gilt, wenn die Arbeitsbedingungen des Schreiners betrachtet werden. Denn dieser hat vielleicht einen längerfristigen Vertrag, weshalb seine Anstellung auf mehrere Produktlinien und Verkaufserfolge des produzierenden Unternehmens zurückgeführt werden kann. Welcher Anteil seiner Anstellung dabei genau auf den Kauf eines Tischs durch einen Konsumenten zurückgeht, lässt sich dadurch kaum nachvollziehen.

Aus dem Beispiel des Tischs kann somit nicht nur geschlossen werden, dass sich die Kausalität des Handelns einzelner Konsumenten vor allem als Kausalität der Handlungen von Konsumentenkollektiven sinnvoll erfassen lässt, sondern es wird deutlich, dass auch die Strategie des Unternehmens eine entscheidende Rolle für diese Kausalität spielen kann.

Hierfür sind Transportdienstleistungen wie Flugreisen ein weiteres Beispiel. Für einen Flug von Berlin nach Madrid wird pro Person eine Menge von 330 kg CO2 veranschlagt.598 Haben nun die Passagiere diesen Flug überhaupt verursacht? Wäre das Flugzeug nicht sowieso gestartet? Es wäre z. B. denkbar, dass die Airline ab einer bestimmten Anzahl von Passagieren ihren Flugplan ändert und den Flieger nicht starten lässt oder, dass die Airline selbst mit leerem Flugzeug den Flug zum Beispiel aufgrund von Anschlussflügen durchführt. Auch hier ist es die Politik des Unternehmens, die den jeweiligen Kausalbeitrag eines Konsumenten mit beeinflusst.

Hinsichtlich der Kausalitätsbeziehung von Konsumentenentscheidungen und Produktionsoder Bereitstellungsprozessen muss deshalb konstatiert werden, dass „die Zurechnung von Nachhaltigkeitseffekten zur Produktionsoder Konsumseite (...) umstritten“ (Brand 2008, S. 71) bleiben muss. Der Konsument erwirbt zwar mit dem Kauf und der Nutzung der Produkte ökologische und soziale Auswirkungen, die im Lebenszyklus des gesamten Produktes entstehen und zum Eigenschaftenbündel eines Produktes dazu gehören. Es kann jedoch entgegen häufiger Äußerungen in der Diskussion um den Klimaschutz und das Fußabdruck-Konzept nicht behauptet werden, dass der Konsument diese gesamten Auswirkungen eines Produktes individuell verursacht.599 Derartige FußabdruckStrategien können nur Effekte von Produktion und Konsum gemeinsam darstellen und keine eindeutigen kausalen Zurechnungen zu nur der Produktionsoder nur der Konsumptionsseite vornehmen.600 Vielmehr wird der Charakter der Verursachung nicht adäquat erfasst, wenn die Auswirkungen nur der Konsumseite zugeschrieben werden.601

Diese Einschränkungen bedeuten jedoch nicht, dass der kausale direkte Beitrag nicht vorhanden ist, wie mit Hilfe des „Null-Summen-Arguments“ und seiner verschiedenen Varianten gezeigt werden konnte.

 
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