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4.3.2 Retrospektive Beteiligungsmodelle

Wie einleitend zu diesem Kapitel angekündigt wurde, können neben Beitragsmodellen auch Beteiligungsmodelle herangezogen werden, um eine mögliche Mitverantwortung der Konsumenten zu begründen. Es wird im folgenden Abschnitt gezeigt, dass Kausalität im herkömmlichen Sinne einer direkten Verursachung eines Schadens nicht notwendige Voraussetzung für die Zuschreibung von Verantwortung sein muss608 und auch indirekte Formen der Einwirkung auf Akteure und Handlungsumstände und der Partizipation an sozialen Strukturen von Relevanz sind.

Geteilte Verantwortung (Larry May)

Ein erstes Beteiligungsmodell, das hier vorgestellt werden soll, ist das von May, das er in seinem Buch „Sharing Responsibility“ (May 1992) darlegt. May interessiert sich vor allem für die Frage, inwiefern Gemeinschaften unterschiedlicher Art im Nachhinein für eine Normverletzung zur Verantwortung gezogen werden können. Dabei ist er explizit weniger daran interessiert, ob Kollektive selbst Verantwortung tragen können als daran, welche Verantwortung den Individuen in diesem Kollektiv bzw. für die kollektiven Handlungsfolgen zugeschrieben werden kann. May distanziert sich von Ansätzen, die den individuellen Beitragenden jeweils die volle Verantwortung zuschreiben.609 Vielmehr liegt der Fokus bei ihm auf den Folgen, die aus dem Zusammenspiel der Handlung einzelner mit den Handlungen anderer Akteure entstehen:

„But, unlike full individual responsibility, shared responsibility calls attention to the way in which the actions or attitudes of a group of people resulted in a harm; that is, attention is focused on the way in which each of us interacts with others, rather than on the individual person as an isolated agent.“ (May 1992, S. 38)

May begründet in seinem Werk die geteilte Verantwortung von Individuen für die Folgen der Handlungen einer Gemeinschaft mit Hilfe verschiedener Faktoren:

1. Einstellungen:610 Hier bezieht May sich auf die Einstellungen von Gemeinschaftsmitgliedern, die einen Schaden, auch wenn sie ihn nicht direkt befürworten, unterstützen und es wahrscheinlicher machen, dass er geschieht. Als Beispiel dienen rassistische Übergriffe, die zwar nur von wenigen Mitgliedern einer Region durchgeführt werden, die aber von dem dort herrschenden Einstellungsklima der Bevölkerung geschürt werden.

2. Nichteinschreiten:611 May schreibt Individuen auch eine gemeinsame Ver-

antwortung zu, wenn sie alleine oder gemeinsam nicht aktiv werden, um Schäden zu verhindern. Um beim Beispiel der Rechtsradikalen zu bleiben, ginge es hier darum, die Übergriffe aktiv zu verhindern und, wenn dies eine Person alleine nicht schaffen kann, sich mit anderen zusammen zu schließen.

3. Rollen und Positionen:612 Schließlich besteht mit May eine besondere Verantwortung von Individuen in der Rolle oder Position, die sie in ihrer Gemeinschaft bekleiden. So hat ein Bürgermeister eine besondere und anders geartete Verantwortung für die Vermeidung von rechtsradikalen Übergriffen als der individuelle Bürger, der allerdings auch nicht von Verantwortung frei ist.

Aus diesen drei Bedingungen folgt für May, dass Individuen nicht nur für eigene Handlungsbeiträge, sondern auch dann moralische Verantwortung für kollektive Handlungsfolgen tragen können, wenn sie selbst gar keinen Schadensbeitrag geleistet haben. Dies gelte dann, wenn sie Mitglied der Gemeinschaft sind:613

„The notion of shared responsibility underlies this claim and involves an enriching as well as an expanding of the domain of moral and political responsibility. Seeing ourselves as sharing in responsibility for what our communities do will cause us to look as closely at our roles, attitudes, and omissions as we currently look at our explicit behavior.“ (Ebd., S. 1)

Bei Mays Modell stehen Einstellungen, das Nichteinschreiten und auch bestimmte Rollen und Positionen innerhalb einer Gemeinschaft im Fokus. Dadurch wird bei ihm der Grundstein für eine differenzierte Sicht auf die Beteiligung eines Individuums an Kollektivschädigungen gelegt, die über den individuellen Schadensbeitrag hinausgeht.

Complicity Principle (Christopher Kutz)

Kutz entwickelt in Abgrenzung zum Individual Difference Principle (siehe S. 177 f.) ein Modell, das dem von May sehr ähnelt und das er als Complicity Principle bezeichnet.614 Auch dieses Modell ist der retrospektiven Frage gewidmet, inwiefern einzelne Akteure für eine kollektive Normverletzung im Nachhinein moralisch zur Verantwortung gezogen werden können. Er formuliert das Prinzip folgendermaßen: „(Basis) I am accountable for what others do when I intentionally participate in the wrong they do or harm they cause. (Object) I am accountable for the harm or wrong we do together, independently of the actual difference I make.“ (Kutz 2000, S. 122)615

Für Kutz greift das Complicity Principle in sehr unterschiedlichen kollektiven Handlungskonstellationen. Es ist für ihn zunächst in Fällen anwendbar, in denen Akteure über eine Wir-Intention gezielt an einer kollektiven Schädigung partizipieren, ihr individueller Beitrag zum Schaden jedoch marginal ist. Hier zählt für ihn nicht (nur) die tatsächlich verursachende Handlung, sondern auch die „participatory intention“ (ebd., S. 81), mit der sich ein Akteur am Geschehen beteiligt.616 Diese gelte darüber hinaus auch dann als verantwortungsbegründend, wenn der Schaden nicht intendiert sei.617 Das bedeutet, dass sich die Intention des Handelnden Kutz zufolge nicht auf den kollektiv verursachten Schaden beziehen muss, sondern dass die Intention zur Teilnahme an der kollektiven Handlungssituation an sich genügt, um eine Mitverantwortung zu begründen. Dies erläutert er am Beispiel eines gemeinsamen Picknicks, bei dem ein Blumenbeet zu Schaden kommt: Es sei also nicht die Intention der Schädigung des Blumenbeets, sondern die Intention gemeinsam zu picknicken, die für die Verantwortungszuschreibung ausreiche.618

Bisher fallen die von Kutz analysierten Handlungskontexte noch in den Bereich des kollektiven Handelns mit einer Wir-Intention. Kutz geht jedoch noch einen, für die Fragestellung dieser Arbeit entscheidenden, Schritt weiter: Das Complicity Principle könne auch greifen, wenn die Akteure gar nicht gemeinsam handelten, sondern durch paralleles Handeln (unintendiert) zu einem kumulativen Schaden beitrügen.619 Als „Komplizenschaft“ identifiziert Kutz in diesem Zusammenhang auch den Umstand, dass Akteure Nutzen aus den gegebenen Bedingungen ziehen, sie also tolerieren, um davon zu profitieren. Kutz bezeichnet dies auch als „[b]enefit accountability“ (ebd., S. 45).620

Dem Complicity Principle liege in diesen Fällen eine geteilte sozioökonomische Struktur zugrunde, die die Akteure miteinander verbinde und zu Komplizen eines Handlungskontextes mache, da sie sich auf ein „shared universe of values“ (ebd., S. 186) bezögen.621 Dieser Struktur stimmten sie durch ihr alltägliches Handeln zu, obwohl sie zu einer Reflexion dieser Struktur und ihres eigenen Handelns fähig seien.622

Kutz spricht von den „regrettable things brought about through our associations with other people or with the social, economic, and political institutions in which we live our lives and make our livings“ (ebd., S. 1). Als Beispiel nennt er den Umweltschaden, der durch das Autofahren der Amerikaner kollektiv verursacht wird. Das Autofahren stelle eine mentale Struktur, einen Habitus dar, der einerseits das soziale und natürliche Umfeld beeinflusse, aber auch von diesem beeinflusst werde. Das Autofahren habe in Amerika unter anderem deshalb seine Bedeutung erlangt, da entsprechende Infrastrukturen wie billiges Benzin vorhanden seien. Diese Infrastrukturen spiegelten jedoch wiederum den Wert wider, der dem Autofahren beigemessen werde.623 In diesem Zusammenhang spricht Kutz auch von „preexisting networks of collaboration“ (ebd., S. 188 f.).

Für Kutz sind damit unterschiedliche Faktoren dafür entscheidend, dem Individuum eine kollektive Mitverantwortung zuschreiben zu können:

1. die intendierte Partizipation an einem durch eine kollektive Handlung verursachten Schaden

2. die intendierte Partizipation an einer kollektiven Handlung, aus der ein nicht intendierter Schaden entsteht und

3. die intendierte Partizipation an bestehenden sozialen Strukturen und Systemen, wobei dadurch, dass viele parallel (jedoch nicht kollektiv) handeln, ein kollektiv verursachter, nicht intendierter Schaden entsteht.

Die Partizipation unter dem dritten Aspekt bezieht sich dabei sowohl auf die Reproduktion der Strukturen624 durch eigenes Handeln als auch auf das reine Nutzen der Strukturen zu eigenen Zwecken, unabhängig davon, welcher Schaden direkt durch dieses Handeln verursacht wird. In diesem letzten Fall wird deutlich, dass die tatsächliche Kausalität des Handelns eines Akteurs nur noch zweitrangig ist, während die Partizipation am umfassenden Handlungskontext bzw. an der sozialen Struktur in den Vordergrund gestellt wird.

Während Mays Analysegegenstand der vermeidbare Schadensfall durch unmoralisches Handeln ist, dehnt Kutz die Zuschreibungskriterien für moralische Schuld so weit aus, dass selbst in Fällen globaler Kollektivgutschädigungen, bei denen Akteure weder einen Schaden gezielt herbeiführen wollen noch direkt moralische Regeln verletzt werden, moralische Schuld zugeschrieben werden kann.

Im übernächsten Abschnitt werde ich im Rahmen der Diskussion der verschiedenen Modelle für den Konsumkontext auf die Grenzen und Vorteile der jeweiligen Ansätze zu sprechen kommen. An dieser Stelle soll zunächst untersucht werden, inwieweit die verschiedenen, von May und Kutz eingeführten Kriterien auf Konsumenten überhaupt zutreffen. Zu diesen Kriterien gehören:

Ÿ affirmative Einstellungen hinsichtlich der gesellschaftlichen Strukturen und des Handelns der Akteure innerhalb dieser Strukturen

Ÿ affirmative Beteiligung an den Strukturen durch eigenes Handeln

Ÿ bestimmte Rollen und Positionen innerhalb dieser Strukturen

Ÿ das Profitieren aus den gegebenen Strukturen.

Insgesamt ist es also das Ziel, die Einbindung von Konsumenten durch intendierte Partizipation in bestehende Strukturen des sozialen und ökonomischen Systems zu erfassen. Dann könne ihnen, so Kutz, eine geteilte retrospektive Verantwortung für den verursachten Schaden zugeschrieben werden. Hierfür wird im Folgenden auf Kapitel 4.2 zurückgegriffen, in dem Strukturen als Grundelement zur Beschreibung des Handelns von Konsumenten in der Gesellschaft und im marktwirtschaftlichen System beschrieben wurden. Es sei darauf hingewiesen, dass ich Mays Kriterium des „Nichteinschreitens“ erst in Kapitel 4.3.4 wieder aufgreife, da es sich hierbei um eine anders gelagerte Argumentationsrichtung handelt.

 
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