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4.3.4.2 Diskussion

Konsumenten verfügen also insgesamt über eine besondere Position innerhalb der Strukturen, die sie als verantwortliche Akteure in Frage kommen lässt. Auch wenn sie ihr Machtpotenzial nicht bewusst einsetzen, weshalb ich die Unterscheidung von Einfluss und Macht eingeführt habe, verfügen sie dadurch über vielfältige Optionen, nicht nachhaltige Konsum- und Produktionsmuster zu verändern. Hervorzuheben sind dabei mit Young (und auch May) die kollektiven Fähigkeiten, die ihnen aufgrund ihrer Einbindung in bestehende Organisationen und Kollektivstrukturen zur Verfügung stehen. Schließlich lässt sich auch ein besonderes Interesse von Konsumenten identifizieren, Kollektivschädigungen in Zukunft zu verhindern.

Doch nicht nur nach Youngs Social Connection Model kann Konsumenten nun eine Verantwortung zugeschrieben werden. Auch mit Hilfe der Ansätze von May, Held und Miller lässt sich argumentieren, dass Konsumenten die Pflicht haben, ihre Fähigkeiten und Potenziale so einzusetzen, dass sie zukünftigen Schaden verhindern. Ansätze zum Unterlassensfall machen in diesem Zusammenhang darauf aufmerksam, dass es, völlig unabhängig von kausalen Verbindungen zu oder der Beteiligung an einem Schaden, moralische Hilfspflichten gibt, die nicht aboder aufgeschoben werden können, besonders dann, wenn Leben in Gefahr sind. Weiterhin zeigen vor allem Held und May zusätzlich auf, dass zu diesem Zweck auch eine Pflicht bestehen kann, sich kollektiv zu organisieren – das heißt für Konsumenten, ihre kollektiven Einflusspotenziale zu nutzen. Wird der Ansatz konsequent zu Ende gedacht, hieße das allerdings auch, dass Konsumenten nicht nur dort Schaden vermeiden sollten, wo sie in seine Entstehung eingebunden sind, sondern dass sie insgesamt dazu aufgerufen wären, alle ihre Ressourcen und Fähigkeiten zu mobilisieren, um Hilfe zu leisten, solange Menschen hungern, Menschenrechte verletzt werden oder die Erfüllung eines guten Lebens für zukünftige Generationen nicht garantiert ist. Dies würde einer maßlosen Überforderung gleichkommen, der mit May Priorisierungen entgegenzusetzen sind (siehe S. 213). Diese könnten etwa folgendermaßen aussehen:

1. Primär sollten sich Konsumenten um die sozial-ökologischen Folgen kümmern, mit denen sie durch ihr Handeln (sowohl aus Beitragsals auch aus Beteiligungsperspektive) in Verbindung stehen.

2. Konsumenten sollten dort eingreifen, wo sie die besten Möglichkeiten haben, etwas zu verändern.

3. Konsumenten sollten gemeinsam mit anderen involvierten Akteuren klären, wer wofür zuständig ist und welche Aktivitäten Priorität haben.

Offenbar konnte nun mit Hilfe der prospektiven Modelle eine fundierte Herleitung und Begründung der Verantwortung von Konsumenten am Markt erreicht werden. Ich möchte dennoch einige Aspekte ansprechen, die sich auf eine notwendige Integration einiger der in den vorangegangenen Kapiteln diskutierten Modelle beziehen und mit deren Hilfe diese zueinander ins Verhältnis gesetzt werden können.

Während Held, May und Miller trotz ihres prospektiven Ansatzes auch an der moralischen Schuldfrage interessiert sind, nimmt Young, basierend auf der Beteiligung an ungerechten Strukturen, nicht nur eine zukunftsgerichtete Perspektive ein, sondern widmet sich ganz der Frage nach einer positiven Verantwortung für die Veränderung von Strukturen. Auch an möglichen zukünftigen Schuldzuschreibungen (z. B., wenn die Akteure ihrer positiven Verantwortung nicht nachkommen) ist sie nicht interessiert. Young fragt also nicht danach, wer etwas hätte tun sollen, sondern wer etwas tun kann und sollte. Diese Sichtweise hat für die Konzeption der Konsumentenverantwortung zwei entscheidende Vorteile gegenüber den rückwärtsgerichteten Ansätzen.

Zum einen erkennt sie an, dass das Handeln der Individuen auf bestehenden Normen und Strukturen aufbaut, die von einem Individuum nicht ohne hohe individuelle Kosten einfach umgangen werden können. Dass diese Normen und Strukturen anerkannt sind, bedeutet, dass sie moralisch akzeptiert sind, weshalb nicht von einem intentional schädigenden Verhalten gesprochen werden kann, zumindest nicht, ohne weitere Kriterien hinzuzuziehen. Zum anderen zeigt es sich beteiligungsoffen, d. h., es schränkt den Kreis der möglicherweise Verantwortlichen nicht zwingend auf den Kreis der „Verursachenden“ ein, sondern zieht auch die Möglichkeit in Betracht, dass anderweitig mit den Strukturen verbundene Akteure Verantwortung übernehmen können und sollen. Verantwortung wird dabei positiv als Gestaltung gesellschaftlicher Strukturen verstanden, weshalb beispielsweise auch die Opfer einer Kollektivschädigung als Verantwortungssubjekte in Frage kommen. Dies wird vor allem anhand des Kriteriums des Interesses deutlich, das Young in die Debatte einbringt.

Dadurch kann eigentlich erst der wahre Gedanke geteilter Verantwortung zu Ende gedacht werden. Denn geteilte Verantwortung bedeutet gemeinsame Verantwortung in dem Sinne, dass Akteure sich zusammenschließen, um die Strukturen des Systems gemeinsam zu verändern. Es beinhaltet einen Kooperationsgedanken, der ganz neue Perspektiven auf zukünftige Handlungsmöglichkeiten und Akteurskonstellationen erlaubt. Ein Vorteil des Modells liegt somit darin, dass es eine Schuldrhetorik vermeiden kann. Es zeigt den Akteuren die Handlungsspielräume zur Mitgestaltung des zukünftigen Systems auf und kann so mögliche Täter-Opfer-Konstellationen (zumindest rhetorisch) auflösen und die Beteiligten als gleichberechtigte Kooperationspartner sehen. Mit einem zukunftsgerichteten Modell kann überdies gezielt ein Lernprozess anvisiert werden, der es Akteuren gestattet, sich dem „neuen moralischen Gelände“ Schritt für Schritt zu nähern.

Neben diesen Vorteilen einer positiven und zukunftsgerichteten Perspektive, ist jedoch vor allem die starke Distanz, die Young zu den retrospektiven Beitrags- und Beteiligungsmodellen aufstellt, diskussionswürdig. So wurde bereits in Kapitel 3.1.2.1 darauf verwiesen, dass die Unterscheidung von retrospektiven und prospektiven Modellen eine analytische ist, die kaum stringent aufrecht erhalten werden kann, zumal auch Young, wie bereits betont wurde, nicht umhin kommt, die Involviertheit in die kollektive Schadensentstehung für die Identifikation möglicher Verantwortlicher heranzuziehen. Zudem hat sich gezeigt, dass die Ansätze, die Young den retrospektiven Modellen zuordnet, auch prospektive Ansätze integrieren und sich, wie etwa Mays Modell der geteilten Verantwortung, ebenfalls kritisch zur Frage der Schuldzuschreibung äußern.

Doch vor allem machen May, Miller und Held darauf aufmerksam, dass eine gegenseitige Befruchtung der prospektiven und retrospektiven Perspektive gewinnbringend ist. Sie implizieren, dass Akteure unter Umständen ein moralisches Risiko (im Sinne einer möglichen zukünftigen Schuld, Scham oder Aufforderung zur Rechtfertigung) eingehen, wenn sie nicht handeln.721 Das heißt, bei diesen Ansätzen wird aus prospektiver Sicht die retrospektive Konsequenz des Nichthandelns mit gedacht, während dies bei Young nicht geschieht.

Im Hinblick auf die Konsumenten würde dies bedeuten, dass unter Umständen ein Punkt erreicht werden kann, ab dem individuelle Verantwortung im Rahmen einer nachhaltigen Entwicklung nicht mehr als unkonventioneller moralischer Kontext gelten kann. Dann wäre jedoch – in naher oder weiterer Zukunft und vor allem aus der Perspektive zukünftiger Generationen – zu überprüfen, inwieweit heutige Konsumenten Möglichkeiten zur Veränderung nicht nachhaltiger Konsum- und Produktionsmuster ungenutzt gelassen haben und somit auch retrospektiv zur Verantwortung gezogen werden könnten.722 Diese Möglichkeit mitzudenken würde bedeuten, die moralische Tragweite zu erfassen und die Verbindlichkeit für eine individuelle Verantwortungsübernahme – nicht nur als kollektive (bei Young: politische),723 sondern auch als individuelle moralische – zu verdeutlichen.

Schließlich ist noch vor dem Hintergrund des Individual Difference Principle anzuführen, dass Young und May im globalen Kontext beide das kollektive Handeln fokussieren, aber den möglichen individuellen Beitrag, den ein Individuum zum Gesamtschaden leistet, nicht thematisieren. Dies führt meiner Ansicht nach zu einer Vernachlässigung der Konsequenzen für die Handlungsverantwortung des einzelnen Akteurs. Im Gegensatz etwa zu den Schlussfolgerungen von Schwartz oder Kutz (siehe Kapitel 4.3.2) findet sich bei Young und May kein Hinweis darauf, dass es geboten sein kann, das in sozial-ökologischer Hinsicht schädliche individuelle Handeln zu unterlassen.724 Überspitzt formuliert wäre es dann denkbar, dass die amerikanischen Autofahrer weiterhin im gleichen Ausmaß wie bisher Auto fahren, dabei aber gleichzeitig in politisch konzertierter, gemeinsamer Aktion gegen das Autofahren und gegen das billige Benzin öffentlich protestieren.725 Dabei wird jedoch der eigene Schadensbeitrag unterschätzt und gleichzeitig werden die automatischen Ausstrahlungseffekte individuellen Konsumhandelns auf die Strukturen und andere Akteure nicht hinreichend beachtet.726 Youngs Hinweis darauf, dass Konsumenten auf die Privilegien, die ihnen aus den Strukturen erwachsen, verzichten sollten, da ihnen dies besonders leicht falle, scheint mir vor diesem Hintergrund die moralische Relevanz des individuellen Handelns in ihrem eigentlichen Ausmaß nicht ausreichend zu erfassen.727

Insofern ist Young und May nicht darin zuzustimmen, dass strukturelle Verantwortung nur kollektiv bzw. politisch wahrgenommen werden kann. Es besteht für einzelne Konsumenten durchaus die Möglichkeit und die Verantwortung, bestehende Handlungsspielräume auszunutzen und den eigenen Schadensbeitrag zu verringern sowie die eigene Beteiligung an der Bestätigung bestehender Strukturen zu verändern. In Kapitel 4.4 werde ich diese Möglichkeiten weiter ausführen.

Insgesamt haben die verschiedenen Modelle zu einem differenzierten Blick auf die Einflussmöglichkeiten der Konsumenten geführt, auf deren Basis Konsumenten sowohl eine individuelle Verantwortung im Hinblick auf die Verringerung ihres Schadensbeitrags als auch eine kollektive Verantwortung im Hinblick auf ihre Beteiligung an nicht nachhaltigen Konsum- und Produktionsmustern zugeschrieben werden kann. In dem folgenden, zweigliedrigen Fazit dieses Abschnitts werde ich die verschiedenen Implikationen der unterschiedlichen Argumentationsstränge zusammenführen und ihre Bedeutung für die Consumer Social Responsibility darstellen.

 
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