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4.3.5 Fazit 1: Positionsmodell der Zuschreibung von Verantwortung

In den Kapiteln 4.3.1 bis 4.3.4 habe ich in drei Schritten verschiedene Modelle geteilter Verantwortung hinsichtlich ihres Beitrags zu einer Konzeptionalisierung der Verantwortung der Konsumenten für eine nachhaltige Entwicklung durchleuchtet. Dies waren das Beitragsmodell, retrospektive Beteiligungsmodelle und prospektive Beteiligungsmodelle. Angesichts der unterschiedlichen Grenzen der diskutierten Modelle gilt es, diese in ein Gesamtmodell zu integrieren, das die Verantwortung von Konsumenten in kollektiven Handlungskontexten begründen und in ihren unterschiedlichen Facetten erfassen kann. Das Gesamtmodell bezeichne ich im Folgenden in Anlehnung an Young als Positionsmodell, dessen einzelne Facetten ich in Abschnitt 4.3.5.1 ausführlicher erläutern werde. Der Gang der Untersuchung ist in Abbildung 2 noch einmal zusammenfassend dargestellt.

Abbildung 2: Modelle geteilter Verantwortung für die Konsumentenverantwortung, eigene Darstellung.

Bevor ich in den nächsten Kapiteln auf die Implikationen für die Consumer Social Responsibility näher eingehe, werde ich einige grundsätzliche Eigenschaften des Positionsmodells verdeutlichen. Der Gedanke ist, dass das Modell in seinen Grundzügen auch auf andere Kontexte und Akteurskonstellationen übertragbar ist – und zwar grundsätzlich dann, wenn sich die Frage stellt, welche Verantwortung individuellen Akteuren in kollektiven Handlungskontexten, vor allem bei nicht intendierten kumulativen Handlungsfolgen, zugeschrieben werden kann. Zunächst möchte ich hierfür nochmals einige Erkenntnisse aus den diskutierten Ansätzen unterstreichen:

Ÿ Aus den Beitragsmodellen von Kagan und Parfit konnte die Erkenntnis gewonnen werden, dass der einzelne Beitrag einen, wenn auch minimalen, kausalen Unterschied macht, obwohl er die sozial-ökologischen Schäden nicht alleine verursacht und für diese mitunter nicht relevant zu sein scheint.

Ÿ Die Beteiligungsmodelle von May und Kutz sowie von Young weisen darauf hin, dass nicht nur die direkten Auswirkungen von eigenem Handeln bzw. die kausale Verursachung eines (Teil-)Schadens, sondern auch die Reproduktion von gesellschaftlichen, sozio-ökonomischen Strukturen durch eigenes Handeln sowie durch Einstellungen eine Verantwortung mitbegründen können. Entscheidend ist dabei die Partizipation in einem Handlungskontext: „[W]e bear responsibility because we are part of the process.“ (Young 2007, S. 175)

Ÿ Diesbezüglich konnte mit dem Modell kollektiver Verantwortung von Gerber eine Unterscheidung zwischen einer individuellen und einer kollektiven Verantwortung des Individuums beigetragen werden.

Ÿ Die kollektiven Beteiligungsmodelle unterstreichen zudem, dass die Position eines Akteurs im sozialen System ein wichtiger Ausgangspunkt für die Bestimmung seiner Verantwortung ist. Diese Perspektive trägt maßgeblich dazu bei, dass nicht nur die sich aus der Dualität von Struktur ergebenden (individuellen) Handlungsgrenzen bei der Zuschreibung von Verantwortung berücksichtigt werden, sondern auch die Handlungsmöglichkeiten, die aus der jeweiligen Position des Akteurs erwachsen.

Ÿ Die prospektiven Beteiligungsmodelle von Young und May sowie Held und Miller lassen des Weiteren darauf schließen, dass die Schuldfrage in unstrukturierten, kollektiven Handlungskontexten, bei denen ein Schaden als externer Effekt regelkonformen Handelns geschieht, weder eindeutig beantwortet werden kann noch die einzig relevante Frage ist. Ein Verantwortungsmodell, das zukunftsgerichtet diejenigen Akteure identifiziert, die für eine Problemlösung in Betracht kommen, scheint die geeignetere Herangehensweise zu sein, um den strukturell bedingten Schädigungen entgegenzuwirken.

Vor allem durch diesen letzten Schritt, doch unter Beachtung der vorangegangenen Argumentationslinien, kann Akteuren Verantwortung für die Verhinderung weiteren Schadens zugeschrieben werden, ohne ihnen jedoch Schuld für bereits geschehene sozial-ökologische Schädigungen zuschreiben zu müssen. Zusammenfassend lässt sich Gerbers Unterscheidung von individueller und kollektiver Verantwortung des Individuums im kollektiven Handlungskontext (siehe S. 197) auch auf das zukunftsgerichtete Modell übertragen. So schreibt etwa Isaacs: „A two-level theory of moral responsibility, one that recognizes responsibility at the individual and the collective level, is the best and simplest way to capture the structure of responsibility in these cases.“ (Isaacs 2011, S. 5 f.)

 
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