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4.3.5.2 Prinzipien der Verantwortungszuschreibung

Vor dem Hintergrund der möglichen Anspruchshaltungen an beteiligte Akteure lässt sich nun eine Reihe von Prinzipien formulieren, die bei der Zuschreibung bzw. bei der Ausformulierung spezifischer Verantwortlichkeiten beachtet werden müssen.

Vorsorge- und Fürsorgeprinzip: Grundsätzlich geht es bei den im Rahmen des marktwirtschaftlichen Systems entstehenden Schäden weniger um das Einstehen für begangene Taten oder Schäden, als um eine Verhinderung von in der Regel nicht intendierten und nicht (vollständig) vorhersehbaren Folgen, die unter den Begriff des Risikos gefasst werden können.736 Den Hintergrund stellt dabei eine Fürsorgeverantwortung für Zustände und Lebewesen dar, deren Wohlergehen von den Teilnehmern im System abhängig ist.737 Das Konzept geteilter Marktverantwortung ist somit als positive Aufgabe aufzufassen bzw. als Gestaltungsaufgabe, die nicht als negative Bürde, sondern als Zukunftschance verstanden werden kann. Es werden also Akteure gesucht, die die Strukturen verändern können, und nicht solche, die für vergangene Schäden haftbar gemacht werden können.738

Reflexionsprinzip: Das Modell stellt akzeptierte und normierte Standards in Frage, denen Menschen in ihrem Alltagshandeln folgen, die sie jedoch deshalb nicht kritisch reflektieren, da sie zum moralisch akzeptierten Normalverhalten und zu den gewohnten Systemprozessen dazu gehören. Anders als das klassische, retrospektive Verantwortungsmodell, das auf Normabweichungen abstellt, warden somit gerade die bestehenden Normvorstellungen und Systemstrukturen reflektiert. So kann auf die Schwierigkeit reagiert werden, dass Menschen genau dadurch, dass sie den etablierten Verhaltensstandards folgen, die Strukturen reproduzieren, die zu den kollektiven Schäden führen.

Partizipations- und Integrationsprinzip: Darüber hinaus ist das Positionsmodell grundsätzlich beteiligungsoffen. Anders als im herkömmlichen Sinne soll nicht ein Akteur bestimmt werden, dem eine Schuld zugeschrieben werden kann, sondern es ist das Ziel, möglichst vielen Akteuren, die an den strukturellen Prozessen beteiligt sind, ihre Verantwortung bewusst zu machen und sie zur Verantwortung zu ziehen. Bayertz zufolge ist Verantwortung auf die „Zurechnung auf ein bestimmtes Subjekt“ (Bayertz 1995, S. 66, Hervorh. im Original) ausgelegt und in diesem Zusammenhang auf „eine Entlastung aller anderen“ (ebd.). Das entwickelte Positionsmodell erfüllt diese entlastende Funktion nicht mehr in dem Maße, denn es zielt im Grunde darauf ab, so viele Akteure wie möglich ausfindig zu machen, die zu einem Umbau der Strukturen beitragen können.

Kooperationsprinzip: Die Übernahme geteilter Verantwortung für den Umbau der Marktwirtschaft ist abhängig von der Kooperation der beteiligten Akteure. In diesem Sinne wird auch von gemeinsamer Verantwortung gesprochen. Die Trittbrettfahrerproblematik ist beispielsweise einer der Mechanismen, der Verantwortung verhindern kann, da diejenigen, die sich verantwortlich verhalten, damit rechnen müssen, dass ihr Verhalten ausgenutzt wird. Insgesamt besteht die Gefahr, dass die an den notwendigen Systemumstellungen nicht mitwirkenden Akteure einen zumindest temporären Vorteil aus diesem Umstand ziehen. Dieser kann sich wiederum zum Nachteil für die Akteure auswirken, die um die Veränderungsprozesse bemüht sind. Vertrauen und Kooperation werden somit zu zentralen Ressourcen einer nachhaltigen Marktwirtschaft, die keinesfalls als gegeben vorausgesetzt werden können, sondern die ebenfalls durch ein Zusammenwirken von individuellem Verhalten und unterstützenden Strukturen erarbeitet werden müssen.

Zumutbarkeitsprinzip: Insgesamt ist zu beachten, dass die einzelnen Akteure nicht überfordert werden dürfen. Es bestehen Systemgrenzen, -strukturen und regeln, denen sich einzelne nicht ohne Weiteres widersetzen können, ohne unter Umständen ihr eigenes Wohlergehen zu gefährden.739 Doch auch das Erlangen von Kompetenzen und die Aneignung des notwendigen Wissens können äußerst herausfordernd sein. Inwieweit Einschränkungen und Opfer oder auch besondere Anstrengungen gefordert werden können, muss situativ entschieden werden.

Diskursprinzip: Schließlich ist Verantwortung im Sinne des dargestellten Verantwortungsmodells auf deliberative Prozesse im öffentlichen Diskurs angewiesen, in dem Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten geklärt, Zumutbarkeiten diskutiert und Verantwortungsgrenzen abgesteckt werden.740 Im Diskurs werden Akteure einerseits zur Verantwortungsübernahme aufgerufen und können sich andererseits hierzu äußern, um die Verantwortung von sich zu weisen oder um auf Notwendigkeiten des Empowerment aufmerksam zu machen, wenn die eigenen Handlungsspielräume zu begrenzt sind.

 
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