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4.4.3.3 Kooperativen und Genossenschaften

Es hat sich im vorangegangenen Absatz gezeigt, dass Formen der Interaktion zwischen Unternehmen und Konsumenten denkbar sind, die über das klassische Anbieter-Nachfrager-Verhältnis hinausgehen und beide Sphären zunehmend integrieren, indem Konsumenten zumindest teilweise an den Produktionsprozessen partizipieren. Konsumenten werden so zu (Co-)Produzenten und -Anbietern. Besonders interessant im nachhaltigen Sinne sind in diesem Zusammenhang Ansätze, bei denen sich vertikale und horizontale Strukturen nicht nur vermischen, sondern zunehmend auflösen und somit die Grenzen zwischen Produktion und Konsum bzw. Angebot und Nachfrage in Frage gestellt werden können:

„Sozial stabil sind nur Versorgungsstrukturen mit geringerer Distanz zwischen Verbrauch und Produktion“ (Paech 2009, S. 29), so etwa Paech. Ansätze hierfür liegen zum Beispiel im kollaborativen Konsum, denn wer auf Ebay sein gebrauchtes Produkt anbietet, wird selber zum Verkäufer. Gleiches gilt für die Vermietung eines Privatzimmers über die Homepage Airbnb. Konsumenten können aber noch viel weiter in die Vertriebs- und Produktionssphäre eingreifen bis zu dem Punkt, dass sie diese „übernehmen“. Grundlage derartiger, in der Regel demokratisch organisierter Modelle sind kooperative und genossenschaftliche Strukturen, die „vor dem Hintergrund der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen neue Bedeutung [gewinnen]“ (Elsen 2012, S. 85).

Konsumgenossenschaftliche Strukturen können sich auf den Einkauf und den Vertrieb von Gütern und Dienstleistungen sowie auf die Produktion selbst beziehen. Generell gelten die großen Genossenschaften in vielen Ländern Europas und vor allem auch in Deutschland seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts als Auslaufmodelle, von denen letztlich nur die überleben konnten, die sich der Marktlogik angepasst haben.882 So scheint der Gedanke der Nachhaltigkeit aus diesem Grund in den traditionellen „großen“ europäischen Konsumgenossenschaften, die in der Regel im Bereich des Einzelhandels anzusiedeln sind, nicht stark vertreten zu sein.883

Potenzial scheint hier dennoch zu liegen. So sehen sich die noch existierenden Genossenschaften selbst als Vorreiter im Bereich Nachhaltigkeit und geben an, sich für den nachhaltigen Konsum engagieren zu wollen. Ein Beispiel ist die European Community of Consumer Cooperatives (Euro Coop), die sich in einem Statement auf ihrer Homepage dazu äußert:

„Sustainability is a core concern of consumer co-operatives as part of their founding principle of concern for community. As enterprises created by consumers for consumers, consumer co-operatives respond to environmental concerns through their product offerings and community initiatives.“884

Allerdings ist das Potenzial genossenschaftlicher Modelle für nachhaltige Aktivitäten von Konsumenten nicht nur in den etablierten und traditionellen großen Genossenschaften zu sehen, die mittlerweile von marktwirtschaftlichen Einzelhandelskonzernen kaum noch zu unterscheiden sind. Sie sind vor allem auch in den vielen verschiedenen, lokalen Initiativen, die ganz im Gegensatz zu ihren großen Vorgängern in den letzten Jahren einen bemerkenswerten Aufschwung zu verzeichnen haben und einer sozial-ökonomischen, „hybriden Mischlogik“ (Elsen 2012, S. 86) folgen, zu erkennen: 885 „Es entstehen Organisationsformen, die transversal zu gesellschaftlichen Systemen sowohl kulturelle, soziale und ökologische, als auch ökonomische Ziele verfolgen, im ökonomischen Bereich agieren, aber Teil der organisierten Zivilgesellschaft sind.“ (Ebd., S. 86 f.)

Ein Beispiel aus dem Lebensmittelbereich sind die FoodCoops, in denen Konsumenten nicht nur Einkaufsgemeinschaften bilden, sondern auch eigene Warenlager mit überwiegend regionalen und ökologischen Produkten unterhalten.886 Dadurch, dass sie gemeinschaftlich für ihre Mitglieder direkt bei den Erzeugern einkaufen, können sie ökologisch und fair hergestellte Lebensmittel zu günstigeren Preisen anbieten als Bio-Supermärkte und können vor allem auch eine Alternative zum Bio-Angebot von Discountern darstellen. Des Weiteren sind auch „Konsumenten-Produzenten-Kooperativen“ (ebd., S. 94) möglich, bei denen sich Erzeuger und Verbraucher zusammenschließen und so gegenseitig die soziale und ökologische Qualität der Produkte einerseits und die Abnahme dieser Produkte andererseits garantieren.887

Genossenschaftsmodelle bzw. gemeinschaftliche Versorgungsmodelle können von Konsumenten nicht nur im Bereich von Einkauf und Vertrieb, sondern auch bei der Produktion eingerichtet werden. Produktionsgemeinschaften unterscheiden sich in der in Kapitel 4.4.2.1 dargestellten Eigenherstellung, denn bei partizipativen Modellen können Konsumenten auf die Unterstützung eines Netzwerks bauen, wodurch einige der individuellen Grenzen überwunden werden können. Das in Abschnitt 4.4.3.1 erwähnte Stadtgärtnern basiert beispielsweise auf dem Gedanken des gemeinsamen Wirtschaftens.888 Doch vor allem im Bereich der regenerativen Stromerzeugung zeigt sich, dass Konsumenten Möglichkeiten haben, bestehende Systemstrukturen zu umgehen und eine eigene Stromversorgung sicherzustellen, die ihren ökonomischen, sozialen und ökologischen Ansprüchen genügt.889 Stichworte, unter denen dieses Phänomen gegenwärtig diskutiert wird, lauten „Dezentrale Energieerzeugung(…)“ (Lell 2010, S. 60) und „‚Energie in Bürgerhand'“ (Elsen 2012, S. 100; Hervorh. im Original). Konsumenten erhalten in Energie oder Betreibergenossenschaften die Möglichkeit, in gemeinsam betriebene Anlagen zu investieren.890 Einzelne Konsumenten reduzieren so ihr Investitionsrisiko, können sich auch mit kleineren Summen an der Stromerzeugung beteiligen und zudem von der gemeinsamen Organisation profitieren. Ein vielfach zitiertes und sicherlich hervorstechendes Beispiel dafür, wie weit kollektives Konsumhandeln in diesem Bereich gehen kann und Konsumenten selber zu Anbietern bzw. Versorgern werden können, sind die Schönauer Stromrebellen. Zunächst aus Sorge um die Gefahren des Atomstroms, doch zunehmend überzeugt von der Wichtigkeit regenerativer Energieversorgung, bemühten sich die Bürger der Stadt Schönau in jahrzehntelanger Lobby-, Überzeugungs- und Protestarbeit erfolgreich um die Übernahme des lokalen Versorgungsnetzes. Die Elektrizitätswerke Schönau sind mittlerweile einer der größten Anbieter von Strom aus regenerativen Quellen in Deutschland.891

Versorgungsgemeinschaften dieser Art stehen folglich für besondere kollektive Fähigkeiten der Konsumenten, die über Kauf und Vertrieb von Produkten hinausgeht und in die Sphäre der Produktion eingreift oder diese sogar ganz übernimmt.

Zusammenfassung und Diskussion

Der Handlungsbereich der vertikalen Integration bezieht sich auf die „Übernahme“ von Wertschöpfungsstufen wie Vertrieb oder Produktion, die traditionell bei Unternehmen angesiedelt sind. Oftmals sind diese Aktivitäten genossenschaftlich organisiert. Der Vorteil liegt darin, dass Konsumenten direkte Mitsprachrechte haben und die Prozesse transparent sind. Allerdings – und dies gilt im Übrigen auch für die interaktive Wertschöpfung (siehe Kapitel 4.4.3.2) – kann der zeitliche, kognitive und auch finanzielle Aufwand mit steigendem Eingriff in die Produktions- und Vertriebssphäre stark zunehmen. Belz und Schrader machen beispielsweise darauf aufmerksam, dass vor allem Lead User an ihrer Studie zur Nutzerintegration engagiert teilgenommen haben und dieses Modell zumindest in der bestehenden Form nicht ohne Weiteres in die Masse übertragbar ist.892

Für die „Übernahme“ vorgelagerter Wertschöpfungsstufen bestehen zudem mitunter große Hürden von Seiten der Industrie, aber auch der Politik: Die Schönauer Stromrebellen haben beispielsweise in einem jahrelangen und aufwändigen Prozess ihre Erfolge erstritten.893 Ein solches Engagement ist, vor allem zu Beginn einer Initiative, sicherlich nicht für jeden Konsumenten denkbar. Ist eine solche Initiative jedoch bereits organisiert, können sich andere Konsumenten mit geringerem Aufwand beteiligen. Diese Aktivitäten könnten zudem gestärkt werden, wenn die traditionellen „großen“ Genossenschaften ihre Tätigkeiten im Bereich der Nachhaltigkeit ausbauen und die Konsumenten in ihrem Engagement unterstützen würden. Außerdem sind die vielfältigen Möglichkeiten der (gemeinsamen) Einflussnahme und der psychologisch positive Effekt bei einer erfolgreichen Durchführung im Hinblick auf den Glauben an die Wirksamkeit des eigenen Handelns zu unterstreichen.894

 
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