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4.7 Zur Rolle des Eigeninteresses

Das Ausfüllen von Verantwortungsräumen je nach Möglichkeiten des Individuums und die Anforderung der Zumutbarkeit vor dem Hintergrund der eben dargestellten Verpflichtungsgrade verweisen auch auf das Verhältnis von Verantwortung und Eigeninteresse. Zwei Anmerkungen hierzu vorweg: Erstens wurde in Kapitel 4.3.4.1 bereits aufgezeigt, dass die Ziele der nachhaltigen Entwicklung durchaus im Interesse der Konsumenten liegen können. Das Problem ist dabei, dass es sich um sehr abstrakte, langfristige (auch kollektive) Interessen handelt, die sich von solchen unterscheiden, die direkt für das Individuum erfahrbar und – kurzfristig – für den Alltag relevant sind. Im Folgenden interessiere ich mich eher für diese zweite Kategorie, bei der jedoch Zielkonflikte mit verantwortlichem Handeln auftreten können. Zweitens scheint es wichtig zu betonen, dass grundsätzlich für die Verfolgung eigener Interessen konsumiert wird und dies auch oberstes Ziel sein sollte. Es kann nicht das Ziel einer Wirtschaftsethik sein, dass Personen für moralische Zwecke konsumieren – das würde die Diskussion ad absurdum führen. Denn dies würde wiederum zu einer gesellschaftlichen Instrumentalisierung des Konsums führen, die gerade nicht der Vorstellung einer nachhaltigen Entwicklung entspricht. Es ließe sich mit Konsum für moralische Zwecke z. B. rechtfertigen, dass Konsumenten durch Mehr-Konsum die Wirtschaft ankurbeln (wie immer wieder politisch gefordert wird), damit keine Arbeitsplätze verloren gehen. Damit wird jedoch die Wachstumslogik perpetuiert und nicht hinterfragt.

Bei der Verantwortung von Konsumenten geht es hingegen um eine Verantwortung beim Konsum und für den Konsum und eine Beachtung der Folgen, die bei der Verwirklichung eigener Interessen durch den Konsum entstehen können. Im Rahmen des Zumutbarkeitsprinzips (siehe Kapitel 4.3.5.2) gilt es dabei, die möglichen Beschränkungen des Eigeninteresses abzuwägen und Konsumenten nicht zu überfordern. Dies wäre beispielsweise mit Sicherheit der Fall, wenn sie objektive Bedürfnisse nicht mehr befriedigen könnten. Die Grenzen und Definitionen sind hier allerdings, so habe ich in Kapitel 2.2.2 argumentiert, nicht eindeutig und ein objektiver Maßstab besteht bisher nicht. Diesbezüglich gilt die individuelle, situative und diskursive Abwägung, die ich in den letzten Kapiteln immer wieder erwähnt habe.

Insgesamt bleibt Konsum dabei eine eigeninteressierte Angelegenheit (inkl. möglicher altruistischer Interessen) – dies ist eine der Grundprämissen für das Verhältnis von Konsum und Moral. Menschen sollen langfristig ihre Bedürfnisse „ruhigen Gewissens“ befriedigen können. Damit ist die Zielkonformität zwischen Eigeninteresse und Moral nicht nur nicht moralisch „falsch“, sondern sogar erwünscht.949 Moral und Eigeninteresse müssen keineswegs in Konflikt zueinander stehen, damit ein verantwortliches Handeln auch tatsächlich verantwortlich ist. Zwei Konzepte sollen im Folgenden als Beispiele hierfür angeführt werden.

 
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