< Zurück   INHALT   Weiter >

Motivallianzen

Motivallianzen liegen dann vor, wenn ein eigeninteressiertes Motiv das gleiche Handlungsergebnis begünstigt, das bei einem verantwortlichen Konsumentenverhalten zu erwarten wäre.950 „Beispiele hierfür sind biologische Lebensmittel, die gesund und schmackhaft sind, oder Hybridautos, die wirtschaftlich sind und einen bestimmten Lebensstil versprechen.“ (Belz 2006, S. 229) Kann das Handeln des Konsumenten bei Vorliegen einer Motivallianz noch als moralisch verantwortlich bezeichnet werden? Die Antwortet lautet: Es kommt darauf an. Grundsätzlich ist es begrüßenswert, wenn es Anreize wie die eigene Gesundheit gibt, die es Menschen erleichtern, verantwortlich zu konsumieren.951 Verantwortlicher Konsum muss nicht schwerfallen, damit er verantwortlich ist, ganz im Gegenteil. Auch weist unter anderem Micheletti darauf hin, dass viele politische Konsumentenbewegungen ihren Ursprung in eigeninteressierten Motiven haben, beispielsweise hinsichtlich der Sicherheit von Produkten oder irreführender Werbung.952 Das Eintreten für eigene Interessen könne dabei zu einem „Türöffner“ für ein weitergehendes Engagement sein, das auch die Interessen anderer Akteure im Blick hat und sich für diese einsetzt. Als Beispiel hierfür kann erneut auf die Schönauer Stromrebellen verwiesen werden, die ihre „rebellischen“ Aktivitäten ursprünglich aufgrund der Sorge um die Gesundheit ihrer Familien als Reaktion auf die Tschernobyl-Katastrophe begannen und mittlerweile vor allem auch für den Klimaschutz eintreten. Motivallianzen können somit sehr wünschenswert sein, da sie helfen, Menschen zu mobilisieren.

Hinsichtlich des Beispiels der ökologischen Lebensmittel wird der Fall in moralischer Hinsicht interessant, wenn bekannt wird, dass ökologisch hergestellte Produkte gar nicht gesünder sind als konventionelle.953 Hören dann vormals ökologische Käufer auf, die Produkte zu kaufen, ist anzunehmen, dass sie sich ihrer Verantwortung möglicherweise nicht bewusst gewesen sind und ihr Handeln allein an ihrem (kurzfristigen) Eigeninteresse ausrichten. Für eine nachhaltige Entwicklung wäre ein solches Verhalten problematisch und in moralischer Hinsicht wäre – wenn ansonsten keine Zumutbarkeitseinwände gegenüber einem Kauf von ökologischen Produkten bestehen – zu fordern, dass Motivallianzen zwar erstrebenswert und förderungswürdig sind, die Nachhaltigkeitsziele jedoch nicht aus dem Blick geraten dürfen.954

 
< Zurück   INHALT   Weiter >