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4.8 Fazit 3: Consumer Social Responsibility

Aus den vorangegangenen Analysen kann nun ein erneutes Fazit hinsichtlich der Verantwortungsrolle der Konsumenten am Markt gezogen werden, das die unterschiedlichen Handlungsoptionen integriert.

Mit Bezug auf den normativen Rahmen einer nachhaltigen Entwicklung kann eine Consumer Social Responsibility definiert werden als eine moralische Verantwortung für nachhaltiges Konsumieren und Produzieren, die Konsumenten sich mit anderen, am Markt beteiligten Akteuren teilen und die neben einer rechtlichen Verantwortung und einer Verantwortung für das eigene gelingende Leben (siehe S. 150) auch eine politische Verantwortung umfasst, jedoch über diese hinausgeht. Konkret stellt sich diese Verantwortung als offener Verantwortungsraum dar, der eine individuelle Interpretationsleistung des einzelnen Konsumenten angesichts der eigenen Handlungsspielräume verlangt. Dieser Verantwortungsraum umfasst vier Bereiche: Konsumenten tragen die Verantwortung,

Ÿ sich über die Umstände von Produktion und Konsum zu informieren und soziale oder ökologische Risiken systematisch in Konsumentscheidungen einzubeziehen

Ÿ eigene Konsummuster, die zu ökologischen und sozialen Schäden des marktwirtschaftlichen Systems beitragen, zu ändern oder, wenn möglich, zu unterlassen

Ÿ marktwirtschaftliche Strukturen durch Beeinflussung von und Kooperation mit anderen Konsumenten (horizontal) und Unternehmen (vertikal) aus dem System heraus zu verändern und

Ÿ marktwirtschaftliche Strukturen durch ein Engagement für die Schaffung von Rahmenregeln, die ein verantwortliches Handeln am Markt erleichtern, sowie die Beteiligung am öffentlichen Diskurs über nachhaltigen Konsum zu verändern.

Diese Verantwortung beruht zum einen auf der individuellen Schadensbeteiligung des Konsumenten und zum anderen auf seiner kollektiven Beteiligung an den sozialen Strukturen, die systematisch negative ökologische und soziale Effekte bewirken. Das größte Potenzial der Konsumentenverantwortung liegt in einer Kollektivierung der Verantwortung, indem Konsumenten mit anderen Konsumenten einerseits und mit Unternehmen anderseits gemeinsam die Veränderung von Strukturen anstoßen.

Neben der grundlegenden Bestimmung der ConSR wurden in diesem Kapitel auch die Instanzen, die Verpflichtungsgrade und die Beziehung der Konsumentenverantwortung zum Eigeninteresse thematisiert:

Ÿ Als Instanzen der ConSR kommen das eigene Gewissen und die eigene Vernunft, die Politik, Unternehmen, andere Konsumenten sowie die unterschiedlichen Stakeholder in Betracht. Diese können die Verantwortungsübernahme von Konsumenten fordern und fördern. Nur teilweise bestehen dabei auch Sanktionsmöglichkeiten. Letztinstanz ist der öffentliche Diskurs, in dem Verantwortungsobjekte, Zuständigkeiten und Zumutbarkeiten verhandelt werden.

Ÿ Für die ConSR lassen sich apodiktische, assertorische und problematische Verpflichtungsgrade bestimmen, die sich jedoch teilweise überschneiden. Der Grund für diese Überschneidung liegt vor allem darin, dass etwa politische Handlungen, die der assertorischen Verantwortung zugerechnet werden können, unter Umständen Einzelhandlungen auf der apodiktischen Ebene ersetzen müssen, wenn diese an ihre Grenzen stoßen. Damit erhalten auch die politischen Handlungen eine apodiktische Färbung.

Ÿ Hinsichtlich der Beziehung von Verantwortung und Eigeninteresse des Konsumenten ist festzuhalten, dass beide entweder kurzfristig (Motivallianzen) oder langfristig (Tugendethik) harmonieren können. Diese Harmonie sollte Ziel langfristiger Nachhaltigkeitsbemühungen sein. Bestehen jedoch Widersprüche, ist der Konsument aufgefordert, diese zu reflektieren und sich, soferen es zumutbar ist, gegen sein Eigeninteresse zu entscheiden.

Die Neigung, in kollektiven Handlungskontexten Verantwortung von sich zu weisen, trifft auch auf Konsumenten zu. Ein Problem besteht dabei nicht nur in der Ablehnung der „Verantwortungslast“ bzw. der damit einhergehenden Konsequenzen für das eigene Leben, sondern auch in einem fehlenden Glauben an die Wirksamkeit des eigenen Handelns angesichts der globalen und komplexen Problemlagen. Vor allem ist es fraglich, inwieweit Konsumenten die moralische Tragweite ihrer Handlungen tatsächlich bewusst ist und sie sich selbst als potenzielle Verantwortungsträger wahrnehmen. Hieraus folgt, dass eine Unterstützung des verantwortlichen Konsums sowohl bei seiner Forderung als auch bei seiner Förderung ansetzen muss.

Hinsichtlich der Forderung ist es dann notwendig, Konsumenten als Verantwortungssubjekte zuallererst zu adressieren, um ihnen den moralischen Kontext und ihre Rolle darin bewusst zu machen bzw. sie mit dem unkonventionellen moralischen Kontext zu konfrontieren.961 Young zufolge ist es dabei es auch wichtig, die negative Rolle anzusprechen, die Konsumenten im Zusammenhang mit globalen Schädigungen spielen, auch wenn es nicht darum geht, ihnen die Schuld zuzuschreiben: „The responsible stance of those with a primary interest in undermining injustice is not to blame the powerful, the ones in whose interest it is to perpetuate the structures, but rather to publicly hold them to account.“ (Young 2013, S. 149)962

Gleichzeitig gilt es, den Glauben an diese Rolle im Rahmen der Förderung zu stärken. Hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang wieder der Dialog über Verantwortung, in dem nicht nur deutlich gemacht wird, dass Konsumenten nicht im Alleingang die Welt retten sollen, sondern dass sie gemeinsam mit anderen Akteuren dazu aufgerufen sind, einen Beitrag zu einer nachhaltigeren Zukunft zu leisten. Isaacs zufolge kann dies ein wichtiger Schritt sein, um ein Verständnis für die eigene Rolle zu entwickeln und diese auch zu akzeptieren. Auch ergeben sich neue Handlungsmöglichkeiten, wenn die individuelle Sicht verlassen und die kollektive Perspektive eingenommen wird:963 „[W]hen individuals see themselves as potentially effective parts of a powerful whole, moral possibilities expand“ (Isaacs 2011, S. 7 f.). Insgesamt kann sich so die Verantwortungskultur entwickeln, die in Kapitel 3.2.2.2 als wichtige Grundlage für die Übernahme von Verantwortung angesprochen wurde.

Erneut ist also die zentrale Rolle des Diskurses über Konsum und Verantwortung zu unterstreichen. Im nächsten Kapitel, das die Ergebnisse meiner empirischen Analyse abbildet, werden Fragmente bzw. beispielhafte Linien eines solchen Diskurses im Bedarfsfeld der Ernährung für den Klimaschutz nachgezeichnet.

 
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