< Zurück   INHALT   Weiter >

Erster Codierdurchgang: Selektion der Attributionsaussagen

Wie in Kapitel 3.2 ausgeführt, besteht Verantwortung nicht „von Natur aus“, sondern ist „ein charakteristischer Fall für normative Interpretationskonstrukte“ (Lenk 1994, S. 242). Es muss also einen Akteur geben, der diese Interpretation durchführt und somit Verantwortung zuschreibt. Im Hinblick auf diesen sozialen bzw. kommunikativen Aspekt der Verantwortungsattribution definieren Gerhards, Offerhaus und Roose eine Attributionstrias als für den ersten Codierdurchgang grundlegendes Schema zur Erfassung von Attributionsaussagen: Ein Attributionssender schreibt demnach einem Attributionsadressaten im Hinblick auf einen Attributionsgegenstand Verantwortung zu.986 Die Rolle des Attributionssenders besteht in der Aktivierung des Verantwortungsprozesses im Einzelfall. Er bringt die allgemeine Norm somit in konkreten Handlungssituationen zur Anwendung.987 Dabei kommen als Attributionssender jeweils abstrakte Akteursgruppen wie zum Beispiel die öffentliche Meinung, die Wissenschaft, die Politik oder die Wirtschaft in Frage. Sie können jedoch auch konkret benannt werden, wenn ein bestimmter Wissenschaftler oder ein bestimmter Politiker als Sender auftritt.988

Gerhards, Offerhaus und Roose teilen die Attributionsaussagen außerdem in Kausalattributionen und Zuständigkeitsattributionen ein. Diese Einteilung entspricht, wenn auch vereinfacht, der grundlegenden Bipolarität des Verantwortungskonzepts, wie sie in Kapitel 3.1.2.1 dargestellt wurde. Kausal- und Zuständigkeitsattribution können darüber hinaus entweder zuoder zurückgewiesen werden sowie faktischen oder prognostischen Charakters sein. Zudem kann eine Bewertung der Aussage stattfinden: Bei der Kausalattribution ist dies eine positive, eine negative oder eine ambivalente Bewertung, bei der Zuständigkeitsattribution eine positive oder ambivalente.989

Bei Zuständigkeitsattributionen macht es im Gegensatz zu Kausalattributionen weniger Sinn, sie entweder als faktisch oder als prognostisch zu beschreiben, da sie grundsätzlich immer eine Anspruchshaltung (oder die Zurückweisung eines Anspruches) ausdrücken. Gerhards, Offerhaus und Roose beschreiben sie daher immer als faktisch. Und auch die negative Bewertung einer Zuständigkeitsattribution scheint ein ausschließbarer Fall zu sein: „Stattdessen entspricht der negative Fall der Zurückweisung einer Zuständigkeitsattribution“ (Gerhards/Offerhaus/Roose 2007, S. 115). Eine ambivalente Beurteilung ist hingegen möglich, wenn das Für und Wider der Zuständigkeit eines Akteurs abgewogen wird.990

Für die vorliegende Arbeit wurden vor allem Zuständigkeitsattributionen in den Blick genommen und Kausalattributionen nur insofern, als sie relevant für die Zuständigkeitsattributionen waren, wodurch das Schema stark verkürzt wurde. Die Attributionsaussagen wurden den Attributionssendern wie folgt zugeordnet: Wurde die Meinung eines anderen Attributionssenders als des Verfassers des Artikels wiedergegeben, wurde dieser als Attibutionssender angegeben. Nahm der Autor allerdings zu dieser Meinung Stellung, wurden zwei Attributionsaussagen codiert. Wurde allgemein von „man“ gesprochen bzw. ein Attributionssender nicht definiert, die Aussage aber auch nicht als eigene Meinung des Autors dargestellt, wurde entweder der logisch schlüssige Attributionssender interpretiert oder die Aussage wurde der Gruppe der „Überzeugten“ bzw.

„Nichtüberzeugten“ zugeordnet, da der Autor die Meinung dieser zwar diffusen, aber existenten aggregierten Gruppe wiedergab.991 Darüber hinaus wurden auch Beispiele einer bereits stattgefundenen Umsetzung von Verantwortung als Zuständigkeitsattribution gewertet, wenn deutlich war, dass diese auf einer Selbstzuschreibung des Akteurs oder auf einer Anerkennung der eigenen Zuständigkeit beruhte. Die Bewertung der Aussagen spielte für die Selektion der Attributionsaussagen zunächst eine untergeordnete Rolle. Auf diese wurde vor allem im zweiten Codiergang Wert gelegt, da die Einbettung der Aussage in den Kontext des Gesamtartikels einbezogen wurde. So ist es beispielsweise möglich, dass ein Sender eine positive Attributionsaussage trifft, Konsumenten also eine Zuständigkeit zuschreibt, ein anderer Sender diese zurückweist und der Redakteur wiederum zu einem eigenen, evtl. ambivalenten Fazit kommt.

 
< Zurück   INHALT   Weiter >