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Zweiter Codierdurchgang: Analyse der Bedeutungskontruktionen von Verantwortung

Das Ziel des zweiten Codierdurchlaufs war es, die Bedeutungskonstruktionen der Verantwortung im Hinblick auf allgemeine Sinnzusammenhänge zu erfassen. Ein solches Vorgehen ist in der Attributionsforschung selten: Es überwiegen schematische Modelle oder Befragungen in Laborsituationen zu erfundenen Fällen, bei denen hinsichtlich der Bedeutung von Verantwortung kein Interpretationsraum gegeben ist.992 Dies ist insofern als Lücke zu bezeichnen, als dass das Verständnis und vor allem die Begründung der zugeschriebenen Verantwortung auf diese Wiese nicht erfasst werden. Eine gerechtfertigte Verantwortungszuschreibung, so habe ich in Kapitel 3 und 4 betont, muss jedoch gut begründet sein, wenn sie akzeptiert und verhaltenswirksam werden soll. Aus diesem Grund sind auch die Argumente, die für oder gegen eine Verantwortung sprechen bzw. diese stärken oder schwächen, zentral.

Insbesondere ging es um:

Ÿ die Herleitung der Zuständigkeit von Konsumenten (und Unternehmen),

d. h. die moralische Begründung dafür, dass sie aufgerufen werden, positive Verantwortung für eine Veränderung des Status Quo zu übernehmen

Ÿ das Verständnis von Verantwortung, das den Attributionen zugrunde gelegt wurde, z. B. hinsichtlich der Unterscheidung von individueller und kollektiver Dimension

Ÿ die Einbettung dieser Attribution in Schwierigkeiten und Hindernisse einerseits und in Vorteile bzw. positive Nebeneffekte andererseits sowie

Ÿ die wechselseitigen Beziehungen zwischen der Konsumenten- und der Unternehmensverantwortung.

Diese Aspekte stellen letztlich erst den moralischen Kontext im Zusammenhang mit einer Zuschreibung von Verantwortung her, denn sie weisen auf das grundlegende Verständnis der Problemzusammenhänge, der Rollenverteilungen und der Lösungsperspektiven des Sprechers hin, in die die Attributionsaussagen eingebettet sind. Der Sprecher muss dabei nicht zwingend auch der Attributionssender sein, sondern kann auch der Verfasser des Textes sein, der seine Argumentation vor dem Hintergrund eines bestimmten Ausgangsverständnisses aufbaut. Somit wurde die Analyse wieder über die Einheit der einzelnen Attributionsaussage hinaus auf den gesamten Artikel ausgeweitet.

Die vor allem in Kapitel 4 entwickelte Theorie stellt den Analyserahmen dar, der mittels einer qualitativen Inhaltsanalyse aus dem Material „gefüllt“ wurde.993 Die so gefilterten Inhalte wurden wiederum mit Bezug auf die Theorie interpretiert, wodurch eine induktive Konkretisierung und Ausdifferenzierung für das Verantwortungsfeld „Ernährung und Klimaschutz“ erreicht wurde.994 Die Zuschreibungen von Verantwortung konnten auf diese Weise als Teil des sozialen Normfindungsprozesses erschlossen werden.995

Bevor ich die Ergebnisse dieser Analyse in den nächsten Kapiteln darstelle, möchte ich noch eine Anmerkung hinsichtlich der Quantitäten machen, die bei der Selektion von Attributionsaussagen automatisch entstehen. So konnte beispielsweise 38 Mal die Attribution an Konsumenten, regionale Produkte zu kaufen, identifiziert werden. Diese konnte wiederum vier Mal der Sendergruppe „Wissenschaftler“ zugeordnet werden. Diese Quantitäten werden im Folgenden lediglich dahingehend interpretiert, dass bestimmte Attributionsinhalte aufgrund der häufigen Nennung eine besondere Relevanz bei der Bedeutungskonstruktion in den Artikeln haben. Ich gebe diese Häufigkeit eines bestimmten Attributionsthemas daher jeweils als Zahl im Text oder in Klammern an. Aus mehreren Gründen muss mit einer Interpretation der Zahlen, abgesehen davon, dass es sich nicht um eine quantitative Analyse handelt, vorsichtig umgegangen werden:

Ÿ Bei manchen Zuschreibungen sind vielfältige Ausdifferenzierungen möglich. So kann Konsumenten allgemein eine klimabewusste Ernährung zugeschrieben werden oder aber konkret der Kauf von regionalen und saisonalen Produkten. Alle drei Varianten wurden jeweils einzeln als Attribution gewertet, obwohl die klimabewusste Ernährung eine übergeordnete Kategorie darstellt, die die anderen umfasst.

Ÿ Eine ähnliche, doch noch gravierendere Schwierigkeit ergibt sich bei einer Auswertung nach Attributionssendern. So werden in manchen Artikeln etwa fünf verschiedene einzelne Unternehmen genannt, die Konsumenten Verantwortung für einen klimafreundlichen Einkauf zuschreiben. Es wurden somit fünf Attributionsaussagen gewertet. In einem anderen Artikel ist hingegen die Rede von „Unternehmen“ als abstrakte Gruppe – diese umfasst entsprechend wesentlich mehr Unternehmen als fünf, kann jedoch im Gegensatz zum ersten Beispiel nur einmal gewertet werden. Auch ist es ein Unterschied, ob eine Organisation wie Greenpeace Verantwortung zuschreibt oder ein einzelner Zeitungsleser in einem Leserbrief.

Der Schwerpunkt liegt insgesamt auf den Inhalten der Zuschreibungen, nach denen die folgende Darstellung auch gegliedert ist. In den Tabellen K-1 bis K-5 und U-1 bis U-10 („K“ steht dabei für Konsument und „U“ für Unternehmen) im Anhang sind den verschiedenen Attributionsthemen jeweils die Sender mit den entsprechenden Häufigkeiten zugeordnet.996

 
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