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5.4.1.2 Einkauf/Übergang vom Anbieter zum Konsumenten

Mit „Einkauf“ wird hier die Tätigkeit des Konsumenten bezeichnet, Lebensmittel in einem Geschäft bzw. Supermarkt, auf einem Hof, online oder auf andere Weise zu besorgen, um seinen täglichen Eigenbedarf zu decken. In der SZ wird in diesem Zusammenhang festgestellt: „Vor allem der Klimaschutz ist einer der zentralen Punkte für all jene, die beim Einkauf auf die Umwelt achten wollen.“1022 Als Verantwortung der Konsumenten wird als allgemeine Aufforderung formuliert, dass sie ihre Marktmacht bewusst für den Klimaschutz einsetzen sollen. Ein Leser etwa spricht von einer „ungeahnte[n] Macht“1023, die die Konsumenten nutzen sollten. Auch der Bundesverband der Regionalbewegung verweist darauf, dass die „Verbraucher (...) ihre Macht erkennen [sollen]“1024. Abgesehen von diesen generellen Aussagen1025 finden sich jedoch auch genaue Hinweise, wie Konsumenten klimafreundlich einkaufen können und sollen. Dazu gehören nicht nur die Wahl bestimmter Produkte, sondern auch Alternativen zum Einkauf und Aktivitäten, die um den Einkauf herum gelagert sind, wie beispielsweise die Fahrt oder der Gang zum Supermarkt. Insgesamt ließen sich vier Hauptbereiche ausmachen, in denen Konsumenten in der FAZ und in der SZ rund um das Thema Einkauf prospektive Verantwortung zugeschrieben wurde:

a) die Wahl von Produkten, b) weitere Produktmerkmale, c) Aspekte der Einkaufstätigkeit und d) Alternativen zum Einkauf.

Als wichtigste Attributionssender treten in diesem Bereich die Redakteure der Zeitungen, Konsumenten und Bürger selbst, zivilgesellschaftliche Organisationen wie die Internetseite Utopia und die Wissenschaft auf.1026

Die Wahl von Produkten

Im Bereich „Auswahl von Produkten“ ging es den Attributionssendern vor allem um die Auswahl von Produkten, die in ihrer Herstellung möglichst wenig klimaschädliche Treibhausgasemissionen verursachen. Hierzu zählen regionale Produkte, außerdem saisonale und ökologische Lebensmittel. Unter den Attributionssendern sind zivilgesellschaftliche Akteure wie die Bewegungen Slow Food, Transition Towns und der Bundesverband der Regionalbewegungen hervorzuheben, da diese sich insbesondere der Förderung regionalwirtschaftlicher Strukturen widmen.

So ist der Kauf regionaler Lebensmittel mit 43 Attributionen die meistgenannte Kategorie in diesem Bereich. Es fallen dabei auch Begriffe wie „heimische“ oder „lokale“ Produkte.1027 Besonders hervorgehoben wird von einer Redakteurin der FAZ die Dringlichkeit, auf eingeflogene Lebensmittel zu verzichten,1028 wie sie im Rahmen eines Selbstversuchs am Beispiel eingeflogener Ananas deutlich macht:

„Ananas sind jetzt tabu. Die esse ich für mein Leben gern, aber das kann ich mir jetzt nicht mehr leisten. Nicht wegen der drei Euro, die diese Vitaminbomben kosten. Sondern weil der Obstmann sie aus Sri Lanka einfliegt. Mit dem Transportmittel, das die Atmosphäre am meisten belastet - und auch meine Umweltbilanz. Die will ich verbessern. Ich bin auf CO2-Diät.“1029

In engem Zusammenhang mit dem Kauf regionaler Produkte steht der Kauf saisonaler Produkte (15), wobei auch beide, also regionaler und saisonaler Kauf, zusammen genannt werden (7).1030 Das liegt daran, dass beispielsweise regionales Obst und Gemüse, das außerhalb der Saison angebaut wird, in der Regel im Gewächshaus und daher unter sehr hohem Energieaufwand gezüchtet wird: „Die Saisontomate aus dem Bio-Landbau verursacht 250-mal weniger Treibhausgase als das heimische Gewächshaus-Pendant“.1031 Der Klimavorteil des regionalen Kaufs ginge somit verloren. Schließlich wird der Kauf ökologisch hergestellter Lebensmittel nahegelegt (16),1032 da „die Bio-Landwirtschaft laut dem Umweltbundesamt wesentlich weniger fossile Energie als die konventionelle [verbraucht]“.1033 Auch hier sind es vor allem die Konsumenten selbst, die über den Kauf ökologischer Produkte Verantwortung für den Klimaschutz übernehmen wollen.1034 Insgesamt gilt allerdings auch bei Ökoprodukten, dass sie besonders dann zum Klimaschutz beitragen, wenn sie regional und saisonal produziert werden.1035 Deshalb heißt es auch in der SZ: „Regional, saisonal und biologisch – diese Faustregel legt die Broschüre ‚Der Nachhaltige Warenkorb' den Verbrauchern nahe, die nachhaltig konsumieren, sich gesund und umweltbewusst ernähren wollen.“1036 Als konkrete Handlungsempfehlung wird im Hinblick auf regionale, saisonale und ökologische Produkte die Bestellung einer Biokiste empfohlen.1037 Konsumenten werden zudem dazu aufgefordert, beim Einkauf die Klimabilanz eines Produktes insgesamt im Blick zu haben und – so das ÖkoInstitut Freiburg – solche Produkte zu wählen, die über ihren Lebensweg eine möglichst geringe Klimaauswirkung aufweisen.1038

Das kann unter Umständen ein Abweichen von der Regel „regional, saisonal, ökologisch“ bedeuten. Zum Beispiel haben Berechnungen an der Cornell University in Ithaca, New York, ergeben, dass die umweltfreundlichere Produktion von Lammfleisch in Neuseeland die Emissionen des Transports überkompensiert, dass neuseeländisches Fleisch also klimaverträglicher ist als regionales.1039

In Großbritanniens Tesco-Supermärkten werden die Konsumenten durch ein Siegel auf die Emissionen von Produkten aufmerksam gemacht und dazu ermuntert, diejenigen mit den geringsten Werten zu erwerben.1040 Laut „Jürgen Resch, Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe (DUH)“, fragen auch die Konsumenten selbst „‚(…) konkret nach klimafreundlichen Produkten'“1041.

Weitere Produktmerkmale

Neben Transport und Herstellungsart können auch noch andere Produkteigenschaften eine Rolle für die Klimabilanz spielen. Zum Beispiel wird angesprochen, dass Verbraucher möglichst „aufwendig verpackte (...) Produkte meiden“ sollten.1042 Die Frage der Verpackung kommt vor allem auch im Zusammenhang mit Mineralwasser auf: „Auch Mineralwasser trinkt sich umweltfreundlicher aus der Mehrwegflasche als aus Plastikflaschen vom Discounter“.1043 Insgesamt sei aber Leitungswasser zu empfehlen, da es gar keiner Verpackung bedürfe und auch der Transport in ökologischer Hinsicht vernachlässigbar sei.1044

Aspekte der Einkaufstätigkeit

Neben der Wahl bestimmter klimafreundlicher Produkte spielt der Weg zum Supermarkt und zurück eine Rolle bei den Verantwortungsattributionen im Rahmen des Einkaufs und wird von Wissenschaftlern, Claudia Langer von Utopia, Unternehmen und Redakteuren erwähnt.1045 Es geht vor allem darum, Einkaufsfahrten in der näheren Umgebung mit dem Fahrrad oder zu Fuß anstatt mit dem Auto zu erledigen.1046 Diesem Aspekt misst ein Redakteur der FAZ sogar eine größere Relevanz bei als der Produktwahl: „Experten sagen: Wie wir einkaufen, ist viel entscheidender, als was wir kaufen. Wäre es nicht wichtiger, zum Supermarkt zu radeln, als auf Fleisch zu verzichten?“1047

In den Zeitungsartikeln konnten zudem Zuschreibungen hinsichtlich einer Teilnahme an organisierten Konsumaktivitäten, den sogenannten Carrotmobs, identifiziert werden.1048 In der FAZ findet sich beispielsweise ein Interview mit Christoph Harrach, Initiator der Internetplattform Karmakonsum1049 und Organisator einiger deutscher Carrotmobs.1050 Das Thema wird einige Monate nach dem Interview in einem Bericht wieder aufgegriffen. Hier wird besonders betont, dass es sich nicht um eine Bestrafung von Unternehmen, sondern um eine positive Unterstützung handelt.1051 So argumentiert auch die SZ: Die Belohnung sei „aussichtsreicher“ als wenn „böse Handelsketten böse boykottiert“ würden.1052

Insgesamt sind es vor allem die Organisatoren der Carrotmobs selbst, die andere Konsumenten dazu auffordern, sich an diesen zu beteiligen.1053

Alternativen zum Einkauf

Schließlich gehören zum Bereich des Einkaufs von Lebensmitteln auch seine Alternativen. Eine spezielle Gruppe bilden dabei die Verbraucher, die sich entschlossen haben, im eigenen Garten ihr Obst und Gemüse selbst anzubauen und nur die Dinge, die sie darüber hinaus benötigen, „beim Biohändler oder beim Bauern um die Ecke“1054 zu kaufen. Dieser Gruppe wird in der FAZ eine bedeutende Rolle zugeschrieben, ist doch der sogenannte „Biogarten“ der „beliebteste Garten [unter den Freizeitgärtnern; I. S.], noch vor dem Küchengarten.“1055

Auch in der SZ wird beobachtet: „In London oder San Francisco legen immer mehr Bürger urbane Gärten an.“1056 Bei den urbanen Gärten organisieren sich Bürger in Gemeinschaftsprojekten, um gemeinsam ihr Obst und Gemüse zu produzieren. Dies gehört laut SZ zu den Strategien der sogenannten Transition Towns, die sich gemeinschaftlich für eine regionale Wirtschaft einsetzen.1057 Zum Beispiel ist man in Totnes, einem kleinen Ort in Großbritannien, „überzeugt davon, dass schon die ‚Transition' von kleineren Gartenflächen ausreicht, in der Stadt künftig tonnenweise heimisches Gemüse zu produzieren.“1058

Überdies wird nicht nur von amerikanischen Wissenschaftlern darauf hingewiesen, dass Konsumenten nicht mehr kaufen sollten, als sie benötigen:

„'Überdenken Sie Ihre Bedürfnisse, und verringern Sie unnötige Einkäufe. (...)'“1059 Ebenso sieht die damalige Landwirtschafts- und Ernährungsministerin Ilse Aigner (CSU) dies als einen Weg, um unnötige Emissionen im Ernährungsbereich zu vermeiden.1060

 
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