< Zurück   INHALT   Weiter >

5.6 ConSR und CSR für den Klimaschutz im Bedarfsfeld Ernährung

In den vorangegangenen Kapiteln haben sich deutliche Zuschreibungsmuster an Konsumenten und Unternehmen herauskristallisiert. Den Akteuren wird dabei eine spezifische Verantwortung zugeschrieben, die zunächst auf ihren direkten kausalen Einflussbereich Bezug nimmt.

Konsumenten wird vorrangig eine Verantwortung dafür zugeschrieben, die eigenen Ernährungsgewohnheiten und vor allem den Konsum tierischer Produkte zu überdenken und zu reduzieren. Darüber hinaus sollen sie beim Einkauf auf Regionalität, Saisonalität und ökologische Herstellung achten, möglichst nicht mit dem Auto zum Einkaufen fahren, die Lebensmittel energieeffizient aufbewahren und zubereiten und schließlich möglichst wenig wegwerfen. Während Einkaufsfahrt, Aufbewahrung und Zubereitung direkt im Haushalt stattfinden und die Auswirkungen entsprechend auch dort anfallen, wird beim (Nicht-)Kauf eine Auswirkung auf die Unternehmenssphäre impliziert: Es wird vorausgesetzt, dass eine Reduktion des Fleischkonsums auch zu einer Reduktion der Fleischproduktion und ein verstärkter Kauf von ökologisch hergestellten Produkten auch ein entsprechendes Angebot generiert. Über diese Zusammenhänge wird kaum reflektiert, obwohl diese direkte Kausalität unter Umständen durchaus in Frage gestellt werden könnte, wie insbesondere die Diskussion um die Konsumentensouveränität (siehe Kapitel 4.1) zeigt. Unternehmen sollen hingegen Treibhausgasemissionen in der Produktion möglichst reduzieren: Dies gilt sowohl für die Landwirtschaft als auch für die Industrie, die Gastronomie und die Logistik.

Diese Form der Verantwortungszuschreibung wird oftmals nicht weiter aufeinander bezogen. In 18 der 49 Artikel, in denen sowohl die Verantwortung von Unternehmen als auch die von Konsumenten Erwähnung fand, wurde lediglich auf die jeweilige Verantwortung in der jeweils „eigenen“, also in der Konsumoder in der Produktionssphäre, verwiesen.1387 Konsumenten sollen ihren Fleischkonsum reduzieren und die Landwirte die Anbau- und Tierzuchtmethoden verbessern.1388

Allerdings wurden auch viele Fälle angesprochen, bei denen ConSR und CSR in die jeweils andere Sphäre hineinreichen. Dies ist zum einen dann der Fall, wenn die eigenständige Verantwortungsübernahme an Grenzen stößt und vom „Mitspielen“ des anderen Parts abhängig ist oder wenn durch den eigenen Einfluss auf die andere Seite die Verantwortungsübernahme gefordert und gefördert werden kann. Unternehmen sollen Konsumenten etwa durch Informationen und nachhaltigere Produktalternativen zu verantwortlichen Entscheidungen animieren bzw. diese erleichtern,1389 während Konsumenten durch ihre Nachfrage die Bemühungen der Anbieter in den Produktionsprozessen unterstützen und zum Beispiel Haushaltsgeräte und Küchensysteme entsprechend der effizienten Technologie stromsparend nutzen sollen.1390

Beiden Akteuren wird somit nicht nur Verantwortung für das eigene Handeln zugeschrieben, sondern auch dafür, dass der andere Part seine Verantwortung übernehmen kann. Entsprechend der in Kapitel 4.3.6 dargestellten Verantwortungsbeziehung wird dabei zum einen auf die Sanktionsmacht der Konsumenten gegenüber den Unternehmen1391 sowie auf die Experten- und Informationsmacht der Unternehmen gegenüber Konsumenten Bezug genommen.1392 Im Fall der Haushaltsgeräte können Stromkonzerne etwa als Mittler zwischen den Stufen des Produktlebenszyklus agieren und die sparsame Nutzung bei den Konsumenten durch Informationen oder intelligente Stromzähler unterstützen.1393

Selten werden Win-win-Möglichkeiten angesprochen. Diese werden lediglich bei den Carrotmobs hervorgehoben: „So belohnen die Kunden die Unternehmen, die sich gegen den Klimawandel engagieren. (...) So macht Protest wieder Spaß.“1394 Gerade beim Kauf von Produkten mit einem Vorteil für Konsumenten (siehe Kapitel 5.4.2.2) – auch hier sind wieder die sparsamen Haushaltsgeräte ein Beispiel – lassen sich diese Verbindungen jedoch herstellen: Während die Unternehmen der Elektrobranche neue Produkttechnologien vermarkten können, haben Konsumenten die Möglichkeit, durch den geringeren Stromverbrauch Geld zu sparen.

Hervorzuheben sind des Weiteren Lösungsansätze, die auf potenzielle Systemveränderungen abzielen. Diese konnten beim Strommarkt und den Initiativen für eine Kreislaufwirtschaft gefunden werden. Es handelt sich hierbei um Lösungswege, die über bekannte Marktlösungen hinausgehen und die auf das Mitwirken beider Parteien angewiesen sind. Im Bereich des Stromsparens in den Haushalten – und hier vor allem im Rahmen der Diskussion um die Installation eines intelligenten Stromzählers – wird betont, dass die Verbindung zwischen Stromanbieter und Kunden über die jährliche Stromrechnung hinaus auf einer dauerhaften Rückkopplung bestehen muss, die Stromerzeugung und -verbrauch miteinander in Beziehung setzt. Dies könne von Seiten der Stromkonzerne durch Beratung und intelligente Stromzähler erfolgen (siehe S. 363 f.). Kunden könnten durch ihr Nutzerverhalten den Ausbau regenerativer Energie fördern, indem sie etwa ihre Spülmaschine dann anschalteten, wenn die mit regenerativer Energie gespeisten Netze nicht ausgelastet seien und so keine Kohlekraftwerke hinzu geschaltet werden müssten. Es wäre sogar möglich, die Steuerung dieser Abstimmung dem Anbieter zu überlassen.1395 Wenn Konsumenten Strom sparen, bedeutet dies für die Konzerne jedoch letztlich einen geringeren Umsatz mit ihrem Kernprodukt. Der damalige E.ON-Vorstand Uwe Kolks schreibt hierzu in der FAZ:

„Es darf nicht darum gehen, Kunden möglichst viel Energie zu verkaufen. Stattdessen kommt es auf Beratung an: Welcher Energieeinsatz im Haushalt ist effizient? Energieversorgungsunternehmen wissen das ganz genau, und sie müssen ihr Wissen an die Kunden weitergeben: Mit persönlicher Beratung, im Internet, in Kundenzeitschriften - und das alles noch viel ernsthafter und aktiver als bislang.“1396

Im Fall regionaler Kreislaufwirtschaften werden, aufbauend auf einer lokalen Umweltinitiative, in ganz Deutschland Modelle für ein modernes Wirtschaften getestet. Kurze Wege und weniger Transporte seien das Ziel sowie die Stärkung des lokalen Handwerks und Handels. Veranstaltungen wie beispielsweise ein „‚Tag der Regionen'“ sollen Verbraucher zu regionalem Konsum animieren.1397 Das Besondere an diesem Ansatz ist, dass landwirtschaftliche, handwerkliche und gastronomische Betriebe zusammen mit Bürgerinitiativen und zivilgesellschaftlichen Organisationen wie Slow Food sowie mit der Unterstützung der Politik die regionale Wirtschaft fördern. So wird etwa das Bier der Brauerei Felsenbräu „von den Menschen aus jener Region getrunken, aus der die Rohstoffe und die Hackschnitzel stammen.“1398

Insgesamt wurden ConSR und CSR eher selten als sich verdrängend beschrieben. Verdrängung würde ein „Entweder-Oder“ bedeuten: Entweder die Unternehmen oder die Konsumenten tragen Verantwortung für den Klimaschutz. Da es vor allem auch Unternehmen sind, die Konsumenten eine besondere Marktmacht zuweisen (siehe Kapitel 5.4.3.4), wird den Unternehmen jedoch von Verbraucherschützern vorgeworfen, ihre Verantwortung auf die Konsumenten abwälzen zu wollen.1399 Hier finden somit von beiden Seiten typische Abwehrstrategien Anwendung.1400

Im Hinblick auf die Gesamtfazits auf der Artikelebene (siehe Kapitel 5.4.6 und 5.5.4) lässt sich im Vergleich ersehen, dass die ConSR zwar etwas kontroverser debattiert wird als die CSR, jedoch hier keine signifikanten Unterschiede feststellbar sind. Konsumenten und Unternehmen wird gleichermaßen Verantwortung für eine klimaschonende Ernährung zugeschrieben.

 
< Zurück   INHALT   Weiter >