< Zurück   INHALT   Weiter >

6.2 Schlussbemerkungen

Ausgangspunkt dieser Arbeit war die Feststellung, dass eine Verantwortung von Konsumenten für eine nachhaltige Entwicklung zwar notwendig ist und auch vielfach gefordert wird, dass jedoch gleichzeitig zentrale Einwände gegen diese Verantwortung bestehen. Angesichts dieser Kontroversen wurde der Bedarf an einem Konzept identifiziert, mit dessen Hilfe Konsumenten Verantwortung so zugeschrieben werden kann, dass sie weder überfordert noch völlig aus der Verantwortung entlassen werden. Es galt, der Gefahr der „Totalisierung der Verantwortung“ (Birnbacher 1995, S. 143) des Einzelnen einerseits sowie der Diffusion von Verantwortung andererseits eine adäquate und zumutbare Definition moralischer Zuständigkeiten entgegenzustellen, die situationssensibel auf die jeweiligen Handlungsumstände und -begrenzungen der Akteure reagiert. Im vierten Kapitel der Arbeit habe ich hierfür verschiedene Modelle kollektiver und geteilter Verantwortungszuschreibung vorgestellt und diskutiert. Mit ihrer Integration in ein Positionsmodell der geteilten Verantwortung konnte ein grundlegendes Konzept erarbeitet werden, das den gestellten Anforderungen entspricht. Die klassischen Kriterien der Verantwortungszuschreibung (Kausalität, Freiheit, Wissentlichkeit, Willentlichkeit) wurden dabei modifiziert und insbesondere das Kausalitätskriterium wurde um das Kriterium der Beteiligung an kollektiven Handlungskontexten erweitert. Das Positionsmodell erlaubt nicht nur die Begründung der Verantwortungszuschreibung an einzelne Teilnehmer eines Handlungskontexts. Es ermöglicht auch die Verhältnisbestimmung der Verantwortlichkeiten unterschiedlicher beteiligter Akteure, die im gemeinsamen sozialen Handlungsraum unterschiedliche Positionen einnehmen und dadurch mit unterschiedlichen Ressourcen und Einflussmöglichkeiten ausgestattet sind. Diese Verhältnisbestimmung ist besonders dann zentral, wenn die Akteure gegenseitig ihre Handlungsspielräume beeinflussen können, wie es bei Unternehmen und Konsumenten der Fall ist. Im Zusammenhang mit dem Positionsmodell wurde zudem die Unterscheidung von individueller und kollektiver Verantwortung von Individuen eingeführt, die sie sich jeweils mit anderen Beteiligten teilen. Während sich die individuelle Verantwortung auf den eigenen Schadensbeitrag bezieht bzw. auf dessen Vermeidung, ist die kollektive Verantwortung von der Interaktion untereinander sowie von den Rahmenbedingungen der Handlungsstrukturen geprägt.

Das Positionsmodell ermöglicht schließlich auch die Bestimmung der Handlungsmöglichkeiten der Akteure zur Umsetzung ihrer Verantwortung. Für Konsumenten stellt sich diese als ein Verantwortungsraum dar, der von vier Eckpfeilern gestützt ist: dem der Information, der Veränderung eigener Verhaltensweisen, der Einflussnahme auf andere Beteiligte im System, d. h. sowohl andere Konsumenten als auch Unternehmen, und schließlich der Einflussnahme auf das System „von außen“ über den (traditionellen) politischen Weg. Die Wahrnehmung der eigenen Verantwortung erfolgt innerhalb des Verantwortungsraums und muss von den Akteuren selbst im Dialog mit Betroffenen konkretisiert werden. Mit dem Verantwortungsraum lassen sich somit keine verbindlichen Handlungsvorschriften erstellen, sondern nur Handlungsoptionen. Dies entspricht dem Verantwortungskonzept, das klassische Pflichten dort ersetzt, wo eindeutige Pflichtkataloge und Anweisungen keine Handlungsorientierung mehr leisten können, da sie auf die Komplexität der Situation keine adäquaten Antworten geben.

Auch das hier vorgestellte Modell der Consumer Social Responsibility liefert folglich kein Patentrezept und keine eindeutige Handlungsanweisung an Konsumenten. Dies wäre vom moralphilosophischen Standpunkt aus „unverantwortlich“, da Konsumenten eine heterogene Gruppe sind, die unterschiedlichen Handlungsnotwendigkeiten entsprechen müssen und über unterschiedliche Ressourcenausstattungen, kognitive Kapazitäten und Handlungsspielräume verfügen. Die Offenheit des Verantwortungsraums ist insofern notwendig, führt jedoch auch dazu, dass es zu einem großen Teil dem Individuum überlassen bleibt, inwieweit es seine Verantwortung wahrnimmt und ausgestaltet.

Da die Anerkennung und Wahrnehmung der eigenen Verantwortung jedoch einer besonderen Motivation und Einstellung der Akteure bedarf, ist der gesellschaftliche Dialog zentral, in dessen Rahmen Verantwortlichkeiten angesprochen, diskutiert und ausgehandelt werden. Die empirische Analyse der Attributionen an Konsumenten und Unternehmen konnte dabei zeigen, dass dieser Dialog in der SZ und der FAZ intensiv geführt wird. Im Bedarfsfeld Ernährung wird Konsumenten für die Veränderung eigener Verhaltensweisen trotz einiger Einwände Verantwortung zugeschrieben. Dabei wird vor allem die Reduktion des Fleischkonsums, etwa durch einen vegetarischen Tag in der Woche, als zumutbare und umsetzbare Handlungsoption anerkannt, mit der Konsumenten einen Beitrag zum Klimaschutz leisten können. Zentraler Aspekt der Auswertung war jedoch auch die Begründung und Herleitung der Verantwortung, mit deren Hilfe das Positionsmodell im spezifischen Fall angewendet und veranschaulicht werden konnte.

Hinsichtlich der Beziehung von Consumer und Corporate Social Responsibility lässt sich über die Synthese in Kapitel 6.1 hinaus hinzufügen, dass ihre Verschränkung in den Zeitungsartikeln vor allem dann explizit thematisiert wurde, wenn das Mitwirken der anderen Seite nicht gewährleistet war und eine Begrenzung des Handlungsspielraums darstellte. Insgesamt wurde deutlich, dass eine Perspektive auf gemeinsame Handlungsoptionen beispielsweise im Sinne der „Verantwortungsgemeinschaft“ noch nicht verbreitet ist.

Aus dieser Zusammenschau der Arbeit lassen sich nochmals die verschiedenen Stränge herauslesen, die ich in meiner Arbeit miteinander verknüpft habe. Dies waren insbesondere

Ÿ die moralphilosophische Unterfütterung und Begründung der Konsumentenverantwortung

Ÿ die Darstellung von Handlungsalternativen und -räumen für nachhaltige und verantwortliche Konsummuster

Ÿ die empirische Untersuchung der öffentlichen Zuschreibung von Verantwortung sowie

Ÿ das Verhältnis von Consumer und Corporate Social Responsibility.

Die unterschiedlichen Stränge eröffnen jeweils vielzählige Anschlussfragen und Untersuchungsfelder, auf die ich an dieser Stelle mit ein paar Worten eingehen möchte.

Bezüglich der verantwortungstheoretischen Begründung der Konsumentenverantwortung wäre es, erstens, wünschenswert, eine systematische Begründung der Gegenposition, d. h. der Kritik oder sogar Zurückweisung der Konsumentenverantwortung, anzustoßen. Meinem Eindruck nach besteht hier bisher kein überzeugendes Konzept, obwohl eine vertiefte theoretische Debatte dem Gegenstand der Consumer Social Responsibility sowie seiner verstärkten Integration in die Wirtschaftsethik dienlich wäre und insgesamt zu seiner konzeptionellen Weiterentwicklung führen könnte. Die Notwendigkeit der weiteren konzeptionellen Vertiefung sehe ich auch bei der Verschränkung der Consumer und Corporate Social Responsibility, vor allem im Hinblick auf die vier Szenarien, die ich im letzten Abschnitt dargelegt habe.

Bei der Frage nach den Handlungsspielräumen der Konsumenten habe ich, zweitens, ein ganzes Sammelsurium von Möglichkeiten dargestellt, inwieweit Konsumenten verantwortlich im Sinne von nachhaltig handeln können. Offensichtlich ist es weniger ein Problem der Optionen als der Motivation und Wahrnehmung der moralischen Relevanz des eigenen Handelns, die die Umsetzung behindert. Selbst wenn es an vielen Stellen an Geld, Zeit oder Wissen mangelt, könnte jeder Konsument einen Ansatzpunkt für die Veränderung eigener Verhaltensweisen finden. Da ich das Ergebnis meiner Arbeit hauptsächlich als Beitrag zur normativen Grundlage für die Forderung und Förderung sowie für die weitere Forschung zur Umsetzung nachhaltiger Konsummuster ansehe, habe ich diese lediglich gestreift. Zusätzlich zu den vielen Forschungsansätzen, die in diesem Feld bereits bestehen,1464 sehe ich auch hier im Anschluss an meine Arbeit zunächst vor allem Bedarf im Bereich der gemeinsamen Verantwortungsbeziehungen von ConSR und CSR, um zukünftig die Potenziale der gegenseitigen Unterstützung besser nutzen zu können.1465 Es ist darüber hinaus auffällig, dass die Untersuchungen zu den Dialogen über die Konsumentenverantwortung und die Perzeption der eigenen Verantwortung oftmals nicht über den Befund des Attitude Behaviour Gap hinauskommen. Ich meine, dass es lohnenswert wäre, nicht nur die Kluft zwischen der Einstellung zu sozialen und ökologischen Themen und dem individuellen Handeln zu untersuchen, sondern darüber hinaus die Auffassung und Interpretation der eigenen Verantwortungsrolle durch den Konsumenten sowie sein Gespräch mit anderen darüber stärker zu fokussieren. Aus dieser Perspektive besteht vielleicht gar keine Kluft zwischen Einstellung und Handeln, da der Konsument zwar soziale und ökologische Ziele für gut befindet, sich aber möglicherweise selbst gar nicht in der zuständigen Rolle sieht. In Kapitel 4.3.3 habe ich Calhouns Konzept des unkonventionellen moralischen Kontexts zur Erklärung hierfür angewendet.

Damit lässt sich, drittens, auch an meine Studie der öffentlichen Verantwortungszuschreibung anschließen. Die vorliegende empirische Untersuchung ist beispielhaft aufzufassen, wodurch sie an verschiedene Grenzen stößt, die in einer möglichen zukünftigen Erweiterung stärker fokussiert werden müssten. Zunächst bildet sie Ausschnitte möglicher deliberativer Argumentationen ab und kann somit lediglich argumentative Tendenzen aufweisen. Unter anderem aufgrund der Auswahl der analysierten Medien wurde zudem vorrangig ein Expertendiskurs abgebildet, der auf einem hohen Abstraktionsniveau verbleibt. Das war für mein Vorhaben der beispielhaften Darstellung der Theorieanwendung ausreichend. Um die Verhandlungen über die eigene Verantwortung des Konsumenten im Alltagskontext zu untersuchen, wäre eine noch größere Analysetiefe zum Beispiel im Rahmen von Gruppendiskussionen, Interviews und ethnographischen Untersuchungen ein vielversprechender weiterer Schritt.1466

Neben einer Vertiefung der Untersuchung von Attributionsprozessen könnte zudem eine Ausweitung auf andere Zeitungen und Medienformate, Zeiträume und vor allem auch Handlungsfelder der nachhaltigen Entwicklung angestrebt werden. Hierfür wäre es gewinnbringend, die Attributionen im internationalen Vergleich zu analysieren, um hier kulturelle, gesellschaftliche, politische, ökonomische und nicht zuletzt mentale Unterschiede erkennen zu können, die schließlich insgesamt eine Verantwortungskultur konstituieren.

Abschließend soll noch eine wichtige „Lücke“ meiner Arbeit angesprochen werden, die sich auf den Triangle of Change der nachhaltigen Entwicklung aus Konsumenten, Unternehmen und politischen Akteuren bezieht. Insgesamt könnte der Eindruck entstanden sein, dass mit der Verantwortung von Unternehmen und Konsumenten die Ebene der politischen Regulierungen und Maßnahmen hinfällig sein soll und dass den Wirtschaftsakteuren alleine die Veränderung des marktwirtschaftlichen Systems zugesprochen wird. Dies soll jedoch nicht das Ergebnis dieser Arbeit sein. Es soll nicht um ein Entweder-Oder der Handlungsoder der Ordnungsverantwortung gehen, sondern um ihre Verschränkung. Wie ich in der Einleitung verdeutlicht habe, stoßen sowohl das Handeln einzelner Akteure als auch die Möglichkeiten der Politik in globalen Handlungskontexten an ihre Grenzen und benötigen die Unterstützung der jeweils anderen Ebene. Wenn insofern die Politik in aktuelle Konsum- und Produktionsmuster eingreifen soll, stellt das in dieser Arbeit vorgelegte Konzept eine mögliche moralische Begründungsbasis zur Verfügung. Dabei gilt nach Maring das Subsidiaritätsprinzip: „So viel (individuelle) Selbst-, Eigenverantwortung wie möglich, so viel Verantwortung auf der nächsten Ebene wie nötig“ (Maring 2011, S. 109).

Der Politik fällt in diesem Zusammenhang vor allem die Rolle der Instanz zu, die zum einen sanktionierend, zum anderen jedoch auch unterstützend in das Marktgeschehen eingreifen kann. Dies kam auch in den analysierten Zeitungsartikeln zum Ausdruck: Einerseits soll sie die Umsetzung der Verantwortung von Unternehmen und Konsumenten fordern und fördern, andererseits ist sie auch in der Position, darauf zu achten, dass die Akteure nicht überfordert werden und die Ansprüche zumutbar bleiben – hier ist wiederum das Positionsmodell der Verantwortung bei der genauen Analyse der entsprechenden Zielsetzungen und Maßnahmen hilfreich. Diese Aufgabe der Politik wurde in den Zeitungsartikeln etwa im Hinblick auf die Frage reflektiert, wie zwar mehr Klimaschutz von den Landwirten gefordert werden kann, die Maßnahmen jedoch nicht zu einem untragbaren Nachteil für die Bauern werden.1467 Auch die Diskussion um den Kühlschrank-Bonus fällt in diesen Bereich, da die Politik sich hier der Aufgabe gegenüber sieht, die Potenziale einkommensschwacher Haushalte zum verantwortlichen Konsum zu erweitern.1468 Schließlich kann die Politik die Realisierung einer gemeinsamen Verantwortung von Konsumenten und Unternehmen unterstützen und hier als „Mittlerinstanz“ auftreten. Als Beispiele aus den Artikeln seien hier genannt:

Ÿ Die Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit bei der Produktkommunikation können durch staatliche Kontrollen und Kennzeichnungen gefördert werden.1469

Ÿ Durch die Gestaltung von Anreizen können Angebot und Nachfrage von Produkten besser ineinander greifen.1470

Ÿ Die Einführung von neuen Systemlösungen kann, wie im Fall der intelligenten Stromzähler, von der Politik eingefordert und begleitet werden.1471

Ÿ Die regionale Politik kann zudem regionale Wirtschaftskreisläufe unterstützen, indem sie die verschiedenen involvierten Akteure zusammenbringt und koordiniert.1472

Kollektive Lösungen sind insgesamt deshalb wünschenswert, da sie das Individuum bei der Aufgabe seiner Verantwortung unterstützen und entlasten können. Sie können es jedoch nicht völlig aus seiner Verantwortung entlassen. Insgesamt bleibt die Consumer Social Responsibility wie die Corporate Social Responsibility eine höchst anspruchsvolle Aufgabe, die den Akteuren nicht völlig abgenommen werden kann.1473

Es ist ein schmaler Grat zwischen der Begründung moralisch höchst wünschenswerter Normen und Ziele sowie der möglicherweise berechtigten Forderung an die beteiligten Akteure sie umzusetzen einerseits und der Gefahr ihrer Bedeutungslosigkeit andererseits, da sie die Akteure überfordern und alltagspraktisch keine Anwendung finden (können). Im Hinblick auf die Consumer Social Responsibility bezeichnet Hellmann dies als „Frage der Verantwortung bei der Zurechnung von Konsumentenverantwortung“ (Hellmann 2011). Auch vor dieser „Meta-Verantwortung“ gilt es letztlich nicht zurückzuschrecken oder sie gar von sich zu weisen, sondern sie unter anderem mit Hilfe des vorgestellten Positionsmodells und gemeinsam mit den beteiligten Akteuren aktiv zu übernehmen.

 
< Zurück   INHALT   Weiter >